Ein Leben geprägt von der Drogensucht. Die Verhandlung fand in München statt (Symbolfoto).
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Ein Leben geprägt von der Drogensucht. Die Verhandlung fand in München statt (Symbolfoto).

„Die U-Haft war wie eine Erleuchtung“

Drogendealer vor Gericht: vom Sträfling zum Glasbläser

  • Angela Walser
    vonAngela Walser
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Ein Leben geprägt von der Drogensucht, dann die Umkehr: Für einen jungen Vaterstettener erweisen sich Verhaftung und Gefängnis als Glücksfall.

Update vom 22. September: Nach einem halben Jahr in Untersuchungshaft darf ein 22-jähriger Vaterstettener nun in Freiheit bleiben – und weiter für seine Glasbläser-Ausbildung sparen. Am Landgericht München II ist mittlerweile das Urteil gefallen: Der Richter glaubte dem Angeklagten seinen Besserungswillen. Die zweijährige Haftstrafe setzte er zur Bewährung aus. Damit kann der 22-Jährige weiterarbeiten und Geld für die rund 25 000 Euro teure Ausbildung beiseite legen.

19. September, Vaterstetten – Normalerweise ist ein Gefängnis-Aufenthalt für jeden Menschen der reinste Horror. Nicht so für einen jungen Vaterstettener (22). Jahrelang hatte sich sein Leben nur um die Beschaffung und das Konsumieren von Rauschgift gedreht. Dann wurde er gefasst und kam ins Gefängnis. „Die U-Haft war wie eine Erleuchtung“, sagte der Postbote nun vor dem Münchner Landgericht II.

Im jugendlichen Alter von 13 Jahren war er erstmals mit Drogen in Kontakt gekommen. „Da gab es nichts anderes mehr für mich“, berichtete der junge Mann. Der Marihuana-Konsum habe seine Computer-Spiel-Sucht abgelöst. Über eine Musiker-Szene war er an den Drogen-Konsum geraten. Er schwänzte die Schule, ließ sich von der Mutter vermeintliche Entschuldigungen wegen seines schweren Asthmas schreiben. Das Geld für die Drogen erschnorrte er sich von den Eltern und der Oma, außerdem jobbte er im Supermarkt und dealte etwas herum.

Mehr Konsum, mehr Handel

Mit der Zunahme seines Konsums, begann er, seinen Handel stärker auszubauen. Aus seinem alten Kinderzimmer bestellte es sich mal größere, mal kleiner Mengen. Schließlich brauchte er 15 bis 20 Gramm Marihuana täglich. Er probierte auch LSD aus, das brachte ihn ums kritische Denken.

Nicht jede Sendung erreichte ihn. Mal wurde ein Paket sichergestellt, dann wiederum klappte die Zustellung an eine Baldhamer Packstation aus unerklärlichen Gründen nicht. In einem Fall wanderten 103 Ecstasy-Pillen zurück an den vermeintlichen Absender, eine real existierende Firma. Deren Mitarbeiter staunten gewaltig über die seltsame Retoure. Mit diesem Fall wollte der 22-Jährige nichts zu tun haben, die restlichen Fälle räumte er im Großen und Ganzen ein. Die kleineren Bestellmengen habe er aber für den Eigen-Konsum benötigt, ließ er über seinen Verteidiger erklären.

Ein halbes Jahr saß er in der U-Haft

Ein halbes Jahr saß er in der U-Haft. Wieder entlassen, suchte er sich einen Job bei der Post als Briefzusteller. „Ich war noch nie zufriedener als jetzt bei der Post“, erklärte er dem Vorsitzenden Richter Martin Hofmann. Während der regnerischen Pfingstferien habe er in der Badehose die Briefe und Päckchen ausgefahren.

Den Verdienst wolle er sparen für eine Glasbläser-Ausbildung, die ungefähr 25 000 Euro koste. „Warum Glasbläser?“, erkundigte sich der Richter. „Weil das Kunst und Wissenschaft vereine“, antwortete der Angeklagte. Er habe früher mit Graffiti angefangen. Die daraus resultierenden Straftaten seien bereits abgeurteilt, fügte er schnell hinzu.

Er sei immer ein Einzelgänger gewesen

Er sei halt früh in die kreative Schiene gekommen, sei immer ein Einzelgänger gewesen, schon als Kind, in einem Dorf nahe Ebersberg, als er lieber mit langen Haaren BMX fuhr, als Fußball zu spielen. Der Prozess dauert an. Der Angeklagte hofft auf eine Bewährungsstrafe, damit er weiter an seiner Zukunft arbeiten kann.

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