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Ihr Vater fuhr wohl die letzte Dampflok durch Markt Schwaben

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Von: Jörg Domke

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Rosemarie Leister zeigt ein nachkoloriertes Bild, das ihren Vater Michael Schmidt im Führerstand einer Dampflok zeigt.
Rosemarie Leister zeigt ein nachkoloriertes Bild, das ihren Vater Michael Schmidt in den 60er oder 70er Jahren im Führerstand einer Dampflok zeigt. © jödo

Rosemarie Leister aus Gelting ist sich sicher: Ihr Vater war einer der letzten Dampflokführer in Schwaben. Ein Besuch bei der 77-Jährigen, die sich gerne erinnert.

Gelting/Markt Schwaben – Die ausführliche Lektüre der Ebersberger Zeitung haben sich die Eheleute Rosemarie und Adolf Leister aus Gelting schon seit Jahrzehnten zur täglichen Pflicht gemacht. „Ohne unsere Zeitung fehlt uns etwas“, sagt die 77-Jährige und schaut zu ihrem Mann. Natürlich war dem Paar auch der Vorbericht zur inzwischen eröffneten Jahresausstellung des Markt Schwabener Heimatmuseums, Thema „150 Jahre Bahnlinie“, aufgefallen. Garniert mit einem großen Foto einer Dampflok von 1952, die durch den Bahnhof der Marktgemeinde fuhr.

Eine Lok, wie sie auch ihr Vater Michael Schmidt drei Jahrzehnte lang bediente. Gut möglich, so die Geltingerin, dass er auch derjenige war, der die letzte Dampflokomotive überhaupt durch den Bahnhof der Marktgemeinde führte. Michael Schmidt war nämlich noch tätig im Führerstand der legendären „52“, als die Deutsche Bundesbahn längst ihren Zugbestand auf Elektro- bzw. Dieselloks umgestellt hatte.

Die Strecke München – Mühldorf war die, die der Papa einst nahezu täglich befuhr: Im Personen- ebenso wie im Güterverkehr. Manchmal, so erinnert sich Rosemarie Leiser, sei er auch auf der Salzburger Strecke zum Einsatz gekommen.

Mit Hochachtung denkt Rosemarie Leister an ihren Vater, den Lokführer Michael Schmidt

Gewohnt hatte die Familie mit Vater, Mutter und drei Kindern damals in Trudering. Rosemarie war „die Mittlere“. Vom „Eisenbahnerhaus“ aus, wie man damals sagte, nahm Michael Schmidt bei Wind und Wetter das Rad, um zum Betriebswerk nach Berg am Laim zu kommen, wo er seinen Lokführerdienst antrat. Oft, erinnert sich die Geltingerin, sei der Vater nachts unterwegs gewesen. Nicht selten auch habe er nachts auswärts übernachten müssen.

In Erinnerung geblieben ist der heute 77-Jährigen vor allem jedoch die grenzenlose Liebe des Vaters zu seinem Beruf. Und zu seinen Dampfloks.

Doch Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre, änderte sich vieles im Bahnwesen. Dampfrösser verschwanden immer mehr. Michael Schmidt, damals fast schon 60 Jahre alt, blieb nichts anderes übrig, als sich auch auf den Elektrozügen schulen zu lassen. „Er hat die Ausbildung gemacht, aber er war unglücklich dabei“, ist sich Rosemarie Leiser noch heute, gut 50 Jahre später, sicher.

Was die Familie damals besonders freute, war die Tatsache, dass die Bundesbahn ihrem treuen Dampflokführer in seinen letzten Dienstjahren außergewöhnlich empathisch entgegenkam. So sehr, dass sogar eine Münchner Boulevardzeitung auf Schmidt aufmerksam wurde und am 17. September 1970 einen großen Bericht veröffentlichte. Michael Schmidt hatte nie ein Hehl daraus gemacht, dass ihm die Elektroloks nicht liegen. Doch die Bahn wollte den verdienten Mitarbeiter nicht einfach so in Pension schicken. Deshalb, berichtete die „Bild“-Zeitung 1970, hatte man eine gute alte Dampflok aus Mühldorf kommen lassen, mit der Schmidt danach noch eine Weile täglich in München rangierte. Eine wohl auch heute noch längst nicht alltägliche Geste eines Arbeitgebers, der den Zeitungskollegen damals sogar ein Kommentar wert war. Die Bundesbahn-Direktion München habe mit dieser Entscheidung unter Beweis gestellt, dass der Mensch das Maß aller Dinge sei; „auch in dieser Zeit der harten Technokraten“.

Bahn aktivierte eigens eine Dampflok, um den verdienten Mitarbeiter weiter zu beschäftigen

Rosemarie Leiser übrigens hatte nie das Vergnügen, einmal mit Papa vorne im Führerstand die Faszination Dampfloks zu erleben. Aber an ein besonderes Erlebnis erinnert sie sich doch: Damals, als sie 13, 14 Jahre alt war, hatte es mit einigen anderen Mädchen der katholischen Jugend einen Ausflug mit der Bahn nach Kreuzstraße gegeben. Als die Damen ausstiegen und im Bahnhof an der Lok vorne vorbeiliefen, bemerkte Rosemarie, dass der Zug von Papa und dessen Lok gezogen wurde.

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