Im Ebersberger Forst

Kamerafahrt ins Ungewisse: Forscher untersuchen jahrhundertealten Brunnen - viele Rätsel bleiben offen

  • Josef Ametsbichler
    vonJosef Ametsbichler
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Zum ersten Mal gibt eine Kamerafahrt Einblick in den wiederentdeckten, jahrhundertealten Brunnen tief im Ebersberger Forst. Der Zweck eines geheimnisvollen Holzteils ist nun wohl geklärt.

  • Im Ebersberger Forst wurde ein jahrhundertealter Brunnen wiederentdeckt
  • Wer ihn wann und zu welchem Zweck gebaut hat, ist noch ungeklärt
  • Eine Kamerabefahrung könnte nun erste Aufschlüsse liefern.

Landkreis – Verführerisch wie ein Irrlicht tanzt der Schein der baumelnden LED-Lampe über das trübe Wasser. Und als ob sie diesem Locken nachgibt, surrt die Schwenkkamera hinab in den Schacht. Das Gerät, das an dem blauen Kabel baumelt – chromglänzend, leuchtend, und mit einer Linse, die rotiert wie ein Augapfel – wirkt, als käme es aus der Zukunft. Wie eine Raumsonde senkt es sich in die Schwärze – und zurück in die Vergangenheit des Ebersberger Forstes.

Per Joystick steuert Marcel Geßner die Videofahrt über die Bildschirme im Kamerawagen der Brunnenservice-Firma.

Gut 100 Meter weiter sitzt Marcel Geßner, Brunnenspezialist, im Cockpit seines Kamerawagens. Per Joystick steuert er die Winde und den Schwenkmechanismus der Kamera. Auf den drei Bildschirmen ziehen jahrhundertealte Flusssteine, Wurzeln und schließlich ein Holzstamm wie in Zeitlupe vorbei. Es ist die erste Kamerabefahrung des bislang undatierten, aber wohl jahrhundertealten Brunnens, der jüngst tief im Ebersberger Forst wiederentdeckt wurde.

Historischer Brunnen im Ebersberger Forst: Zeitzeuge erinnert sich an Abdeckung

Warten auf den Tauchgang: Am Brunnen stehen (v.li.) der stellvertretende Forstbetriebsleiter Sebastian Klinghardt, Revierleiter Daniel Fraunhofer und Kreisheimatpfleger Thomas Warg. Über eine Umlenkrolle an dem Dreibein wird die Kamera abgeseilt.

Geklärt hat sich zwischenzeitlich, woher die Betonabdeckung mit dem eingelassenen Metalldeckel stammt: Ein Förster, der damals in Ausbildung war, erinnert sich noch gut, wie sie die Teile 1964 in den Forst gewuchtet haben – das berichtet Kreisheimatpfleger Thomas Warg. Für den Schacht darunter mochte sich damals niemand begeistern, es ging wohl rein um die Sicherheit.

7,80 Meter: Die Steine in der Wand sind kleiner als weiter oben. Was aussieht wie Mörtel, ist eingespülter Sand.

Mysteriöser Schacht: Kamera filmt unter Wasser

Nun ist das Interesse ein anderes. Als die Kamera schließlich in 9,94 Metern Tiefe den Wasserspiegel durchbricht, fixieren die Forstmitarbeiter und Heimatforscher die Monitore, als hingen ihre Augen wie die Kamera im Brunnen an einem straffen Kabel.

Geheimnisvoller Brunnen tief im Forst: Interesse aus ganz Deutschland - und eine dringende Warnung

9,65 Meter: Eine Metallschelle an der Holzdeichel diente wohl zur Abdichtung oder als Verbindungsstück.

Im Auftrag der Bayerischen Staatsforsten haben die Brunnenspezialisten der Hofer Firma Etschel ihre Spezialausrüstung über holprige Geräumte in den Wald transportiert. Normalerweise untersucht die Firma Beton- oder stahlverrohrte Trinkwasserbrunnen moderner Herkunft. So einen alten Brunnen hatte der Geologe Robert Pietsch noch nicht vor der Linse. „Sehr akkurat gebaut“, lobt er die Unbekannten, die vor Jahrhunderten ohne Mörtel und moderne technische Spielereien die „Bummerl“ akkurat in die Schachtwand gesetzt haben.

In dem Brunnen tief im Ebersberger Forst steckt eine vorindustrielle Wasserleitung aus Holz

10,20 Meter: Trüber Unterwasser-Ausblick: Wozu das Teil links, vermutlich aus Metall, diente, ist noch unklar.
Keramikscherben unklarer Herkunft liegen am Brunnen auf dem Waldboden.

Unter dem Wasserspiegel schaut sich die Kamera suchend um. Sie hat es schwer, denn es ist trüb. Außerdem versperren Äste und Blätter die Sicht und den Weg zum Grund. Und die hölzerne Deichel mit den Metallbeschlägen, die senkrecht im Brunnen steckt. Ein Archäologe hat den ausgehöhlten Holzstamm als eine solche vorindustrielle Wasserleitung identifiziert. Bei 10,92 Metern Tiefe, gut einen halben Meter über der Schlick-Schicht am Brunnengrund, ist Schluss.

Das Video ist ein weiteres Puzzlestück in der bisher ungeklärten Geschichte des Brunnens. Ob ihn Einsiedlermönche, Hirten oder ein Fürst vergangener Jahrhunderte gegraben haben, verraten die Bilder nicht. Doch Experten könnten ihnen weitere Hinweise abringen. Als nächstes will die Ebersberger Feuerwehr in den Schacht steigen und Proben nehmen.

Video: Die komplette Kamerafahrt im wiederentdeckten Brunnen tief im Ebersberger Forst

Mysteriöses Loch tief im Ebersberger Forst: Archäologe mit erster Theorie

Rubriklistenbild: © Stefan Roßmann

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