Kabinett beschließt weitgehende Abschaffung des Solidaritätszuschlags

Kabinett beschließt weitgehende Abschaffung des Solidaritätszuschlags
+
„Ich würde gerne bleiben“, sagt Charles, der im Friseur-Geschäft von Rita Vollmayer (57) in Vaterstetten arbeitet und sowohl bei den Kolleginnen als auch den Kunden sehr beliebt ist. Er wird das Land aber wohl verlassen müssen. 

Rita Vollmayers Motivation Menschen zu helfen

Ausbildung mit Hindernissen

  • schließen

Eine Friseurin aus Vaterstetten hat mit dem neunten Asylbewerber endlich den richtigen Mitarbeiter gefunden - doch der muss jetzt gehen, zurück nach Nigeria. 

Vaterstetten – Und dann endlich: Es passt. Rita Vollmayer (57) freut sich. Endlich passt es, sagt sie immer wieder. Im letzten Jahr war das, im Sommer. Charles kam in ihren Friseursalon in Vaterstetten, 24 Jahre alt, aus Nigeria, ein Lächeln im Gesicht, Ruhe im Gemüt und eine Haarschneidemaschine in der Hand. Die Maschine hat er sich selbst in Deutschland gekauft und schneidet sich und Freunden damit die Haare. Nach fast schon unzähligen Vorgängern, wie Vollmayer erzählt, war Charles derjenige, der eine richtige Chance bekam in ihrem Friseurladen. Und einen Arbeitsvertrag.

Es fehlen Auszubildende

Charles ist Asylbewerber, 2015 ist er aus Afrika geflohen, seitdem wohnt er in Ebersberg. In Afrika hatte er einen Barber-Shop, er hat Männern die Haare rasiert. Ein wenig anders als ein deutscher Friseur, aber immerhin, dachte sich Vollmayer, als sie ihn 2016 kennengelernt hatte. Bei einer Jobbörse war das, in Ebersberg. Die Unternehmen der Region stellten sich vor, Flüchtlinge aus dem Landkreis konnten sich informieren.

Aus gutem Grund, wie Rita Vollmayer sagt: „Uns fehlen Auszubildende.“ Seit Jahren sucht sie Nachwuchs für ihren Salon. Und weil sie auch etwas für die Integration von Flüchtlingen machen wollte, gab sie einigen eine Chance. Genau gesagt: neun. Acht von Ihnen, die meisten aus Afrika und Syrien, hätten nicht gepasst. Oft sei das nur einen Tag gut gegangen, erzählt Vollmayer. Sie kann darüber lächeln. Ans Aufgeben hat sie nie gedacht.

Dann kam Charles. Und er passte, wie schon erwähnt. Er bekam zum 1. Januar dieses Jahres sogar einen Ausbildungsvertrag. Eigentlich eine „große Chance“ für Charles, wie er sagt. Eigentlich.

24. Januar: Der Bescheid des Bundesamtes für Migration ist offiziell. Darin steht: Der Asylantrag wird abgelehnt. In der Anrede der Name von Charles. „Der Antragsteller ist kein Flüchtling“, heißt es. Und: Binnen 30 Tage solle der 24-Jährige Deutschland verlassen. Rita Vollmayer liest den Bescheid, immer und immer wieder. Einige Seiten ist das Schreiben lang. Es wird genau erklärt, warum Charles gehen muss: Charles habe „keine Verfolgungsgründe vorgetragen“, aus denen sich ein „Flüchtlingsschutz“ ableite.

Friseurladen geht in Flammen auf

Was in Nigeria passiert sei und warum er nach Deutschland kam, erzählt Charles unserer Zeitung: Es gebe konkurrierende Gruppen in Nigeria, Männer, die andere bedrohen und erpressen. Er sei von solchen Männern bedroht worden, seinen Friseurladen hätten sie niedergebrannt. Die Behörden in Deutschland blieben kritisch, seine Probleme in Nigeria seien Sache der örtlichen Polizei. Und es blieben Fluchtmöglichkeiten für Charles in Nigeria, sollte die Schutzmöglichkeit der nigerianischen Polizei eingeschränkt sein, heißt es in dem Schreiben. Charles gibt offen zu, dass er sich ein besseres Leben in Deutschland erhofft habe und deshalb hier ist. Dennoch hätte er in seiner Heimat ständig Angst, dass im etwas zustoße. Familie habe er so gut wie keine.

Februar: Rita Vollmayer huscht durch den Friseursalon. „Wenn Charles wirklich gehen muss, muss er gehen“, sagt sie. Wir drehen da keine krummen Dinge. Aber unversucht will die 57-Jährige nichts lassen. Sie hat einen Anwalt eingeschaltet. Es gehe ihr darum, den Leuten, die hier sind, und sich angemessen benehmen, arbeiten wollen und lieb sind, eine Chance zu geben. Mit Charles treffe es den Falschen, der gehen muss, sagt die Friseurin. Der 24-Jährige arbeitet immer noch im Salon, es mache im viel Spaß. Aber: Seine Angst wächst jetzt von Stunde zu Stunde. Bis Ende Februar müsste er ausreisen. Wie und ob er das mache? Alles offen. Er mache sich ständig Gedanken, wie es sei, zurück in Nigeria zu sein, erzählt er.

„The country is hot“, sagt er. Das Land sei heiß, also gefährlich. Er sitzt ruhig am Tisch und blickt zu Rita Vollmayer. Die zwinkert ihm zu.

Im Landkreis leben 142 nigerianische Asylbewerber

Eine Abschiebung nach Nigeria stellt die deutschen Behörden vor große Probleme: Im Landkreis Ebersberg seien bisher noch keine Nigerianer in ihr Land abgeschoben werden, schreibt das Landratsamt. Das scheitere meist an fehlenden Ausweispapieren. „Allerdings gab es Rückführungen nach dem Dublin-Abkommen in das Erst-Einreiseland“, teilt die Behörde mit.

Flüchtlinge aus Nigeria haben es in Deutschland grundsätzlich schwer, denn die Asyl-Anerkennungsquote ist niedrig – unter zehn Prozent. Im Landkreis Ebersberg leben aktuell 142 nigerianische Asylbewerber. „Bei zehn Nigerianern wurden im letzten Jahr die Asylanträge abgelehnt“, teilt das Landratsamt mit.

Wie es mit Charles weitergeht, steht noch nicht fest. Er sagt: „Ich würde gerne bleiben.“ Arbeiten und sein eigens Geld verdienen, ohne dass er Geld vom Staat brauche, das sei sein Ziel. Mit der deutschen Sprache klappe es schon ganz gut, erzählt er. Regelmäßig habe er einen Kurs an der Volkshochschule besucht – bezahlt hat den Rita Vollmayer.

„Soll das am Ende alles umsonst sein?“

„Wir machen etwas, um Menschen zu integrieren“, sagt sie. „Soll das am Ende alles umsonst sein?“ Das Landratsamt in Ebersberg betont, gerade wenn Asylbewerber während ihres Verfahrens eine Ausbildung machen, könne seit 2016 eine sogenannte Ausbildungsduldung beantragt werden. Dies gilt aber nicht, wenn der Ablehnungsbescheid schon erlassen – wenn auch noch nicht zugestellt – ist und danach eine Ausbildung angetreten wird. Bei Charles wird das wohl der Fall sein.

Sollte Charles wirklich gehen müssen, wird Rita Vollmayer nicht aufgeben. Sie möchte wieder einen Asylbewerber anstellen, dann aber will sie früher mit den Behörden sprechen, damit wirklich alles am Ende passt.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Maroder Spielplatz: Eltern sehen Gefahr, Gemeinde nicht
Es ist eine Burg aus Holz, ein Spielgerät und in die Jahre gekommen. Eltern sehen den Kletterturm in Baldham als gefährlich. Die Gemeinde verweist auf ständige …
Maroder Spielplatz: Eltern sehen Gefahr, Gemeinde nicht
Levi aus Haag
Finn freut sich schon. Bald hat er einen Spielkameraden. Levi ist das zweite Kind von Kim und Mathias Frank aus Haag und hat am 18. August in der Kreisklinik Ebersberg …
Levi aus Haag
Ein Grafinger und Bayerns erste Bierschaumpumpe
Bier ohne Schaum? Grausam! Der Grafinger Glasbläser Rudolf Klinger (59) hat deshalb jetzt zur Selbsthilfe gegriffen. Mit einer ungewöhnlichen Erfindung.
Ein Grafinger und Bayerns erste Bierschaumpumpe
Vierter Meningitis-Fall: Gesundheitsamt beunruhigt
Der vierte Fall von lebensbedrohlicher Hirnhautentzündung im Landkreis innerhalb kurzer Zeit stellt die Fachleute vor ein Rätsel.  Zuletzt hatte sich ein 21-jähriger …
Vierter Meningitis-Fall: Gesundheitsamt beunruhigt

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion