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Manfred Schmidt hatte im Gemeinderat ob der gegen ihn erhobenen Vorwürfe einen schweren Stand.

Denkwürdige Gemeinderatssitzung in Vaterstetten nach Wahlskandal

AfD-Schmidt tappt in die E-Mail-Falle

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Nach dem Wahlskandal, der Vaterstetten deutschlandweit in die Schlagzeilen brachte, erlebt die Gemeinde eine denkwürdige Sitzung. Und: Schmidt tappt in die Falle.

Vaterstetten – Draußen skandieren sie im Nieselregen: „Schämen Sie sich, Herr Schmidt“, drinnen, im ersten Stock des Vaterstettener Rathauses geht Manfred Schmidt zu einem Platz im Rund des Gemeinderats und legt seine Unterlagen auf den Tisch. Ein Block, ein kleiner gelber Leuchtstift und eine Packung Pfefferminzbonbons. Der 82-jährige scheint die Ruhe selbst, da können die Demonstranten noch so laut rufen.

Eine Viertelstunde vor Beginn der denkwürdigen Sitzung am Donnerstagabend, 13. Februar, verlässt Schmidt den Saal, vorbei an Pressefotografen, die ihre Linsen auf ihn richten. Er geht ins Treppenhaus und steigt die Stiege nach oben. Was er vorhat? Niemand weiß es.

„Showdown“ vor großem Publikum

In der Zwischenzeit füllt sich der Saal. So viele Zuschauer wie noch nie strömen in den überheizten Raum. Sie wollen dabei sein beim „Showdown“, sie wollen hören, was Schmidt zu sagen hat zu den Vorwürfen,er habe bei der Aufstellung der AfD-Listen für Gemeinderat und Kreistag, Senioren übertölpelt, sodass sie wider Willen zu Kandidaten der rechtsradikalen Partei wurden. Ein wenig müssen sich die Gäste noch gedulden.

Vaterstettener wollen mit AfD-Schmidt nichts mehr zu tun haben

Dann wenige Minuten vor 19 Uhr kehrt Schmidt in den mittlerweile überfüllten Saal zurück. Er geht an den Zuschauern vorbei, langsam, mustert die Gesichter, so, als wolle er sich jedes einzelne einprägen. Gesichter von Menschen, die in Schmidts Augen „abenteuerliche Behauptungen“ und „verleumderische Anschuldigungen“ gegen ihn für bare Münzen nehmen.

Schmidt: „Verleumdungen“

Es sind diese beiden Begriffe, die der AfD-Mann später in seiner kurzen Verteidigungsrede, die er vom Blatt abliest, verwendet und die ihm höhnisches Gelächter im Publikum einbringen. Zuvor allerdings muss er sich erst in den Regen der Vorwürfe stellen, die ihm Vertreter aller Gemeinderatsfraktionen an den Kopf knallen. In einem gemeinsamen Antrag fordern sie den sofortigen Rücktritt Schmidts und eine Verzichtserklärung für den Fall, dass er bei der Kommunalwahl im März erneut ein Gemeinderatsmandat erringen sollte.

SPD: Dreist und undemokratisch

Den Anfang macht Sepp Mittermeier von der SPD. Er wirft Schmidt eine „dreiste und undemokratische“ Vorgehensweise vor. Die Anschuldigungen der übertölpelten Vaterstettener seien gerechtfertigt. Schmitt sei es nur darum gegangen, seine Liste mit Namen zu füllen. Er habe aus „blankem Eigennutz“ gehandelt.

CSU: „Sie sind unten durch“

Michael Niebler (CSU) wird noch deutlicher. Er spricht von einem „deutschlandweit einmaligen“ Vorgang. „Der Gemeinderat will mit Ihnen nichts mehr zu tun haben. Das bleibt an Ihnen kleben auf ewig. Sie sind unten durch.“

Grüne: Schäbig

Axel Weingärtner (Grüne) hält Schmidt vor, die Demokratie beschädigt zu haben. Was noch schwerer wiege: „Was Sie den Menschen und ihren Familien angetan haben, ist schäbig.“ Renate Will (FDP) sagt, Schmidt habe keine Recht mehr, „in diesem Gremium zu sitzen“.

Schmidt zeigt keine Reue

Und Schmidt selbst? Der zeigt an diesem Abend keinerlei Reue. Er spricht von einem „Tribunal“ wie zu Zeiten der DDR. Sollte er „trotz des Kesseltreibens“ gegen seine Person bei der Wahl im März ein Mandat erreichen, „werde ich das selbstverständlich auch wahrnehmen“. Alle gegen ihn erhobenen Vorwürfe weist er zurück. Von der Alzheimer-Erkrankung eines von ihm geworbenen 74-jährigen AfD-Kandidaten habe er nichts gewusst, sagt er an diesem Abend nicht zum ersten Mal.

Er tappt in die E-Mail-Falle

Und damit tappt er in die Falle. Genüsslich liest 2. Bürgermeister Martin Wagner (CSU) eine E-Mail vor, die Schmidt vor einiger Zeit ans Rathaus geschickt hatte. Darin setzt er sich für die Familie des 74-Jährigen ein, die auf Wohnungssuche für die Tochter ist. Und in dieser E-Mail spricht Schmidt selbst von der Erkrankung des Mannes und nennt sie beim Namen. Wagner sagt: „Sie haben den Gemeinderat glatt angelogen.“

AfD-Kollege wendet sich ab

Der Antrag der Fraktionen auf Rücktritt von Schmidt wird einstimmig angenommen. Der AfD-Mann sagt, als Betroffener könne er nicht mitstimmen. Und dann wendet sich auch noch der von ihm ab, der ebenfalls für die FBU/AfD-Liste im Gemeinderat sitzt. Karl Köstler bezeichnet das Verhalten seines Kollegen als enttäuschend und „nicht zumutbar“, er verurteile dies „aufs Schärfste“ und distanziere sich: „Das geht nicht.“

Schmidt: Werde nicht kapitulieren

Von Schmidt distanziert hatte sich im Vorfeld schon die AfD, die ein Parteiausschlussverfahren angekündigt hat. Davon will Schmidt nur aus der Presse erfahren haben. Er werde nicht kapitulieren, sagt er fast drohend: „Die Messe ist noch nicht gesungen“

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