Georg “Schorsch“ Kirner und der Dalai Lama 1987.
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Georg „Schorsch“ Kirner aus Baldham und der Dalai Lama 1987.

HAUSBESUCH - Schorsch Kirner aus Baldham hat mit der Weltenbummlerei aufgehört

„Ich habe alles gesehen“: Weltenbummler Schorsch Kirner aus Baldham zieht mit 84 Jahren einen Schlussstrich

  • Susanne Edelmann
    vonSusanne Edelmann
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Er hat beim Dalai Lama gelebt und knapp 200 Länder bereist: Schorsch Kirner aus Baldham ist eine Weltenbummler-Legende. Doch vom Reisefieber ist er kuriert.

BaldhamVom Hirtenbuben auf einer bayerischen Alm zum Weltenbummler und Expeditionsleiter: Knapp 200 Länder hat Georg „Schorsch“ Kirner (84) im Laufe von 60 Jahren bereist. Mit 67 Jahren war er der älteste Mensch und der erste Bayer, der sowohl den Nord- als auch den Südpol zu Fuß erreicht hat. Doch zuhause ist er in Baldham.

Ein Haus wie ein Museum

Von außen unterscheidet sich das Haus der Kirners kaum von den anderen Häusern in diesem ruhigen Wohngebiet. Spannend wird es aber, sobald man über die Türschwelle tritt: Das Haus ist voller Fotos und Andenken an Kirners Reisen. Da hängen Speere an der Wand, in der Vitrine lagern schmuckbesetzte Totenschädel, am Boden steht die goldene Halskrause einer Giraffenfrau und darüber hängt eine Buschtrommel. Ein kunterbuntes Museum seiner Expeditionen.

Heute: Schorsch Kirner in seinem Haus in Baldham. „Bayer des Monats Januar 1996“ steht an der Wand.

Doch auch die Erinnerung an Kirners Kindheit kommt nicht zu kurz: Bilder von der Alm seiner Großmutter im Grenzgebiet zwischen Bayern und Tirol sind allgegenwärtig. Dort ist Kirner aufgewachsen und schon immer fragte er sich, was wohl hinter den Bergen sein mochte. Erzählungen von einer Stadt im Wasser und 5000 Jahre alten Pyramiden befeuerten seine Sehnsucht.

450 Mark und das Rad seines Vaters: Georg Kirners erste Expedition bis in die Sahara

Mit 24 Jahren machte er sich auf den Weg, erzählt er, mit 450 Mark in der Tasche, auf dem Dienstfahrrad seines Vaters. Das wurde ihm irgendwann geklaut, also setzte er seine erste Reise auf einem Kamel fort, schloss sich einer Karawane durch die Sahara an. Geld verdiente er unterwegs mit Gelegenheitsjobs. „Ich habe heute noch Feinde wegen meiner ersten Reise, einfach weil ich vieles anders gemacht habe, als es von mir erwartet wurde“, erinnert sich Kirner.

Dabei hat er schließlich doch einen „ordentlichen Beruf“ ergriffen: „Ich war über 50 Jahre in der Luft- und Raumfahrt angestellt. Fürs Reisen habe ich Urlaubstage angespart oder unbezahlten Urlaub genommen.“

Im Grenzgebiet zwischen Burma und Laos traf Kirner 1988 auf sogenannte Giraffenfrauen.

Schorsch Kirner überlebt drei Flugzeugabstürze

Besonders oft zog es ihn nach Asien und da vor allem nach Tibet, wo er einige Zeit beim Dalai Lama gelebt hat: „Das hat mein Leben nachhaltig verändert und beeinflusst“, sagt Kirner. „Die Tibeter glauben an die Wiedergeburt, der Dalai Lama sagt aber auch: ,Genieße dieses Leben, es könnte dein letztes sein!’, daran habe ich mich gehalten.“

Einst hat er eine tibetische Glücksmünze geschenkt bekommen, wenig später war er einer von nur vier Überlebenden bei einem tragischen Flugzeugabsturz. Insgesamt hat Kirner sogar drei Flugzeugabstürze überlebt und mehrere schwere Krankheiten wie Malaria und Hepatitis. Er glaubt: „Nichts im Leben ist Zufall, alles ist Bestimmung.“

Mit 84 ist Schluss mit dem Reisen - wegen eines tragischen Erlebnisses

Heute, mit knapp 85 Jahren, ist er noch immer fit, fährt Fahrrad im Ebersberger Forst und geht gerne in die Berge. Große Expeditionen macht er hingegen nicht mehr, und das nicht nur wegen der Pandemie: „2013/14 habe ich fünf Expeditionen geleitet, bei denen es drei Tote gab. So was bringst du nicht mehr raus.“ Er erzählt von einem Teilnehmer, der sein ärztliches Attest, das Pflicht bei der Reiseanmeldung war, gefälscht hatte: „Der ist ganz bewusst in den Himalaya gereist, um dort zu sterben.“ Daheim hatte der Mann schon alles geregelt, dennoch musste Kirner als Expeditionsleiter viele Fragen beantworten, die Urne mit den sterblichen Überresten des Mannes mit nach Hause nehmen und der Witwe übergeben, das hat ihn tief bewegt.

Gibt es überhaupt noch Orte auf der Welt, die Kirner noch nicht bereist hat, die er aber gerne noch sehen würde? „Nein“, antwortet er lächelnd. „Ich habe mir meine Jugendträume erfüllt und alles gesehen, was ich sehen wollte.“ Zwölf Bücher hat er über seine Erlebnisse geschrieben und unzählige Vorträge gehalten. 1993 erhielt er das Bundesverdienstkreuz am Bande für sein soziales Engagement für indigene Völker – einen großen Geldgewinn hatte er in mehrere Grundstücke in aller Welt investiert, um so den dortigen Einheimischen ihren Lebensraum zu erhalten. „Ich konnte den Verlust ihrer Heimat zumindest um einige Jahre aufschieben.“

Die erste deutsche Neu-Guinea-Expedition hatte Schorsch Kirner 1974 als Teilnehmer in ihren Reihen. 

Über die Ebersberger Zeitung blieb Schorsch Kirchner in Baldham hängen

Apropos Heimat: Vor über 45 Jahren haben Schorsch und Renate Kirner, die seit 55 Jahren verheiratet sind, ihre Heimat in Baldham gefunden – und daran ist die Ebersberger Zeitung nicht ganz unschuldig: „Der damalige Redaktionsleiter, Gerd Gietl, hatte einen Bericht über mich geschrieben, deshalb hatte ich die Zeitung gekauft. Eigentlich wollten meine Frau und ich einen Ausflug machen, doch es war ein trüber grauer Novembertag, also blieben wir daheim und ich las die Zeitung von vorne bis hinten, inklusive Immobilienteil.“ Da stieß Kirner auf das Inserat für das Baldhamer Häuschen. Zwar gab es mehrere Interessenten, doch auch der Verkäufer hatte den EZ-Bericht über Kirner gelesen, so bekam er den Zuschlag und hat in den Folgejahren das Haus selbst renoviert. Rückblickend sagt er: „Alles war gut, so wie es war.“

Alle Nachrichten aus Vaterstetten und dem Landkreis Ebersberg bei der Ebersberger Zeitung.

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