Es tut den jungen Ärzten gut, dass sie ihre Zeit einschränken. Das steht ihnen zu. Almut Schweizer, Arzt-Ehefrau, über Allzeit-Erreichbarkeit
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Es tut den jungen Ärzten gut, dass sie ihre Zeit einschränken. Das steht ihnen zu. Almut Schweizer, Arzt-Ehefrau, über Allzeit-Erreichbarkeit

Wandel in der Branche

Ehemaliger Hausarzt sagt über seinen Beruf: „Der Computer hat viel kaputtgemacht“

  • Josef Ametsbichler
    vonJosef Ametsbichler
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Nicht überall hat die Digitalisierung für Erleichterung gesorgt, sagt der ehemalige Baldhamer Hausarzt Werner Schweizer. Seinen Beruf habe der Computer verkompliziert und weniger menschlich gemacht.

Vaterstetten – Die Wände rund um den hölzernen Esstisch der Schweizers sind dicht mit Fotos und Zeichnungen behangen. Ein paar Porträts und Stadtszenen, viel Natur. Auf dem Tisch dampft Schwarztee in einer handgetöpferten Kanne. Werner Schweizer, pensionierter Hausarzt, greift in seine Brusttasche und zieht einen Kugelschreiber hervor. „Ich hatte das hier“, sagt der 71-Jährige und wackelt mit dem Stift. Runde drei Jahrzehnte lang war er Hausarzt, seine Praxis-Adresse: Bahnhofsplatz 1 in Baldham. „Unsere Praxis“, korrigiert er.

Mit am Tisch sitzt Schweizers Frau Almut (70), aufs Foto möchte sie nicht. „Ich war der Zeiger, sie die Achse“, sagt ihr Mann. „Wenn du bei einer Uhr die Achse raus nimmst, fällt der Zeiger runter.“ Almut Schweizer war die Frau hinterm Tresen, die die Praxis organisatorisch am Laufen hielt. „Er hat seinem Hobby gefrönt, ich habe die Verwaltung gemacht“, sagt sie schmunzelnd. Und ihm ,den sch... Computer’ vom Leib gehalten. Im Sprechzimmer von Werner Schweizer stand kein Bildschirm, jeder Patient bekam eine Karteikarte, in der Vorerkrankungen, Medikation und alles stand, was der Doktor sonst wissen musste. Dafür der Kugelschreiber. Ganz schön altbacken, könnte man sagen. Ganz schön persönlich, finden die Schweizers.

Arzt rechnet vor: Digitalisierung hat die Praxis-Fixkosten verteuert

„Der Computer hat viel kaputtgemacht“, sagt der Arzt. „Er hat Unsinn möglich gemacht, der früher nicht denkbar war.“ Durch die Digitalisierung in den 1990ern, so die Beobachtung des Paars, das 2017 die Praxis weitergab, nahm der Verwaltungsaufwand zu, nicht ab. Davor seien 60 Prozent des Umsatzes als Gewinn beim Arzt geblieben, 40 Prozent gingen für Fixkosten drauf. Mit dem Computer habe sich das umgekehrt: 40 Prozent Gewinn, 60 Prozent Fixkosten. „Und ein Riesenärger“, sagt Schweizer. Davor habe er seine Abrechnungsscheine banderoliert und bei der Kassenärztlichen Vereinigung in den Briefkasten eingeworfen. Plötzlich habe sich seine Frau mit kaputten Motherboards, Updates, Datensicherungen auseinandersetzen müssen –und Technikern, die gegen horrende Stundensätze an den Rechnern bastelten, während die Praxis stillstand.

„Zeit, die für die Patienten fehlt“, sagt Almut Schweizer. Denn „Helferlein“ wie sie seien erste Ansprechpartner und Tröster für die Patienten – und mittlerweile mehr hinter dem Bildschirm vergraben, als dass sie den Praxisbesuchern in die Augen schauten. Das setze sich im Arztzimmer fort, auf Kosten der Empathie und des Arzt-Patienten-Verhältnisses. „Es hat sich vieles zum Schlechteren verändert“, sagt der Arzt. Seine Frau berichtet von einem jungen Mediziner am Ort, der regelmäßig bis Mitternacht über der Abrechnung brüte. Davon, dass Ärzte oft nur über Kostenteilung in Praxisgemeinschaften über die Runden kämen. Vier Hausarztpraxen aus der Gemeinde zählt der Arzt an den Fingern ab, die in den vergangenen Jahren ersatzlos geschlossen hätten. Schon klar, früher sei nicht alles besser gewesen, sagt er. Seit kurzem habe er ein Smartphone, sei von den Möglichkeiten angetan. Aber seinen Beruf habe die Digitalisierung unrentabler und unpersönlicher gemacht, gemeinsam mit einer Nullrunde in der Gebührenordnung nach der anderen.

Rund-um-die-Uhr-Arzt: Verständnis für die Kollegen, die mit ihrer Zeit haushalten

Man muss dazusagen, dass Werner Schweizer ein Rund-um-die-Uhr-Arzt war, der schon mal beim Angeln im Irland-Urlaub einen Fisch mit der linken Hand bändigte und die Frau eines Schlaganfallpatienten mit dem Handy in der Rechten beriet, die Anekdote erzählt er gern. Die Dauer-Erreichbarkeit habe aufs Privatleben gegangen, bekennt seine Frau. „Es tut den jungen Ärzten gut, dass sie ihre Zeit einschränken. Das steht ihnen zu.“

Auch ihr Mann solidarisiert sich mit den jüngeren Kollegen – und hat einen Tipp für wohlmeinende Patienten. Dazu muss man wissen: Egal, ob ein Patient ein- oder zehnmal im Monat auftaucht – nur einmal bekommt der Hausarzt die Quartalspauschale von knapp 40 Euro. „Füllerscheine“ heißen im Medizinerjargon die dringend benötigten Patienten, die selten da sind, aber dadurch die Praxen über Wasser halten. Werner Schweizer sagt: „Wenn Sie ihrem Hausarzt etwas Gutes tun wollen, gehen Sie einmal im Quartal in die Praxis, stecken Ihr Versichertenkärtchen ins Lesegerät und sagen zu ihm, bevor sie wieder gehen: ,Wenn ich Sie sehe, geht es mir schon viel besser.’“

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