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Gegen das Vergessen: Edda Capezzuto vor dem Marterl in Oberpframmern. Vor gut 13 Jahren verunglückte hier ihre Tochter. Ein paar Meter weiter stehen die Bäume, gegen die das Auto prallte. Die Rinde ist abgeplatzt.

Tochter verunglückte 2006

Seit dem Tod ihrer Tochter ist Edda Capezzuto eine gebrochene Frau

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Was bedeutet es für eine Mutter, wenn sie ihre Tochter verliert? Edda Capezzuto aus Vaterstetten spricht darüber. Vor gut 13 Jahren verlor sie ihr Kind. 

  • Edda Capezzuto hat vor 13 Jahren ihre Tochter verloren.
  • An Heiligabend ist die Erinnerung besonders intensiv.
  • Ein Besuch einer gebrochenen Frau.

Vaterstetten – Wenn an den Feiertagen Menschen den Christbaum schmücken und das Weihnachtsessen vorbereiten, wird Edda Capezzuto weinen. Den Heiligabend verbringt sie mit ihrer Familie, mit ihrem Sohn, ihrem Bruder, ihren Nichten. Sie freut sich darauf. Aber tagsüber, wenn sie alleine ist, wird sie weinen. Weil es weh tut. Weil eine Person fehlt. Ihre Tochter Marina. Sie starb vor gut 13 Jahren bei einem Autounfall. Seitdem geht die Mutter durch die Hölle.

Marina ist überall

Eine Doppelhaushälfte in Vaterstetten. Das vorweihnachtliche Wetter bläst milden Wind durch die Straße. Edda Capezzuto, 49, öffnet die Haustür. Dunkle Haare, große, hellbraune Augen, dezenter Lippenstift. Eine hübsche Frau. Aber was zählt das schon, wird die gebürtige Italienerin später sagen. Sie setzt sich an den Esstisch, bietet Kaffee und Kekse an. Die Wohnung ist geräumig, adventlich dekoriert, überall Bilder. Meist ist ihre verstorbene Tochter darauf. Statt eines Weihnachtssterns trägt der Christbaum ein Bild von Marina. In Briefen und Ordnern sammelt die Mutter Erinnerungen an ihre Tochter. Marina ist überall.

Auch gut 13 Jahre nach dem Tod ist es schwer für die Mutter. Zeit heilt alle Wunden, sagt man. „Das ist der blödeste Satz, den man einer trauernden Mutter sagen kann“, ärgert sich Capezzuto. Diese Wunde würde nie zuheilen. Ihr Leben sei normal, aber glücklich sei sie nicht. Oft lügt sie, wenn Leute sie fragen, wie es ihr geht. „Ich lebe mit zwei Gesichtern“, sagt die Vaterstettenerin. Sie fängt an zu weinen.

Marina wäre am 12. Januar 30 Jahre alt geworden. 2006 starb sie. Sie war kurz vor ihrem Realschulabschluss

„Wir müssen sofort fahren, die Marina hatte einen Unfall“

Der 16. Juni 2006. Ein Freitag. Marina, damals 16, lernt für ihre Prüfungen. Am darauffolgenden Montag steht der erste Test für die Realschulprüfung an. Marina tanzt und singt, ein anständiges Mädchen, sagt die Mutter. Sie ist für ein paar Tage in die Berge gefahren. Am Abend telefoniert die Mutter mit ihrer Tochter. „Was machst du heute Abend noch?“, fragt die Mutter. „Vielleicht fahren wir ins Kino“, antwortet Marina. Keine zwei Stunden später kommt der Anruf.

Marinas Großvater ruft an, verlangt den damaligen Lebenspartner von Edda Capezzuto. Er geht, telefoniert und kommt kurz darauf zurück. Der Mann kämpft mit den Tränen. „Wir müssen sofort fahren, die Marina hatte einen Unfall“, habe der Freund gesagt.

Für die Mutter beginnt sich nun ein Film abzuspielen: Autofahrt in das Krankenhaus in Schwabing, ständige Anrufe aufs Handy, völlige Überforderung. Die Frau will nicht wahrhaben, was hier gerade passiert.

In der Nacht auf Sonntag, um 1.20 Uhr, ist es vorbei

Im Klinikum angekommen, sagen die Ärzte, dass die Tochter die Nacht nicht überleben werde. Marina liegt im Koma, ihr Kopf ist wegen der Operation halb rasiert, überall liegen Schläuche. In der Nacht auf Sonntag, um 1.20 Uhr, ist es vorbei. Gehirntod.

„Diese Bilder kann ich abspielen wie einen Film“, sagt die Frau. Für die Mutter beginnt der Albtraum: Trennung vom Freund, Streit mit der Familie, Rückzug aus dem Freundeskreis. Sie sprach immer wieder von Marinas Tod. „Wenn du das nicht hören willst, musst du gehen“, sagte sie zu ihren Freunden.

Sie zog in ein anderes Haus, war arbeitsunfähig. Manchmal ist sie zum Flughafen gefahren und hat auf die Maschine aus Neapel gewartet. „Vielleicht steigt ja doch Marina aus.“ Sie wurde einsam, hatte Suizidgedanken. Aber sie hatte einen kleinen Sohn. Psychologen konnten ihr nicht weiter helfen. Sagt sie.

Mit voller Wucht an einen Baum. Genau da, wo Marina saß

Fahrt zur Unfallstelle nach Oberpframmern. Im Rückspiegel ein Bild von Marina. Capezzuto fährt auf der pfeilgeraden Straße, auf der vor gut 13 Jahren ihre Tochter unterwegs nach München war. Deren 18-jähriger Freund fuhr den Wagen, auf dem Rücksitz saßen zwei Jugendliche. Er sei zu schnell gewesen, habe am Radio rumgespielt, sagt die Mutter. Dann kamen sie von der Straße ab. Der Wagen stellte sich quer und knallte mit voller Wucht an einen Baum. Genau da, wo Marina saß.

Die Vaterstettenerin geht hinter das Marterl am Waldrand. Sie sucht nach dem Spiegel des Unfallautos. „Dem Fahrer kann und will ich nicht verzeihen“, sagt sie. Auch nach gut 13 Jahren nicht.

Der zerstörte VW Lupo: Der Fahrer war von der Straße abgekommen. Marina saß vorne auf der Beifahrerseite

„Erst wenn ich nicht mehr von ihr rede, ist sie wirklich tot“

Sie blickt nach oben in die Baumkrone. Irgendwo hier müsse Marina sein. Das Schlimmste wäre, sagt die Mutter, wenn sie ihre Tochter vergessen würde. „Erst wenn ich nicht mehr von ihr rede, ist sie wirklich tot.“

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