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1415 Kilometer – die Route des verunglückten Lkw.

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A99-Unfall: Protokoll einer fragwürdigen Viecherei

Vaterstetten - Frühmorgens gegen 0.30 Uhr auf der Autobahn: Ein Viehtransporter auf dem Weg von Dänemark nach Italien kippt um. 711 Jungschweine werden getötet. Ein Bericht über eine fragwürdige Viecherei.

Schweinelaster auf A 99 bei Vaterstetten verunglückt

Schweinelaster auf A 99 bei Vaterstetten verunglückt

In der Tat: 711 dänische Jungschweine, circa zwölf Wochen alt und je 30 bis 35 Kilo schwer, sind tot. Notgeschlachtet am Rande der Autobahn. Eigentlich sollten sie, so steht es in den Frachtpapieren, am Freitag gegen 7 Uhr früh in Italien ankommen. Doch der Lkw ist etwa zwölf Stunden auf der Straße, da gerät er auf der A 99 kurz vor der Rastanlage Vaterstetten ins Schlingern. Dem Fahrer gelingt es noch, den Lkw auf dem Standstreifen anzuhalten. Doch durch das Manöver sind die Boxen mit den Schweinen verrutscht. Der Lkw hat Schlagseite und kippt um. Die Schweineboxen, die im hinteren Bereich des Anhängers auf fünf Ebenen übereinander gestapelt sind, purzeln wild durcheinander.

Als der Kommandant der Feuerwehr Parsdorf, Albert Wirth, gegen 0.45 Uhr am Unfallort eintrifft, merkt er gleich, dass das „kein gewöhnlicher Unfall“ ist. Die beiden Fahrer sind unverletzt.

Wildes Quieken aus dem Lkw

Aber aus dem Lkw hört man wildes Quieken, der ganze Lkw strahlt die Körperwärme der Tiere ab, er dampft, während innen die Schweine wild strampeln und sich zum Teil gegenseitig in Panik erdrücken. Wirths Leute überlegen hektisch, was zu tun ist. „Wir haben zwei Stunden lang versucht, einen Ersatz-Lkw für die Tiere zu finden“, sagt Wirth. Unendlich viele Telefonate. Aber vergebens: sogar der Münchner Schlachthof winkt ab. Versuche, die Tiere bei einem Landwirt der Umgebung unterzubringen, scheitern ebenfalls. Es gibt seuchenhygienische Bedenken – die Tiere aus Dänemark könnten den heimischen Bestand infizieren, so die Befürchtung. Gegen 3.15 Uhr, zweieinhalb Stunden nach Einsatzbeginn, kommt endlich die Amtstierärztin aus dem Landratsamt Ebersberg. Sie ordnet an, alle Tiere zu töten. „Das Problem war die Kälte“, verteidigt die Pressesprecherin des Landratsamtes die Entscheidung. „Wäre es wärmer gewesen, hätte man die Schweine auf einem angrenzenden Feld einpferchen können – so war das keine Option.“

Gemetzel an der Autobahn

Am Rande der Autobahn setzt das große Gemetzel ein. Feuerwehrleute in Schutzanzügen kriechen über die Ladeluke in das mit Boxen und Schweinekadavern verstellte Innere des Anhängers. Es dauert bis 10 Uhr. „Wir mussten jedes Schwein einzeln rausholen“, sagt Wirth. Die Tiere werden mit Strom betäubt und dann „entblutet“. Die Blutlachen kanalisiert die Feuerwehr mit Bindemitteln. Das Fleisch ist, so entscheidet das Veterinäramt, ungenießbar – die Schweine haben infolge des Unfalls zu viele Stresshormone ausgeschüttet.

Der Grünen-Landtagsabgeordnete Christian Magerl will den Fall zum Gegenstand einer schriftlichen Parlaments-Anfrage machen. „Wie kann das sein, dass solche Transporte heute noch stattfinden“, fragt er. Und: Warum gibt es für solche Fälle keinen Notfallplan? Die Polizei hat die Ladepapiere dem Landratsamt Ebersberg übergeben – zur Überprüfung wegen tierschutzrechtlicher Verstöße. „Ob der Transport ordnungsgemäß war, dazu haben wir keine Erkenntnisse“, sagt die Pressesprecherin des Landratsamtes. Aber sie lässt schon durchblicken, dass da nicht viel folgen wird. Die Tiere sind ja tot. Es war wohl alles legal.

Von Dirk Walter

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