Gewalt gegen das eigene Kind: Kein Erziehungsmittel, sondern eine Straftat.  (Symbolbild)
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Gewalt gegen das eigene Kind: Kein Erziehungsmittel, sondern eine Straftat. (Symbolbild)

Körperverletzung und Kindesmisshandlung in mehr als 80 Fällen

Vater steckt Kind mit Kopf in Toilette, Schläge, Demütigungen: Qualen zur Erziehung von Erstgeborenem

Sein ältester Sohn sollte ein würdiges Familienoberhaupt werden - für dieses Erziehungsziel nahm ein Vaterstettener in Kauf, dass das Kind schon in der Grundschule Qualen leiden musste.

Vaterstetten – Sein ältester Sohn sollte ein würdiges Familienoberhaupt werden, darum machte ein Vaterstettener dem Kind das Leben zur Hölle: Er schlug es regelmäßig, sogar vereinzelt mit einem Gürtel oder einer Holzlatte, tauchte es einmal mit dem Kopf in die Kloschüssel und spülte.

Die Anlässe für diese Ausraster: meist nichtig. Als der Grundschüler eine Mathe-Aufgabe nicht zügig genug lösen konnte, rammte ihn der Vater mit dem Kopf gegen die Tafel, an der er ihn antreten hatte lassen. Als das Kind nicht aufessen wollte, zwang er ihm gekochte Karotten auf – bis zum Erbrechen. Einmal räumte der Vater Bett und Matratze aus dem Zimmer, der Sohn schlief auf dem nackten Boden.

Im Alter von acht bis zehn Jahren musste das Kind solche Strafen ertragen, immer wieder verbunden mit Drohungen wie jener, dass er die Fäkalien aus der Kloschüssel essen müsse, wenn er nicht richtig hinunterspüle.

Kindesmisshandlung und Körperverletzung in mehr als 80 Fällen

Aus dem Bestrafer wurde nun der Bestrafte: Der 43-jährige studierte Chemiker, der heute in der Nähe von Bad Tölz lebt und in der IT-Branche selbstständig ist, stand am Mittwoch vor dem Ebersberger Schöffengericht – wegen Kindesmisshandlung und Körperverletzung in mehr als 80 einzelnen Fällen. Vor dem Gefängnis bewahrte ihn nur, dass er alle Taten zugab und sich reuig zeigte. „Ich war meiner erzieherischen Verantwortung nicht gewachsen“, ließ der Angeklagte im Prozess über seinen Anwalt verlesen.

Auch wenn er den größten Teil seiner Kindheit und seines Erwachsenenlebens in Deutschland verbracht habe, sei er in Jordanien geboren; im arabischen Kulturkreis, dem er sich zurechne, müsse der älteste Sohn in der Familie Verantwortung übernehmen. „Ich habe dafür viele Grenzen überschritten, was ich heute zutiefst bereue“, heißt es in der Erklärung des Vaters weiter. Gegenüber seinen drei jüngeren Kindern sei er nie so ausgerastet. Aber auch seinem Erstgeborenen sei er immer zugeneigt gewesen: „Der Erziehungsgedanke stand im Vordergrund.“ Dabei habe er aber „zum großen Teil versagt“.

Sein Geständnis und seine Reue retten den Vater vor dem Gefängnis

Die ganze Familie erlebte damals, 2014 bis 2017, stürmische Zeiten: Das Kind flog wegen psychischer Probleme und Ausrastern von einer jordanischen Schule, kam deshalb von der dort lebenden Mutter zum Vater nach Vaterstetten. Der, gebeutelt von beruflichen und privaten Krisen, bestellte alle paar Tage Schnaps, Wein und kastenweise Bier im Internet – eine Trinkerei, die das Verhalten gegenüber seinem Kind verschlimmerte.

In dunkler Hose und Pulli und mit weißem Hemdkragen, die Arme verschränkt, hörte der Angeklagte aus dem Mund seines Verteidigers sein eigenes Bekenntnis: „Für meine Taten übernehme ich heute die Verantwortung.“

Vier Jahre lang muss der Verurteilte Geld an den Kinderschutzbund und an den Sohn zahlen

Gemeinsam mit den beiden Schöffenrichtern verurteilte Amtsrichter Manfred Nikol den 46-Jährigen zu zwei Jahren Haft, die er zur Bewährung aussetzte – bei einer Strafe von mehr als 24 Monaten wäre das nicht möglich. Während der Bewährungsfrist, die vier Jahre beträgt, muss der Verurteilte zudem monatlich je 150 Euro an den Ebersberger Kinderschutzbund sowie auf ein Sparkonto zugunsten seines Sohnes überweisen, das der heute 14-Jährige zu seinem 18. Geburtstag ausbezahlt bekommt. Das Kind lebt mittlerweile mit seiner vom Vater geschiedenen Stiefmutter in einem anderen Bundesland. Beide sagten nicht in dem Prozess aus.

Josef Ametsbichler, Raffael Scherer

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