Walter Bayerlein
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Vaterstettener war sieben Wochen als Covid-19-Patient isoliert

„Es war schlimmer als Einzelhaft“

Schlimmer als Einzelhaft sei die Zeit auf der Corona-Isolierstation gewesen, sagt der ehemalige Richter Walter Bayerlein (84) aus Vaterstetten . Ein Interview

Herr Bayerlein, Sie haben Covid-19 überlebt, und das mit 84 Jahren. Darf man gratulieren?
Aber sicher. Zu Jahresanfang hatte ich meinen dritten Herzinfarkt, dann eine schwere Bypass-Operation. Nach wenigen Tagen zu Hause hat mich dann das Virus niedergestreckt.
Wissen Sie, wer Sie infiziert hat?
Nein. Mein Bruder hatte es mindestens so heftig wie ich, mein Sohn etwas weniger und mein Hausarzt auch, in einer milden Form.
Bei Ihnen stand es auf Messers Schneide?
Ja. Doch ich habe es überstanden. Gute Ärzte sind viel wert.
Was hat Ihnen am meisten zu schaffen gemacht?
Ich hatte eine doppelseitige Lungenentzündung und einen brutalen Husten bei einer großen Operationswunde im Brustkorb, dazu versagten zeitweise die Nieren. Das schlaucht unheimlich. Was aber mindestens genauso schlimm ist: Diese Krankheit setzt einem auch psychisch enorm zu. Dabei habe ich mich mental immer für ziemlich stark gehalten. Inzwischen habe ich auch von vielen anderen Mitleidenden gehört, dass sie so ein psychisches Tief hatten.
Wie hat sich das geäußert?
Ich war sieben Wochen in strengster Isolation, erst im Krankenhaus, dann in der Spezial-Reha. Mein Zimmer maß drei mal vier Meter. Abgesehen von gelegentlichen Telefonaten hatte ich keinen Gesprächspartner, durfte nicht ins Freie, keinen Besuch empfangen, nicht einmal von meiner Frau, von der ich in 58 Jahren Ehe noch nie so lange getrennt war. So allein war ich in meinem ganzen Leben nicht. Ein Gefangener in Einzelhaft hat mehr Vergünstigungen. Man fühlt sich schuldlos wie ein bissiger Hund ohne Beißkorb. Einziger Kontakt zur Außenwelt war der Fernseher. Da habe ich dann sehen müssen, wie Militärlaster in Kolonne Leichen wegfahren und Bagger viele Gräber ausheben. Für einen lebensbedrohlich erkrankten Covid-19-Patienten psychisch eine Katastrophe. So schnell konnte man gar nicht wegschalten.
Aber Sie wurden intensiv gepflegt?
Das schon, meist mit bewundernswertem Einsatz. Aber das Klinikpersonal ist bis zur Unkenntlichkeit vermummt. Ich brauchte eine Woche, bis ich wenigstens drei Schwestern an ihren Augen unterscheiden konnte. Sie kamen und taten, was notwendig war, und das gut bis hervorragend. Wegen der Ansteckungsgefahr schauten sie jedoch, dass sie möglichst rasch weiterkommen. Wenn ich mir vorher nichts aufgeschrieben hatte, was ich brauche, waren sie schon weg, bevor ich etwas sagen konnte.
Und Ihre Familie?
Mit der habe ich vor allem über WhatsApp kommuniziert, aber vieles kann man auf dem Weg ja nicht mitteilen, etwa, dass ich zeitweise knapp vor dem Aufgeben war.
Was hat Sie davon abgehalten?
Einmal hatte ich mitten in der Nacht einen Anfall von Atemnot. Und die Angst: Jetzt geht es zu Ende. Ich drückte den Notrufknopf, Ärzte kamen, drehten den Sauerstoff höher und gaben mir eine Spritze. Als es sich beruhigte, zogen sie wieder ab. Da fragte eine Schwester: Kann ich Ihnen noch irgendetwas Gutes tun? Ich sagte: Ja, bleiben Sie noch zehn Minuten da und lassen Sie mich in meinen Ängsten nicht allein. Das hat sie getan, sich in gebührendem Abstand hingesetzt. Über die Krankheit haben wir nicht gesprochen, auch nicht über meine Angst. Sie hat mich zu meiner Familie befragt und meinem Beruf. So hat sie das Kostbarste in dieser Situation verschenkt, nämlich Zeit und Zuwendung. Das werde ich ihr nie vergessen.
Sie sind aktiver Katholik. Hat Ihnen Ihr Glaube geholfen?
In den zwei Monaten vor und nach meiner Herz-OP hatte ich Gesprächspartner aus der Klinikseelsorge. Ein befreundeter Priester brachte mir die Kommunion und spendete die Krankensalbung. In Corona-Zeiten kam niemand. Es fragte auch keiner danach. Ich habe Fernsehgottesdienste gesehen und muss sagen, viele kirchliche Würdenträger haben auf meine existenziellen Ängste keine belastbare Antwort gegeben. Aber viele Leute haben mir geschrieben, dass sie für mich beten. Das gibt Kraft. Wenn Sie mich fragen, warum ich noch lebe, dann hängt es wahrscheinlich daran. Und an meinem lebenslangen Gottvertrauen.
Sind Sie wieder ganz gesund?
Ich weiß nicht einmal, ob ich Antikörper habe. Ich tue so als hätte ich keine. Ob ich einen guten oder schlechten Tag habe, weiß ich im Voraus oft nicht, das schwankt stark. Angstzustände habe ich immer wieder einmal, vor allem nachts. Daher verwende ich weiter mein Sauerstoffgerät, damit ich nicht zu flach atme. Seit 8. Mai bin ich wieder zu Hause. Das Laufen musste ich mühsam lernen – vom Rollstuhl zum Rollator. Inzwischen kann ich an die 30 Meter ohne Gehhilfe zurücklegen.
Was denken Sie über die Lockerungsdebatten?
Die sind notwendig, weil es um Grundrechtseinschränkungen und die Frage der Verhältnismäßigkeit geht. Aber ich haben den Eindruck, dass viele Leute viel zu früh wieder angefangen haben so zu tun, als hätten wir das überwunden. Dabei sind wir noch mittendrin, dieses Monster zu erforschen. Ich meine, die bayerische Staatsregierung hat klug gehandelt. Sie sollte sich bloß nicht jetzt zu sehr dem öffentlichen Druck beugen.
Das Gespräch führte Christoph Renzikowski (kna)

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