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Denkmal in Parsdorf: Entworfen vom Ebersberger Kunstschmiedemeister Manfred Bergmeister.

Namen auf Kriegerdenkmälern

Erinnern und mahnen

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„Unsere größte Freude ist, dass sich der Winter jetzt noch so anständig benimmt. Die größte Kälte war erst 25 bis 30 Grad. Das würden wir mit unserer Winterbekleidung ohne körperlichen Schaden ertragen.“

Vaterstetten–  Zeilen wie diese schrieb Willi Döttling im Dezember 1942, damals aus dem Osten, an Parsdorfer Schulkinder (Anm: Es gibt auch die Schreibweisen Willy und Wilhelm). Die Kinder wetteiferten darin, wer ihrerseits die schönsten Briefe an den „lieben Willi“ schrieb. Verbunden waren diese Briefe mit gezeichneten Blumensträußen und Nachrichten aus dem alltäglichen Leben in der Heimat. Buben unterzeichneten schon mal als „Dein Kamerad“. Gewünscht wurde auch „baldige siegreiche Heimkehr“.

Eingesetzt hatte sich für den Briefwechsel vor allem Oberlehrer Max Egetemeyer. Die kleine Aufmerksamkeit den Soldaten gegenüber bereite diesen große Freude, schrieb der Pädagoge in der Schulchronik.

Willi Döttling las die Briefe genau, bewertete sie und lobte die Kinder. In einem Schreiben Anfang Februar 1943 wandte er sich direkt an den Hauptlehrer: „Die Arbeiten ihrer Schüler sind sehr schön, selbst von vielen Kameraden werden sie erstaunt.“ Der Soldat teilte mit, dass er nach einer Erholung jetzt wieder „an vorderster Linie“ sei. Die Antwort des Lehrers auf diesen Brief an den jungen Mann kam wieder zurück mit dem Vermerk auf dem Briefumschlag „gefallen“. Datum: 23. Februar 1943.

„Gerade was Kinderherzen denken ist einem das Schönste, was es gibt.“ Das schrieb Eduard Sattelberger im November 1942 von der Ostfront an den Lehrer in Parsdorf. Gerade die Nachrichten aus Hergolding interessierten ihn am meisten. „Sogar meine Kameraden weinten und freuen sich, wenn wir dann zusammen sitzen und einer dem anderen die Brieflein in die Hände gibt.“ Damals wirkte Sattelberger noch zuversichtlich. Er fiel am 12. September 1943.

Aus einem Lazarett im Osten meldete sich Ende August Balthasar Widl beim „werten Herrn Hauptlehrer“ und den „lieben Schulkindern“: „Am 8. August wurde ich leicht verwundet beim Vormarsch, Splitter im Kopf, Hals, Achsel und Schenkel, ging noch gut ab. Die Heilung geht merklich vonstatten.“ Wenn er hergestellt sei, „geht’s wieder weiter“. Kurz darauf fiel auch Balthasar Widl.

Das sind die Namen von drei Männern, die auf einem der Kriegerdenkmäler in der Gemeinde Vaterstetten erwähnt werden. Über die Schicksale der dort ebenfalls gefallen oder vermissten Soldaten sowohl im Ersten als auch im Zweiten Weltkrieg berichten Gemeindearchivarin Ulrike Flitner und Brigitte Beyer in einem jetzt von der Gemeinde Vaterstetten herausgegeben Buch. Akribisch werden die Namen der Männer einzeln jeweils auf einer eigenen Seite aufgeführt. Dazu wurde ein Foto abgedruckt, weitere Informationen aufgelistet, soweit sie gefunden wurden. Da stehen dann das Geburtsdatum, der Geburtsort sowie der Familienstand. Eingetragen sind zudem die Eltern, der Beruf, in welchen Einheiten der Soldat gedient hat und wo er starb. Zu lesen ist unter anderem: Am 04.01.1917 bei einem Sturmangriff in Rumänien bei Sihlea durch ein Infanteriegeschoss an einem Brustschuss verstorben und dortselbst beerdigt. Oder: Verwundet am 02.101914 im Gefecht bei Fresnes-les-Montauban und am 04.10.1914 im Reserve Feldlazarett Nr. 5 gestorben. Beerdigt am Friedhof Fresnes, Massengrab Nr. 8. Manche Informationen stammen aus Kriegsstammrollen, andere aus Informationen der Familie oder von Sterbebildchen. Bei manchen Gefallenen konnten kaum Informationen gefunden werden. Dann heißt es unter anderem: „Vermisst seit 21.08.1944 in Frankreich“ oder „Vermisst seit 1943 in Russland“ und „Es sind nur die Angaben auf dem Kriegerdenkmal vorhanden.“

Auch zur Geschichte dieser Denkmäler ist in dem Buch einiges zu lesen. Gleich zu Beginn wird zudem auf eine Tafel hingewiesen, die an den Krieg von 1870/71 erinnert. Doch diese ist nicht Thema der Publikation.

Bewusst beleuchtet haben die Autorinnen die Situation der Frauen, Kinder und Eltern, deren Leben nicht nur durch den Krieg, sondern auch durch den Tod des Mannes, des Vaters und Sohnes auf den Kopf gestellt wurde. Vor allem das Leben der Frauen auf dem Land war hart. Deutlich wird dies in einzelnen Familiengeschichten, die mit Bildern unterlegt sind.

Erschütternd sind Tagebuchaufzeichnungen aus dem Ersten Weltkrieg. Da geht es um das Grauen in den Schützengräben, um schweres Artilleriefeuer, um einen eingestürzte Stollen und das Ausgraben von Leichen. Zu lesen ist auch: „Bevor dass ich hinabsoll in die Todesnacht, sollst Du hinab. Töten will ich, Blut sehen, morden mit Zähnen und Nägeln. Krepieren sollst Du, Du französisches Aas, Du englischer Hund, Du schwarzer Satan.“ Oder: „Wieviel Prozent Wahrscheinlichkeit hast Du nun wohl für Dich, dass du wieder heil nach Hause kommst? Ach das Ergebnis war immer wieder: 0,1 Prozent. Warum sollst Du besser davonkommen als dieser Kamerad, als jener Kamerad. Diesen hat heute ein Volltreffer in Atome gerissen, jenen hat gestern das Sprengstück die Schädeldecke weggerissen. Glücklich der, der gerade richtig verwundet wird. Nicht zu schwer. Aber zum Beispiel ein Finger weg, oder auch ein glatter Fleischschuss! Ein Heimatschüsschen“ O du Sehnsucht aller Frontsoldaten, du erträumtes großes Los. Die Heimatschüsschen.

Bürgermeister Georg Reitsberger schreibt in seinem Vorwort: „Von Generation zu Generation geraten immer mehr Namen in Vergessenheit. Selten findet man Familienangehörige, die über ihre Gefallenen noch Auskunft geben können.“ Um so mehr lobt der Rathauschef die „wertvolle Archivarbeit“ als wichtigen Beitrag zur Heimatkunde. Die Autorinnen betonen: „Erinnern, damit diese Menschen, die zum Schutz des Vaterlandes ihr Leben verloren haben, nicht in Vergessenheit geraten, und mahnen, weil man die Greuel eines Krieges nicht vergessen darf, um künftiges Unheil zu verhindern.“

Erinnern und Mahnen ist vielleicht gerade zu diesem Jahreswechsel wichtig: 2018, 100 Jahre nach dem Ende des 1. Weltkrieges 1918, und 2019, 80 Jahre nach Beginn des Zweiten Weltkrieges 1939.

Mehr Informationen

Die Broschüre „Soldatenschicksale, Kriegszeugnisse und Familien im I. und II. Weltkrieg“ kann für 18 Euro an der Rathauspforte und in der Gemeindebücherei erworben werden. Autoren: Ulrike Flitner und Brigitte Beyer, 214 S.

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