„Zeit habe ich ohne Ende“: Altlandrat Gottlieb Fauth bei Kaffee und Kuchen in seinem Haus in Vaterstetten. Foto: SRO
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„Zeit habe ich ohne Ende“: Altlandrat Gottlieb Fauth bei Kaffee und Kuchen in seinem Haus in Vaterstetten.

Im Rollstuhl, aber in Bewegung

„Ich lebe noch“ - Ein Besuch bei Ebersbergs Altlandrat Gottlieb Fauth

  • Josef Ametsbichler
    vonJosef Ametsbichler
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Wenn sein Körper nicht gestreikt hätte, wäre Gottlieb Fauth wohl noch heute Landrat von Ebersberg. Es kam anders, und Fauth muss und darf sich anderen Dingen widmen. Ein Besuch.

Vaterstetten – Gottlieb Fauth sitzt im grauen Polohemd am Küchentisch und nippt an dem Espresso, den ihm seine Frau Susanne hingestellt hat. Die Hand mit der Tasse zittert nicht. „Eigentlich lebe ich ganz passabel“, sagt der 64-Jährige. Jede Silbe presst er zwischen Mundwinkeln hervor, die ihm nicht recht gehorchen wollen.

Gottlieb Fauth hat den Humor nicht verloren

Sein Gesicht ist rundlicher als früher. Wahrscheinlich liegt es am Cortison, vielleicht auch an den Kochkünsten seiner Frau Susanne, die ihm im Alltag bei dem hilft, was er selbst nicht mehr schafft. Sie sammelt bei ihren Waldspaziergängen mit den beiden Dackeln Zorro und Susl zum Beispiel gerne Schwammerl für die heimische Küche. „Da vertraue ich ihr“, sagt der Altlandrat. Und frotzelt: „Ich lebe noch.“

In solchen Momenten, wenn Gottlieb Fauth sich amüsiert – oder sich freut, ärgert, doziert – scheint es, als lupfe ihm ein Windstoß einen Schleier vom Gesicht. Dann funkeln die Augen und die Hände mitsamt dem ganzen Oberkörper geraten in Bewegung. „Ich lebe noch“ – aus seinem Munde ein doppelbödiger Scherz.

Rätselhafte Krankheit: Der Altlandrat kämpft täglich um die Hoheit über seinen Körper

Es hilft nichts: Wer mit dem oder über den Altlandrat spricht, kommt an seiner Krankheit nicht vorbei. Seit mehr als einem Jahrzehnt kämpft Fauth gegen einen unsichtbaren Feind in seinem Kopf. Irgendetwas lässt sein Kleinhirn schrumpfen, das für koordinierte Bewegungsabläufe zuständig ist – sei es beim Sprechen, Greifen oder Gehen – und wo auch der Gleichgewichtssinn sitzt. Seine Woche ist durchgetaktet mit Sprech-, Ergo- und Physiotherapie.

Neurologen in ganz Deutschland und darüber hinaus haben über seinen Gewebeproben gebrütet und sich die Köpfe zerbrochen. Multiple Sklerose haben sie ausgeschlossen, genauso Borreliose, Rheuma, Schlaganfall. Eine Erklärung, was ihn da ohne eigene Schuld und ohne Vorwarnung erwischt hat, gibt es bis heute nicht. Gottlieb Fauth bleibt nur, sich mit der unbekannten Krankheit abzufinden und ihr Widerstand zu leisten. „Es wird schlechter“, sagt er. „Aber nur langsam.“ Unter der Tischkante liegt der Gurt seines Rollstuhls lose um die Hüfte.

Der heimische Garten als Ort zum Genießen

Während er nach dem Espresso mit der Kuchengabel einem Stück hausgemachtem Eischwer-Kirschkuchen zu Leibe rückt, erzählt der Altlandrat vom Sommer auf dem Grundstück um sein Haus in Vaterstetten. Dort, in dem gut einzelgaragengroßen Pool, kann er etwas stehen, weil das Wasser das Gewicht vom Körper nimmt. Und er schätzt den heimischen Garten. „Wunderschön, wie da alles blüht“, sagt er. „Das habe ich meiner Frau zu verdanken.“ Die Gemeinsamkeit daheim macht ihn glücklich – mit seiner Frau, und wenn die beiden Töchter (22 und 24), die mittlerweile studieren, und sein Sohn (34) vorbeischauen.

Und hin und wieder taucht er bei Veranstaltungen seiner politischen Familie, der CSU, auf, deren Ehrenvorsitzender in Vaterstetten ist. „Wenn ich die Leute kenne, gehe ich gerne hin“, sagt Fauth. Oft nimmt ihn dann sein Parteifreund und Nachfolger als Landrat mit, Robert Niedergesäß, der ganz in der Nähe wohnt.

Nach dem Abschied aus dem Amt merkt Fauth, wer seine echten Freunde sind

Zur aktiven Politik dagegen ist der Abstand inzwischen groß. „Am Anfang war es schwierig“, sagt Fauth. Der Abschied aus dem Landratsamt, zu dem ihn sein Körper zwang, schmerzte. Doch als er am Stock gehend immer mehr schwankte und das Sprechen immer zäher ging, dankte er ab. „Ein Landrat, der so ausschaut, als wäre er nicht nüchtern – das ist irgendwann nicht mehr gegangen“, sagt er über seinen Rückzug vor gut acht Jahren. Gut möglich, dass der 64-Jährige ohne seine Krankheit bis heute im Amt wäre. Stattdessen habe er gemerkt, wer seine echten Freunde waren und geblieben sind. „Es gab positive und negative Überraschungen“, sagt Fauth. Dabei verzieht er keine Miene, die Hände ruhen auf dem Tisch.

Gesetze sind manchmal brutal ungerecht dem normalen Bürger gegenüber

Altlandrat Gottlieb Fauth (CSU)

Ein paar Dinge würde er anders machen, räumt er ein. Sich einen Fahrer einstellen, wie es sein Nachfolger eingeführt hat, um unterwegs arbeiten zu können. Sich öfter mit Obrigkeiten anlegen und Regeln brechen. „Gesetze sind manchmal brutal ungerecht dem normalen Bürger gegenüber“, sagt der Altlandrat. Und auf den „Gender-Schmarrn“ in seiner Behörde verzichten, den er sich damals aufschwatzen lassen habe. „Das verwirrt doch die Bürgerinnen und Bürger nur“, sagt er, holt weit mit den Händen aus, und die Augen blitzen wieder.

Politisches Erbe: Schulen, Sparkasse und schlankere Buchhaltung

Dafür schreibe er sich die verbesserte schulische Versorgung auf die Fahne – unter seiner Ägide bekam Kirchseeon ein Gymnasium, Poing eine Realschule. Auch die Fusion der Kreissparkasse mit den Münchner und Starnberger Nachbarn habe er gut über die Bühne bringen können. „Auf Augenhöhe“, wie Fauth betont. Und, für Außenstehende eher ein Feinschmeckerthema, die Vereinfachung der Kreisbuchhaltung von Kameralistik auf Doppik. Fauth deutet mit der Handfläche einen Papierstapel an, so dick wie ein Brockhaus-Band. Er dreht die Hand und führt Daumen und Zeigefinger fast zusammen. „Heute ist das ein Heft, wo jeder Kreisrat durchblickt.“

Zeitunglesen als tägliches Ritual

Inzwischen hat der Altlandrat andere Prioritäten. Vormittags arbeitet er mit der Lupe – auch sein Sehnerv ist geschädigt – gründlich die Ebersberger Zeitung durch. Sein festes Ritual. Dort, in der Fundgrube, stieß die Familie übrigens auch auf die Rauhaardackeldame Susl, „meinen Therapiehund“, sagt Fauth mit einem Schmunzeln. Und manchmal, wenn ihn etwas ärgert, schreibt er einen Leserbrief. Rücksichtslosigkeit mancher zulasten aller regt ihn besonders auf, Laxer Umgang mit dem Coronavirus zum Beispiel. „Dann kribbelt es in den Fingern.“

Zeit für Ausflüge ins Grüne und ins Museum

Und wenn keine Therapie ansteht, schafft er wöchentlich einen Ausflug, mit Vorliebe ins Deutsche Museum nach München. Dann begleitet ihn über die Nachbarschaftshilfe gern ein pensionierter Ingenieur. Fauth, der „gewesene Agraringenieur“, wie er sagt, kann sich dafür begeistern – genau wie für diverse Ausstellungen zu Kunst und Geschichte, aber auch für Ausflüge in Gaststätten und Biergärten mit der Familie. Mit einem befreundeten Jäger geht es ab und an auch in den Wald, wo er vom Auto aus mit dem Fernglas nach Wild spechtet. Abgesehen vom jährlichen Ligurien-Urlaub, ist sein Radius Oberbayern. Diese Unternehmungen sind Freiheiten, denen früher die Politik und ihre vielen Termine im Weg standen. Heute sagt Fauth: „Zeit habe ich ohne Ende.“

Alle Nachrichten aus Vaterstetten und dem Landkreis Ebersberg bei der Ebersberger Zeitung.

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