1. Startseite
  2. Lokales
  3. Ebersberg

Die vergessene Seelenkammer

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

null

Ebersberg - Zu Allerheiligen und Allerseelen gedenken Katholiken ihrer Verstorbenen. Früher waren es zumeist schmiedeeiserne Grabkreuze, die die Gräber schmückten. Ein aussterbendes Handwerk. Nicht für eine Familie aus Ebersberg.

Ein Meer von Kreuzen. In Reih und Glied stehen sie da. Manche sind schwarz, manche sind bunt bemalt, andere hat der Rost braun gefärbt. Keines ist wie das andere, jedes auf seine Weise schön. Matthias Larasser steht mittendrin. Er trägt Mantel und Schal. Es ist kühl in den Räumen der alten Schmiede in Ebersberg, in der bis vor zwölf Jahren Feuer brannten, die mehr als tausend Grad heiß waren. Der Betrieb Kunstschmiede Bergmeister, dessen Inhaber Larasser seit 2009 ist, ist 1999 ins Gewerbegebiet umgezogen. „Wir waren hier einfach zu laut“, sagt Larasser. Rundherum stehen Wohnhäuser.

2001 eröffnete Larassers Onkel, Betriebsgründer Manfred Bergmeister, das Grabkreuzmuseum in den leerstehenden Räumen. Ein Teil der Kreuze, die dort stehen, stammt aus der aufgelösten Sammlung von Sixtus Schmid (1864 bis 1946), einem reich verheirateten Kunstschmied, der sein Leben und das Geld seiner Frau der Rettung auf Friedhöfen vergessener Kunstwerke widmete. Nach dem Tod von dessen Tochter hätte eigentlich die Kirche diesen Schatz erhalten sollen. So hatte es die Erbin vorgesehen. Doch es kam anders: „Jetzt is’ die Matz g’storbn und hat’s Testament nicht unterschrieben“, soll ein Prälat bei ihrem Begräbnis geschimpft haben. So war es schließlich Bergmeister, der 1981 einen Teil der Sammlung aufkaufte.

Es ist eine Sammlung „kleiner Meisterwerke“, wie Larasser sagt. Für ihre verstorbenen Lieben war den Menschen oft nichts zu teuer. Ob Renaissance oder Barock, „man hat immer das schönste von allem gemacht“. Die Kunstfertigkeit ganzer Epochen vereint sich in den Kreuzen.

Farbenfroh sind viele von ihnen bemalt. Eiserne Blumen zieren sie. In Zeiten, in denen das Leben oft schwer war, wurde der Tod nicht verdrängt. „Man hat dem Verstorbenen in gewisser Weise freudig gratuliert, dass er die Bürden hinter sich hat.“ Zudem hätten die Menschen „erdiger“ gedacht. „Von zehn Kindern sind nur fünf durchgekommen und die Leute sind noch daheim gestorben. Heute wird der Tod ausgelagert“, sagt Larasser.

Wie den Tod haben die Menschen die Symbole vergessen, die ihn umgaben. Alte Grabkreuze sind voll mit diesen Bildern, die heute kaum noch jemand lesen kann. Die Spindelblume, deren Windungen den Lebensfaden darstellen. Der Sonnenbogen, der viele Kreuze überdacht und ein Sinnbild für das Leben ist. Die Uhr als Symbol der Endlichkeit. Speer und Schwamm, die für das Martyrium Christi am Kreuz, und gleichzeitig auch für das des Verstorbenen stehen. Die kleine „Seelenkammer“ in der Mitte des Kreuzes, in der sich der Geist des Toten läutern sollte, bevor er nach drei Tagen ins Paradies einziehen dufte. Alles vergessen.

Heute finde man auf Friedhöfen dagegen viel „Sakrokitsch“, wie Larasser es abfällig nennt. Auch wenn sich seine Kunstschmiede immer bemüht, die Wünsche der Kunden zu erfüllen, ist für ihn irgendwann eine Grenze erreicht. „Einmal wollte ein Kunde ein Kreuz, an dem sich ein chinesischer Drache hochschlängelt.“ Keine Chance. „Das machen wir nicht, wir stehen für saubere Gestaltung.“ Die kostet natürlich. Ab 2500 Euro gibt es ein modernes Kreuz, ab 3500 Euro den Nachbau eines historischen. Je nach Wunsch sind die Preise nach oben offen. Einnahmen, die zum Teil in den Erhalt des Museums fließen. Eine Lebensaufgabe. „Es kostet wahnsinnig viel Kraft“, sagt Larasser. Eintritt kostet das Museum nicht. Dafür aber Unterhalt. „Demnächst kommt wieder das Dach daher, mit 200 000 bis 300 000 Euro.“ Aber andere hätten auch teure Hobbys, sagt Larasser und zuckt mit den Schultern. „Und ich hasse Wellness-Urlaube“, schiebt er lachend hinterher.

Von Sebastian Horsch

Das Grabkreuzmuseum liegt im August-Birkmeier-Weg 2 in Ebersberg. Geöffnet ist es samstags von 9 bis 12 Uhr sowie nach Vereinbarung unter Tel. 08092/24034.

Auch interessant

Kommentare