Andy Behrend (li.) mit ehemaligen und aktuellen Schützlingen bei der Geburtstagsfeier. Hinten v. l. Michael Steppan (22), Rafael Ullbricht (21), Sabine Behrend (21), Jennifer Kernchen (20) und Valerie Goldschmitt-Behmer (22). Rechts: Erzieherin Karin Tristl. Foto: Sro

Aus Wichteln werden Erwachsene

Grafing - Die Initiative „Wichtelburg“ in Grafing ist älter als der gesetzliche Anspruch auf einen Kindergartenplatz. Die Grafingerin Andy Behrend gründete die Selbsthilfeeinrichtung im Jahr 1994. Das entsprechende Gesetz, das eine Kinderbetreuung garantieren sollte, kam erst zwei Jahre später.

Die Wichtelburg aber gibt es immer noch und die ersten Kinder, die sie besuchten, sind inzwischen alle um die 22 Jahre alt, machen eine Lehre oder studieren. Aus den „Wichteln“ wurden junge Erwachsene, die selbst bald Verantwortung in der Gesellschaft übernehmen, ihren Beruf ausüben und Steuern zahlen werden. Zum 20-jährigen Jubiläum gab es ein kleines Wiedersehen.

Die Idee von damals: Im alten Schulhaus in Oberelkofen im Dachgeschoss sollten die Kinder an zwei Tagen in der Woche schon einmal „Kindergarten“ spielen können. „Meine Tochter ist ein Einzelkind“, erläutert Behrend. „Ich wollte, dass sie Spielkameraden bekommt.“ Die Idee schlug ein und trägt immer noch. „Wir haben eine volle Warteliste“, freut sich die Gründerin über den Erfolg ihres „Babys“.

Wer passt auf die Kinder auf? Eine Erzieherin und eine Mama. Wahlweise waren auch mal Väter dabei, die ihren Anteil an der Erziehung nicht nur darin sahen, den vergleichsweise bescheidenen Betrag für die Kinderbetreuung auf das Konto der Wichtelburg zu überweisen. Die Papis wurden mit spannenden Momenten belohnt, wenn sie ihren Nachwuchs dabei beobachten konnten, wie er erste soziale Kontakte knüpfte oder sich schlicht um Spielzeug stritt, das nicht im Überfluss, aber doch ausreichend vorhanden war. Als Mann jedenfalls war man damals beim Kinderturnen oder in der Wichtelburg der Hahn im Korb.

Über eine steile, knarzende Holztreppe ging es nach oben unters Dach. Links die Kleiderhaken, an denen die Kinder ihre Sachen aufhängen konnten und auch ihre Brotzeit deponierten. Die Holztreppe schließlich war es aber, warum die Wichtelburg ihr Dachgeschoss verlassen musste. Der Brandschutz war problematisch. Es fehlte der zweite Fluchtweg. „Wir mussten von einem Tag auf den anderen raus“, bedauert Behrend. Im Erdgeschoss des Hauses waren zwar noch Räume frei, die aber sehr schnell als Lager für museale Gegenstände belegt wurden. Andy Behrend musste nach einer Lösung suchen. Die hätte nach einem Ortstermin ursprünglich in einem kleinen Ausbau für 60 000 Euro im Schulgebäude bestehen sollen. Behrend formulierte einen entsprechenden Antrag, „der vom damaligen Bürgermeister Rudolf Heiler aber leider abgeändert wurde“, bedauert sie. Herausgekommen sei ein Totalumbau des Schulhauses für 240 000 Euro, der vom Stadtrat prompt abgelehnt worden sei.

Die Wichtelburg wurde trotzdem nicht heimatlos. Sie fand im neben dem Schulhaus gelegenen Vereinsheim der Elkofener Schützen eine neue Unterkunft, in der sie vorübergehend untergebracht wurde. Nichts ist so dauerhaft, als ein Provisorium. Die Kinder werden dort seit 2009 betreut.

mps

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