+
„Zeit ist im und zum Leben des Menschen, neben der Gesundheit, das Wertvollste auf der Welt“: Ernst Gottlieb.

Keine Geschäfte gegen Internet: Interview mit einem Goldschmied und Uhrmachermeister aus Baldham

„Händler vor Ort bürgen mit ihren Namen“

  • schließen

Ernst Gottlieb (70) leitete als Goldschmied- und Uhrmachermeister einen Handwerksbetrieb in Kirchseeon. Wir sprachen mit dem Baldhamer über die Position der kleinen Händler in Zeiten des Internets, über Gold als Wertanlage und über die Zukunftchancen für Auszubildende.

Was bedeutet für einen Uhrmacher eigentlich Zeit?

Zeit ist im und zum Leben des Menschen, neben der Gesundheit, das Wertvollste auf der Welt. Der Uhrmacher geht verantwortungsvoll damit um.

Wie geht es der Branche überhaupt?

Sie hält sich relativ gut. Der Fleißige und Ehrgeizige ist den Anderen immer einen Schritt voraus. Dennoch gibt es leider immer weniger Geschäfte, doch der Rückgang stagniert. Die Aufgabe für uns ist: Wir müssen wieder mehr ausbilden. Die Bewerber sind jedoch nicht so dicht gesät. Wir brauchen nicht dringend Akademiker, aber der Auszubildende muss zuverlässig sein. Wir haben beste Erfolge in Deutschland mit dem dualen Ausbildungssystem. Ich selbst habe 25 Lehrlinge ausgebildet, zwei von ihnen wurden Landessieger. Der Verband hat gute Ergebnisse bei Lehrlingen, wo sich der Lehrherr wirklich um die Ausbildung kümmert. Oft haben der Lehrherr und sein ehemaliger Auszubildender ein super Verhältnis über viele Jahre. Es kommt auch vor, dass die ehemaligen Lehrlinge den Betrieb übernehmen, wenn die eigenen Kinder nicht einsteigen wollen. Wir müssen die jungen Kollegen auf alle Fälle sattelfest in Bezug auf das Internet machen. Sie müssen noch bessere und vor allem seriösere Informationen und Beratung bieten können, als im Netz verfügbar sind.

Wie macht sich der Einfluss des Internets bemerkbar?

Die Kunden sind in ihren Wünschen von Haus aus gefestigter. Sie informieren sich ganz klar auch über das Internet. Aber weil manches verwirrend ist, schätzen sie oft eine zusätzliche Beratung vor Ort im Fachgeschäft. Beim Einkauf im Internet kann man Fehler machen. Der Goldschmied oder der Uhrmacher vor Ort bürgt beim Verkauf mit seinem Namen, mit dem Ruf seines Geschäftes. Beim Service, bei der Qualifikation der Mitarbeiter, beim Umgang mit dem Kunden: Da sind wir im Vorteil gegenüber dem Internet.

Auch wenn im Internet gekauft wurde, kommen die Kunden bei Reparaturen dann doch in die Fachgeschäfte...

Das stimmt schon, denn viele Herstellerfirmen lassen die kleineren Uhrmacher im Regen stehen, weil Ersatzteile nicht geliefert werden. Das gilt wohlgemerkt nicht für alle Hersteller, aber für manche. Das ist für mich total unverständlich. Es gäbe natürlich auch die Möglichkeit, defekte Stücke zum Hersteller einzuschicken. Aber wenn das alle machen würden, dann käme das dortige Personal mit der Arbeit überhaupt nicht nach und die Reparaturzeiten wären überdimensional lange. Aber vielleicht ist gar nicht gewollt, dass preiswerte Uhren repariert werden. Vielleicht steht im Vordergrund, dass gleich etwas Neues gekauft werden soll.

Wenn es um Uhren geht, fällt vielen sofort die Schweiz ein …

Wir müssen mehr betonen, dass die Deutschen, was die Qualität im Handwerk angelangt, überlegen sind. In der Schweiz werden beispielsweise keine Meister ausgebildet. Es gibt so etwas ähnliches wie einen „Meister light“ in Österreich. Ich habe auch als Präsident eine Zertifizierung der Betriebe eingeführt. Die ist schärfer als bei den Schweizern. Wir müssen da dran bleiben, dürfen nicht ins Hintertreffen geraten. Unsere Ausbildung ist ein Exportschlager. In vielen Schweizer Firmen sitzen deutsche Fachleute. Und wir haben in Deutschland in dieser Branche auch Weltfirmen.

Können sich die deutschen Firmen auf dem Markt behaupten?

Der Kunde sieht die deutsche Qualität, sieht den Wert und akzeptiert auch den Preis. Man bekommt in unserer Wegwerfgesellschaft für ein paar Euro einen Wegwerfartikel, der die Zeit anzeigt. Der Trend geht jedoch wieder zu hochwertigeren Uhren. Wir hatten früher dafür das Klientel aus der Oberschicht. Jetzt sind auch Menschen aus der Mittelschicht unsere guten Kunden. Und die wollen direkte Ansprechpartner.

Angesichts niedriger Zinsen hieß es, der Trend gehe zu Gold als Wertanlage. Merken das die Geschäfte vor Ort?

Wenn man Gold kauft, hat man meist ja nicht das Metall selbst in Händen sondern nur das Papier darüber. Damit haben dann Goldschmiede nichts zu tun. Es gibt aber durchaus Kunden, die investieren in schönen Schmuck, zum Teil mit edlen Steinen. Das kann man sich dann anschauen und sich daran erfreuen. Das ist doch etwas ganz anderes als ein Goldbarren oder ein Zertifikat.

-Wie reagieren andere Länder auf die deutsche Qualität im Handwerk?

Es gab zum Beispiel eine Anfrage, eine Schule in China zu gründen. Ich habe das in unserem Präsidium vorgestellt. Wir machen das natürlich nicht. Da bekämen wir zum einen Probleme mit den andren Verbänden und Herstellern in Europa. Und wir dürfen uns zum anderen durch Fremdausbildung nicht die Konkurrenz ins eigene Haus holen.

Ist das Uhrmacher- oder Goldschmiedehandwerk in Deutschland eigentlich noch attraktiv für junge Leute?

Grundsätzlich ist sowohl Uhrmacher als auch Goldschmied weiterhin ein attraktiver Ausbildungsberuf mit Zukunft und wird bald in Gold aufgewogen. Diese beiden Berufe stellen ein den Menschen formendes Handwerk dar. Bei dem einen geht es um Präzision, um Hunderstel Millimeter, beim anderen geht es um die einzigartige, schöne Form eines Stückes, die das handwerkliche Können darstellt.

Was passiert eigentlich bei Ihrem Abschied?

Die nächste Versammlung des Zentralverbandes für Uhren, Schmuck und Zeitmesstechnik, Deutschland, die Delegiertentagung 2018 mit Neuwahlen, ist in München, genau zur Oktoberfestzeit. Ich habe schon eine große Box in einem Zelt bestellt. Außerdem bin ich mir sicher, dass alle Obermeister aus ganz Deutschland nach Baldham kommen werden zu unserem Tagungsort. Ganz aufhören werde ich ja auch nicht. Wenn alles klappt, werde ich für den Posten des Vizepräsidenten kandidieren und bleibe den deutschen Uhrmacherhandwerk weiterhin erhalten.

Was machen Sie mit ihrer ganzen Zeit, wenn sie nicht mehr Präsident des Verbandes sind?

Gartenpflege, Radfahren, Reisen und nicht zu übersehen, Verbandsarbeit aus der zweiten Reihe.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Jungfernfahrt
Es war eine einmalige Sache, soll aber, wenn es nach der SPD geht, eine dauerhafte Alternative zur S-Bahn werden: mit dem Express-Bus von Poing zur U-Bahnstation …
Jungfernfahrt
Frischzellenkur für Zornedings Straßen
Es geht um die Beseitigung von maroden Fahrbahnen und Gehwegen, die Entschärfung von Gefahrenstellen, um barrierefreie Übergänge, weniger Asphaltwüsten und dafür um mehr …
Frischzellenkur für Zornedings Straßen
Mehr Zeit für Überquerung
Nach jahrelangem Vorlauf ist erstmalig und im Rahmen eines bayernweiten Modellprojekts die „Ampelschaltung für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen“ in Ebersberg in …
Mehr Zeit für Überquerung
Glück gehabt
Glück gehabt: Der mächtige Ast eines alten Baumes, den der Herbststurm in Poing umgeknickt hat, traf kein Auto. Die Straße aber war blockiert.
Glück gehabt

Kommentare