Klaus Breindl im Rückspiegel eines Autos.
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„Ich habe mich noch nie so viel mit Autos befasst wie in der Zeit, seit ich kein eigenes mehr habe“, sagt der Vaterstettener Autoteiler-Guru Klaus Breindl. Auch dank seines Engagements gibt es heute elf Vereine im Landkreis.

Seit über 30 Jahren dabei

Autoteiler-Mekka Landkreis Ebersberg: Unterwegs mit dem Carsharing-Pionier

  • Josef Ametsbichler
    VonJosef Ametsbichler
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Klaus Breindl setzt mit seinem Autoteiler-Verein mehr Autos auf die Straße, damit es in Summe weniger werden. Und das ist kein Widerspruch.

Landkreis – Tief im Ebersberger Forst schaltet Klaus Breindl plötzlich einen Gang hoch. Dabei ist der 69-Jährige ein lammfrommer Autofahrer: lieber zehn Stundenkilometer zu langsam als zu schnell, zeitiges Blinken und Schulterblick beim Abbiegen – jeder Fahrlehrer wäre stolz. Jetzt aber, der Blick klebt weiter diszipliniert auf der Strecke, wird der Mann mit den Lachfältchen hinter der Nickelbrille laut.

Während er im roten Corsa mit 90 Richtung Norden rollt, kommt er emotional auf Touren. „Welche Orgien allein fürs kreuzungsfreie Abbiegen gebaut werden!“, ärgert er sich. Breindl hat in der deutschen Volksseele eine kollektive Gewissheit ausgemacht, so nennt er das. Sie lautet: „Ein Auto hat man!“ Der Vaterstettener rüttelt seit 30 Jahren an dieser Gewissheit, so fest er kann.

Autoteiler Breindl schickt Autos auf die Straße, damit es am Ende weniger werden

Klaus Breindl ist so etwas wie der Autoteiler-Guru schlechthin, nicht nur im Landkreis Ebersberg, sondern bayern- und vielleicht bundesweit. Er hat angeschoben, dass mittlerweile 25 Autoteiler-Autos durch seine Heimatgemeinde rollen. Dass es im Landkreis Ebersberg zehn weitere Vereine gibt, was die Region zum Autoteiler-Mekka macht. Dass sie das Vaterstettener Konzept in Traunstein, Kaufbeuren oder Amerang übernommen haben. Ein augenscheinliches Paradoxon: Breindl schickt so viele Autos auf die Straße, wie er kann, damit es in der Summe weniger werden.

Auf einer Rundfahrt durch den Landkreis hat er Zeit, diesen vermeintlichen Widerspruch in aller Ruhe auseinanderzunehmen. Mit seiner Mitgliedskarte hat der Chefautoteiler das Auto kontaktlos aufgesperrt, den Schlüssel aus einem Tresor im Beifahrer-Fußraum gefischt. Zuerst das Grundsätzliche: Ein bisschen verhalte es sich mit dem Deutschen und seinem Automobil so wie mit dem Amerikaner und seinem Schießgewehr. „Ein ähnliches soziologisches Schema“, findet Breindl, auch wenn ein Auto natürlich keine Waffe sei: Wehe dem, der laut daran zweifelt, dass jeder eines haben muss. Dabei koste ein eigenes Auto schon beim Herumstehen ein Heidengeld.

Vaterstettener Autoteiler-Verein: Nicht nur Autos, sondern auch MVV-Abos inklusive

Und wer eins besitze, setze sich hinein, ohne über Alternativen nachzudenken. „Wir wollen, dass die Leute ihre Mobilität vernünftig abwickeln“, sagt Breindl. Wie zum Beweis röhrt links an ihm ein schwerer Kombi vorbei, dem 90 km/h im Wald viel zu langsam sind. Wer bei Breindls Autoteilern Mitglied wird, hat auch Zugriff auf 16 MVV-Abos, ohne Monatsbeitrag. „Es geht nicht darum, dass alle so viel mit unseren Autos fahren, wie es geht.“ Es soll eins da sein, wenn man es wirklich braucht. „Autoteiler fahren viel mit dem Rad“, sagt Breindl.

„Tankdeckel rechts“, steht vor ihm auf dem Armaturenbrett. Daneben klebt ein Rauchverbotsschild. Im Handschuhfach liegen Warnwesten, Straßenkarten und eine Taschenlampe. Grundausstattung jedes Autoteiler-Autos. Sein eigenes hat Breindl seinem Schwager verkauft. 1992 war das, in dem Jahr, als er mit Gleichgesinnten die Vaterstettener Autoteiler (VAT) gründete. Damals fuhr er gleich mit seiner Frau nach Korsika in den Urlaub – das brachte Kilometer auf den Tacho und Geld in die Vereinskasse. 10 000 Kilometer muss ein Autoteiler-Auto jährlich fahren, damit der Verein kein Minusgeschäft macht. Heute fahren die Vaterstettener Autos im Schnitt fast das Doppelte. Manche Mitglieder sind damit wochenlang im Urlaub. „Da gibt es keine Beschränkungen“, sagt der Autoteiler-Chef. Wer über das vereinseigene Online-Portal gebucht hat, kann in der Zeit fahren, wie er will. Spritkosten inklusive.

Bereits über 500 Vereinsmitglieder teilen sich Fahrzeuge - obwohl sie bereits ein Auto haben

Kaum eins der mehr als 500 Mitglieder in der Gemeinde Vaterstetten hat es weiter als 300 Meter zum nächsten Autoteiler-Auto, erzählt Breindl. Das sei ein Grund, weshalb die Fahrzeuge vom Kleinwagen bis zum Transporter gut ausgelastet seien. Auch Leute mit eigenem Auto seien froh, wenn sie sich mal einen praktischen Stadtflitzer oder einen geräumigen Van ausleihen könnten. So verzichteten viele aufs Zweitauto. Ein Autoteiler-Auto könne zehn selten genutzte Privatfahrzeuge ersetzen.

Der 69-Jährige ist auf die Bundesstraße von Hohenlinden nach Forstinning eingebogen. Mit seinen 90 Sachen hat er zwei, drei Autos im Rückspiegel. Irgendwie sinnbildlich, dass er ein wenig den Verkehr aufhält. „Ich glaube schon, dass da was geht“, sagt er darüber, ob man den Deutschen von seinem besten Stück, dem Auto, loseisen kann. Der Klimawandel werde ein entscheidender Faktor sein, um den Emissionssektor Individualverkehr zurückzudrängen. „Die Jungen werden das nicht einfach hinnehmen“, sagt Breindl über fortschreitende Erderwärmung und Umweltzerstörung. „Da wird ein Druck entstehen.“ Beim Atomausstieg und beim Rauchverbot hätten sich vermeintliche Mehrheiten auch aufgelöst.

Breindl hilft seit 30 Jahren bei der Gründung von Autoteiler-Vereinen im Landkreis

Muss man die Welt retten wollen, um ein Autoteiler zu sein? Breindl lacht. „Es gibt auch Egoisten bei uns.“ Das sei nicht verwerflich, schließlich rechne es sich. 5000 Kilometer mit dem eigenen Auto seien, Fixkosten und Wertverlust eingerechnet, fast doppelt so teuer wie dasselbe Pensum mit dem Carsharer-Auto. Diese Rechnung hat Breindl auf einen Werbeflyer drucken lassen.

Entscheidend sei, sich mit dem Konzept zu identifizieren und Zusammenhalt und Fehlertoleranz an den Tag zu legen. Schließlich fließe viel ehrenamtliches Herzblut in die Autoteiler-Vereine. „Man kann damit auf dem Land kein Geld verdienen“, erklärt der 69-Jährige, weshalb kommerzielle Projekte meistens scheiterten. Über die vielen Vereine, die Breindl in 30 Jahren bei der Gründung unterstützt hat, sagt er: „Die gibt es alle noch!“ Zurück in Vaterstetten biegt er auf den Parkplatz ein. Bevor er wieder zum Fußgänger wird, gibt es noch was zu tun: Fahrtenbuch ausfüllen.

Auf „Autoteiler-Tour“ durch den Landkreis Ebersberg:

Elektrisch fährt das neueste von fünf Autos im Fuhrpark der Ebersberger Autoteiler – zum Stolz von Vereinschefin Bettina Friedrichs.

So verschieden die Gemeinden im Landkreis sind, so bunt sind auch die Autoteiler-Vereine. Elf Angebote gibt es hier mittlerweile, viele davon sind so vernetzt, dass Mitglieder des einen die Autos des anderen fahren können. Zu den ältesten Angeboten gehört das in Ebersberg – das mit einer echten Neuerung aufwarten kann: Seit wenigen Monaten hat der Verein sein erstes E-Auto in Dienst gestellt, einen Renault Zoe, der dank eines reservierten Ladesäulen-Stellplatzes in der Wildermuth-Straße immer startklar ist. „Ich bin erstaunt, wie viele sich das gleich getraut haben“, sagt Vorständin Bettina Friedrichs. Insgesamt können rund 140 Fahrberechtigte die fünf Autos des Vereins nutzen – von einer Mitgliedschaft kann ein ganzer Haushalt oder gar ein Verein profitieren.

Sein Privatauto überlässt Hubert Möllman (li.) dem Aßlinger Autoteiler-Verein um Vorständin Angela Spiecker (re.).

Zwei Spezialitäten machen den Autoteiler-Verein in Aßling aus. Zum Einen ist dort das Rathaus der Verwaltungsgemeinschaft Mitglied und nutzt eins der beiden Autos als Dienstfahrzeug. Der Gemeinde spare so Geld und Verwaltungsaufwand, führt Vorständin Angela Spiecker aus. Der Verein profitiere, weil die Gemeinde die jährliche Abnahme von 10 000 Fahrtkilometern garantiere – eine wichtige Säule, damit sich der recht junge Verein in der Landgemeinde finanziell trage. „Das hat uns über Corona geholfen“, sagt Spiecker. Noch so ein Helfer ist Hubert Möllmann. Der Aßlinger stellt dem Verein seinen Daihatsu Materia als „Überlassungsfahrzeug“ zur Verfügung, bekommt nur eine Nutzungsentschädigung. „Einfach aus Umweltgedanken“, sagt er. Schließlich könne sich so vielleicht der eine oder andere Neuwagen einsparen lassen. Spiecker, die genau wie ihre Ebersberger Kollegin zum Treffen mit der EZ geradelt kommt, sagt: „Ich fahre nur, was nicht mit dem Fahrrad geht.“ Mittlerweile zähle der 2019 gegründete Verein 18 Mitglieder und rund 40 Fahrberechtigte.

Frisch gestartet sind die Forstinninger Autoteiler (v.li.): Christine Reichl-Gumz mit Antonia (6J.), Marco Witt, Manuela Sepp, Rupert Ostermair und Gerhard Geier.

Die Nesthäkchen unter den Autoteilern im Landkreis sind die Forstinninger. Was ihnen an Erfahrung fehlt, machen sie mit Begeisterung wett. Seit September ist ihr erstes Auto im Dienst. Die Gemeinde, Gründungsmitglied, hat den Forstinningern den besten Stellplatz im Ort zur Verfügung gestellt, direkt neben dem Maibaum. „Wir helfen, wo wir können“, sagt Bürgermeister Rupert Ostermair. Unter den elf Vereinsmitgliedern haben sich genug Willige gefunden, um dem Verein fürs laufende Jahr die Abnahme von 8600 Fahrtkilometern im Voraus zuzusagen – eine wichtige Anschubhilfe. „Wir wollten nicht gleich mit roten Zahlen starten“, sagt Vorstand Marco Witt. Deshalb fangen die Forstinninger mit einem etwas höheren Kilometertarif an. „Jetzt muss eigentlich nur Zeit vergehen“, sagt Vorstand Gerhard Geier. „Und wir brauchen Nutzer, die mit dem Auto fahren“, sagt Mitinitiatorin und Dritte Bürgermeisterin Christine Reichl-Gumz. Eine davon ist Manuela Sepp, die sich als „Autopatin“ um den roten Toyota kümmert. Sie hat das Fahrzeug freitags fest gebucht – und dafür den Leasingvertrag des Zweitautos der Familie auslaufen lassen.

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