Interview mit Wolfgang Epple

Bekannter Umweltschützer gegen Windkraft im Forst: Wald dafür aufzureißen „ist aberwitzig“

Von Jörg Domke

Eine erst einige Taqe alte Aufnahme aus dem Ebersberger Forst in der Nähe des Antoni Weihers.

Windkraft ist nicht gleich Klima- und Umweltschutz. Diese Formel vertritt der Biologe und Naturschützer Wolfgang Epple.

Markt Schwaben/Landkreis - Das heuer landkreisweit abgefragte Bürgervotum zur Nutzung von Windenergie, erzeugt direkt im Ebersberger Forst, war knapp. Am 16. Mai 2021 hatten sich die Stimmberechtigten für den Bau von maximal fünf Windrädern ausgesprochen. Doch das enge Ergebnis zeigte insbesondere eines: Eine klare Positionierung gibt es nicht. 52,74 Prozent zu 47,26 Prozent hieß es am Ende. Bei einer Wahlbeteiligung von 61,89 Prozent.

Die Fragestellung im Bürgerentscheid lautete: „Sind Sie dafür, dass der Landkreis Ebersberg zur Erreichung der Ziele des Klimaschutzes und zur Förderung der Landschaftspflege die ihm zur Verfügung stehenden grundstücksrechtlichen Möglichkeiten ausschöpft, um darauf hinzuwirken, dass im Ebersberger Forst maximal fünf Windräder errichtet werden?“ Die Frage konnte mit „Ja“ oder „Nein“ beantwortet werden.

Befürworter der Windkrafträder feiern Sieg der Vernunft

Während Befürworter den Bürgerentscheid wie einen Sieg der Vernunft feierten, kritisierten Gegner schon vorher und auch danach die Rhetorik in der komplizierten Fragestellung und appellierten zugleich an die Vernunft. Friede jedenfalls ist in der Sache auch Monate danach nicht eingekehrt. Im Gegenteil: Markt Schwabens Altbürgermeister Bernhard Winter etwa erwähnt auf seiner Homepage ein inzwischen gegründetes „Bündnis für den Wald“, seit Jahren leisten mehrere Schutzgemeinschaften und Bürgerinitiativen Widerstand gegen die weitere Zerstückelung des Waldes. Und auch die Wählergruppe Zukunft Markt Schwaben (ZMS) hat heuer mehrfach in ihrer Postille „Wendeblatt“ die Frage nach einer Generationengerechtigkeit aufgeworfen. Auf der Website der Zukunft Markt Schwaben kann man u.a. einen Gastbeitrag von Dr. Wolfgang Epple nachlesen. Mit dem früher parteilos für die GRÜNEN aktiven Biologen und Naturschutz-Ethiker, der im Bayerischen Wald lebt, hatte die ZMS im Laufe des Jahres Kontakt aufgenommen und um Unterstützung im Kampf um den Erhalt des Forstes gebeten. Epple ist seit über 50 Jahren für den Naturschutz aktiv. Er studierte Biologie und Chemie (Dissertation zur Ethoökologie der Schleiereule).

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Ehrenamtlich und in den 80er-Jahren war er hauptamtlich als Landesgeschäftsführer des NABU (damals Deutscher Bund für Vogelschutz) in Baden-Württemberg tätig. Weitere Tätigkeit gab es in einer oberen Sonderbehörde des Landes Baden-Württemberg und in den 90er-Jahren gutachterlich für das damalige Niedersächsische Landesamt für Ökologie. Seit 30 Jahren befasst sich Epple vertieft mit dem Schutz von Arten im Interessenkonflikt und mit der Ethik des Naturschutzes. Wir trafen den 68-Jährigen in Markt Schwaben zum Interview.

Herr Dr. Epple, was hat nach Markt Schwaben verschlagen?

Epple: Es ist das Treffen mit Ihnen als Vertreter der hiesigen Presse, der sich in das Thema erkennbar gut eingearbeitet hat, und mehrere Artikel zum Ebersberger Forst publiziert hat. Verbunden habe ich das mit einem Wiedersehen mit einigen Vertretern der Wählergruppe ZMS, zu der seit der heißen Phase des Bürgerentscheides um die Windkraft im Ebersberger Forst Kontakt auf deren Initiative hin besteht.

Wie ist die Verbindung zur Wählergruppe ZMS Markt Schwaben entstanden?

Epple: Die Wählergruppe ZMS hat meine als Buch veröffentlichte Metastudie zu Windkraftindustrie und Naturschutz zum Anlass einer Anfrage beim Herausgeber, der Naturschutzinitiative e.V. gemacht. In den Gesprächen mit Wolfgang Korda und in mehreren Fragerunden der ZMS an mich stellte sich heraus, dass vertieftes Interesse an den weitreichenden und komplexen Zusammenhängen des Konfliktes besteht. Ich habe dann in Interviewbeiträgen zu den wichtigsten Aspekten und der Einordnung des Konfliktes Stellung genommen. So entstand eine Video-Reihe, die im Internet bei ZMS als Playlist abrufbar ist. Wolfgang Korda hat dankenswerterweise Kontakt mit den beiden sehr fundierten Schutz-Initiativen „Landschaftsschutz Ebersberger Land e.V.“ unter Catrin Dietl und „Schutzgemeinschaft Ebersberger Forst e.V.“ unter Kerstin Mertens vermittelt. Aufgrund meiner Aussagen zur Naturschutz-Ethik nahm schließlich auch Altbürgermeister Bernhard Winter Kontakt zu mir auf. Im September 2021 gab es dann ein gemeinsames Treffen im Forst.

Wolfgang Epple, Biologe und Windkraftgegner.

Zerstückelung der Wälder ist schlecht für die Biodiversität

Im, Wendeblatt 11, einem Druckerzeugnis der ZMS, zitieren sie sogar Papst Franziskus und dessen Enzyklika Laudato Si aus dem Jahr 2015. Was hat Sie an den Worten des Heiligen Vaters so begeistert?

Epple: Papst Franziskus stärkt in seiner epochalen Umwelt-Enzyklika mit großem Nachdruck den Eigenwert natürlicher Seinsformen: Schutzwürdigkeit und Daseinsrecht abseits des anthropozentrischen Nutzendenkens. Die Enzyklika ist sehr ausgereift, und deshalb auch in meinem Buch zum Konflikt Windkraft-Naturschutz mehrfach vertieft zitiert. Vieles deckt sich mit meinem ganzheitlichen Ansatz des Naturschutzes, der dem Menschen seine Sonderstellung zugesteht: Macht über alles bedeutet Verantwortung für alles. Defizite des Naturschutzes bestehen gerade im ethischen Bereich – das ist das große Thema auch der Enzyklika. Im Zitat meines Beitrages für ZMS, Punkt 184 der Enzyklika, setzt sich der Papst energisch für ergebnisoffene Güterabwägung ein, wörtlich: „(…) dass alle Entscheidungen auf der Grundlage einer Gegenüberstellung der Risiken und der Vorteile jeder in Frage kommenden Alternative getroffen werden“. Er hebt wörtlich auf Projekte ab, „(…) die einen erhöhten Verbrauch natürlicher Ressourcen, eine Zunahme von Emissionen oder Abfallprodukten, die Erzeugung von Rückständen oder eine bedeutende Veränderung der Landschaft, des Lebensraums geschützter Arten oder eines öffentlichen Raums verursachen (…)“. All das trifft für viele Energieformen zu, auf Kohle, Gas, Kernenergie, aber eben auch auf die zu Unrecht und naiv als „saubere Energie“ propagierten sogenannten Erneuerbaren, und hier speziell die Windkraftindustrie zu. Wenn die zig-fach verbreitete Agitation für Windkraft diese als für die Weltrettung alternativlos selbst inmitten einer per Verordnung geschützten Waldlandschaft darstellt und eine Güterabwägung unterlaufen wird bzw. nicht ergebnisoffen ist, widerspricht dies nicht nur den päpstlichen Empfehlungen, sondern kollidiert dies mit Rechtsstaatsprinzipien, zu denen die ergebnisoffene Güterabwägung zentral gehört.

Der Ebersberger Forst ist Ihnen alles andere als unbekannt. Wenn man im Internet ihren Namen und den Forst googelt, kommt man schnell auf einen mehrseitigen Aufsatz, in dem sie von einer „Entwertung der grünen Lunge Münchens“ sprechen. Warum bedroht die Windkraft den Forst?

Epple: In meiner Homepage zum ganzheitlichen Naturschutz befasse ich mich intensiv mit dem Schutz der Wälder, der früh in meiner beruflichen Tätigkeit für den damaligen Deutschen Bund für Vogelschutz, heute NABU, eine zentrale Rolle spielte. Wer die Erde retten und will das Klima im Blick hat, muss den Focus auf die Wälder richten. Alle wissenschaftlichen Erkenntnisse zeigen seit Jahrzehnten die Schädlichkeit des Aufreißens oder der Zerstückelung geschlossener Wälder, und zwar nicht nur für die Biodiversität, sondern gerade im Hinblick auf die Klimaschutzfunktion, Schutzfunktion für den Boden und Wasser, und für den wichtigen kühlenden und ausgleichenden Beitrag der Wälder zum Mikroklima. Ein Hauptmerkmal unter den gut erforschten Zeichen der globalen sozial-ökologischen Krise, die in der Überschreitung mehrerer planetarer Grenzen das Überleben der Menschheit betrifft, ist also die Auflichtung und Zerstückelung, der Umbau zur Intensiv-Nutzung und die Vernichtung durch Rodung der Wälder. Die wichtigste Kenngröße der ökologischen Krise ist nicht der Klimawandel, sondern der mit diesem Raubbau einhergehende Verlust der Biodiversität. Es ist aberwitzig, gerade eines der größten noch erhaltenen zusammenhängenden Waldgebiete des Bayerischen Flachlandes mit der Behauptung eines Beitrages zur Weltrettung aufzureißen und zu entwerten. Der Ebersberger Forst zeigt wie in einem Brennglas die gesamte naturschutzschädigende Problematik der Invasion der Windkraft in die wertvolle Rest-Natur: Aufreißen des Waldes, Schädigung des Bodens, nicht auszuschließende negative Veränderung des Wasserhaushaltes im Boden und in der Luft, Beeinträchtigung des kühlenden Waldinnenklimas, Zerstörung oder Entwertung von Lebensstätten wehrloser betroffener Wildtiere, direkte Inkaufnahme von Töten von Fledermäusen, Vögeln, Insekten. Inmitten eines dicht besiedelten Raumes – ein Blick auf die Karte zeigt: Der Ebersberger Forst ist förmlich umzingelt durch die geschichtliche Landnahme des Menschen ringsum – wird der für diese Region besondere Glücksfall einer bisher in sich weitgehend intakt in die Gegenwart geretteten Rückzug- und Erholungsfläche für Mensch und Natur ohne zwingende Notwendigkeit aufs Spiel gesetzt. Das ist insgesamt nicht nur Natur-, sondern auch Menschen-verachtend. Das Hineinbetonieren von Windkraftanlagen kolossalen Ausmaßes in einen zum Zwecke seiner Erhaltung als Landschaftsschutzgebiet geschützten Wald ist entgegen des politisch motivierten Neusprechs nicht im öffentlichen Interesse. Auch ist es nicht im öffentlichen Interesse, sondern höchst fragwürdig, das Betriebsergebnis der Staatsforsten durch Pachteinnahmen unter Windenergieanlagen aufzubessern.

Fragestellung zur Bürgerabstimmung war irreführend

An manchen Stellen sprechen Sie vom Ebersberger Wald, nicht vom Forst. Warum das?

Epple: Bei dieser Wortwahl geht es mir darum, zu erinnern, dass der Begriff Forst im deutschen bzw. speziell im bayerischen Sprachgebrauch zwar üblich ist, jedoch zu sehr die Nutzung in den Vordergrund stellt. Der Forst ist vielerorts in Deutschland eine Holzplantage, der Wald steht mehr für das hochkomplexe Ökosystem, das uns – auch unter Nutzung-Aspekten – zur treuhänderischen Verwaltung für nachfolgende Generationen in die Handgegeben ist. Dass neuerdings im Zuge der Klima-Debatte und der mit ihr einhergehenden gedanklichen Engführung der Umweltkrise auf Treibhausgase die Tendenz besteht, den Wald auf seine Funktion als CO₂-Senke zu reduzieren, ist eine Fehlentwicklung. Ganzheitlicher Naturschutz begrenzt Wälder nicht auf CO₂-Ersparnisse. Es ist im Übrigen eine Legende, dass nur beförsterter Wald auch als CO₂-Senke fungieren kann. Vielmehr ist diese Funktion auch in den natürlichen Waldzyklen Teil der Dynamik der Natur. Der Schutz von „Old-Growth-Forests“ ist weltweit vordringlich, weil der Wert nicht genutzter Bannwälder und Urwälder für die Biodiversität unermesslich ist. Auch unter Klima-Aspekten ist diese Dringlichkeit erkannt. Plantagen und Monokulturen, die nun im Zuge mehrerer Dürrejahre zusammenbrechen, deuten mehr auf forstliche Fehler im Waldbau hin, als dass sie Zeichen eines neuen „Waldsterbens“ durch den Klimawandel wären. Der Ebersberger Forst hat wie alle Wälder der Erde nur als eine nach Kriterien der ökologischen Wissenschaft umfassend geschützte und gepflegte Lebensgemeinschaft Wald eine Zukunft. Angepasste Holzproduktion und nachhaltige Nutzung sind dabei eine Möglichkeit. Die langfristige Etablierung eines viel weiter gehenden Prozessschutzes ist jedoch sowohl unter Klima- als auch unter Biodiversität-Aspekten die bessere Antwort auf die Herausforderungen einer von alsbald 10 Milliarden Menschen bewohnten Erde - Herausforderungen, die vom Weltklimarat und Weltbiodiversitätsrat im Gleichklang gesehen werden.

Das Votum vom 16. Mai im Landkreis pro Windenergie war knapp. Schon die Fragestellung aber hielten Sie für extrem bedenklich. Was hat Sie daran gestört?

Epple: Die Fragestellung – warum wurde wohl so daran gefeilt? - ist irreführend und tendenziös. Ich habe wiederholt gehört, dass viele Menschen geglaubt haben, sie stimmen für mehr und besseren Landschaftsschutz, wenn sie „Ja“ ankreuzen. „Grundstücksrechtliche Möglichkeiten“: Das hat niemand verstanden – und ich verstehe es nach Jahren der Befassung mit der Thematik auch nicht. „Windkraft zur Förderung der Landschaftspflege“ -  dreister ist die Umdeutung des Naturschutzes in technischen Umbau der Landschaft zur Energielandschaft kaum sonst wo in Deutschland  formuliert worden. Man hätte fragen müssen: „Sind Sie dafür, dass auf bis zu einem Drittel der Fläche des Landschaftsschutzgebietes für die Ermöglichung von Windkraftanlagen der bisherige Schutzzweck nicht mehr gilt?“ Dann hätten die Menschen verstanden, worum es geht. Dass inzwischen die schon in der Fragestellung aufscheinende Tendenz ganz offen gestärkt wird, einem Landschaftsschutzgebiet, das eindeutig zum Schutz eines zusammenhängenden Waldgebietes installiert wurde, einen neuen Schutzzweck „Klimaschutz“ überzustülpen, passt zur Gesamtentwicklung einer Schleifung des Landschaftsschutzes zugunsten der Windkraftindustrie – und zwar in ganz Deutschland.  Konkret in Ebersberg: Ergebnis eines eigens mit diesem Ziel in Auftrag gegebenen zusätzlichen Gutachtens ist, ein Drittel der geschützten Fläche des Ebersberger Waldes der Windkraft freizugeben. Dies kollidiert faktisch mit der bisherigen Zielsetzung und der Verordnung des LSG. Das Elaborat des Münchner Professors Schöbel-Rutschmann soll – wohl nicht ganz zufällig - ein bestehendes faunistisches Gutachten der GFN-Umweltplanung Gharadjedaghi & Mitarbeiter aus 2019 aushebeln oder zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung entkräften. Dieses Gutachten kam zum eindeutigen Ergebnis, dass der Ebersberger Forst unter dem Gesichtspunkt des Natur- und Artenschutzes nicht sinnvoll zoniert werden kann. Der Umgang mit dem per LSG-Verordnung geschützten Ebersberger Wald dürfte bei Verwirklichung dieses „Konzeptes“ zu einem herausragenden Negativ-Beispiel für ganz Deutschland und Europa werden.

Sind die Würfel ihrer Meinung nach mit Blick auf die Windräder gefallen?

Epple: Die ausstehende rechtliche Genehmigung wird nicht durch einen fragwürdigen Bürgerentscheid und auch nicht durch weitgehende Vorschläge zur Aufweichung der LSG-Verordnung eines entsprechend bekannten professoralen Windkraftbefürworters ersetzt. Alle einschlägigen Vorschriften des höherrangigen Unionsrechtes, die in Deutschland gelten, stehen gegen eine Genehmigung von Windkraftanlagen in diesem in seiner Geschlossenheit so herausragenden und wertvollen Waldgebiet, unabhängig davon, dass es forstlich genutzt wird. Wie ich in meinem Buch aufzeige: Zonierung von Schutzgebieten gehört seit Jahren zur Strategie der Windkraftbefürworter. Am Ende wird es in Deutschland keine von Windkraft unbeeinträchtigten Großlandschaften mehr geben. Und da komme ich zu den aus meiner Sicht nicht vertretbaren weiteren Vorstellungen, die eine Bedrohung für Natur und Landschaft im gesamten Bezirk bedeuten: Die Windkraftbefürworter im Landkreis Ebersberg (Aktiv BüKE) haben im Februar 2021 ein Konzept vorgestellt, das von SPD, CSU, Grünen und ÖDP in Kreistag nach Zeitungsberichten „wohlwollend“ aufgenommen wurde. Im Kern wollen sie 21 Windkraftanlagen verteilen auf die Gemeinden. Auf der Homepage dieses „Projektkonsortiums“ ist eine Karte dieser Verteilung einsehbar. Unter „Fair, effizient“ verträglich“ versteht man dort unter anderem einen Abstand von 3H bis 4H, also dreifachen bis vierfachen Abstand der Höhe der Windkraftanlagen zu den Siedlungen. Abgesehen davon, dass es keinen freien Horizont mehr gäbe in der hiesigen Vorzugslandschaft bei der vom ÖDP-Kreisrat gefeierten gleichmäßigen Verteilung, bedeuten solche Abstände schlicht Menschenverachtung. Vielleicht ist es auch nur Unkenntnis der einschneidenden Folgen solcher Verteilung und solcher Abstände? Es ist dann schon ein wenig zum Schmunzeln, wenn nicht weit vom Ebersberger Forst in Ermating /Höhenkirchen-Siegertsbrunn, wie der „Merkur“ am 10. Dezember berichtet, ausgerechnet SPD-Vertreter, also Vertreter der Partei, die zusammen mit GRÜNEN und dem erwähnten „Konsortium“ den lärmenden Feldzug gegen 10-H anführt, schon bei 930 Meter Abstand weinerlich auf die Barrikaden gegen Windkraftanlagen gehen. Wenn es ernst wird, bröckelt erfahrungsgemäß die zunächst Mainstream-konforme Zustimmung zur Windkraft. Deshalb glaube ich, dass die Würfel für Windkraft trotz der politischen Großwetterlage für den Kreis Ebersberg noch nicht gefallen sind. Sollten die Pläne der neuen Ampel-Regierung verwirklicht werden, die den Widerstand gegen Windkraft flächendeckend „brechen“ will, wird auch in Oberbayern vielerorts Heulen und Zähneklappern sein.

Hubert Aiwanger Versprechen bezüglich der Windkraftanlagen sind kaum zu halten

Welche Möglichkeiten sehen Sie noch, die angesprochenen Windräder politisch oder gar juristisch zu verhindern? Im Moment scheinen wir es mit einer gewissen Verhärtung beider Lager zu tun zu haben.

Epple: Verhärtung und Lagerbildung ist, was den Angriff der Windkraftindustrie im dicht besiedelten Mitteleuropa auf die letzten naturnahen Flächen überall begleitet. Insofern ist Ebersberg kein Einzelfall. Jeder Gemeinde flächendeckend ein Windrad: Vielleicht würde bei Verwirklichung der Spuk alsbald vorbei sein. Denn konsequent wäre, dies dann mit dem Abschalten der Grundlastversorgung aus den Kraftwerken zu verbinden. Wenn Hubert Aiwanger (Freie Wähler) als Wirtschaftsminister den knappen Ausgang des Bürgerentscheides feiert und am 16. Mai 2021 verlauten lässt: „(…) Die Windenergieanlagen im Ebersberger Forst werden ein Fünftel aller Haushalte in Kreis Ebersberg mit regenerativer Energie versorgen. (…)“, dann sollte man ihn und die Aktiv BüKE beim Wort nehmen. Nach einer Woche winterlicher Hochdruckwetterlage, die Dunkelflauten sind belegt, wären in den betroffenen, „versorgten“ Haushalten ohne Notstromaggregat im Wortsinn nicht nur die Lichter aus. Abseits dieser naiven bis törichten Vorstellung einer sicheren und „dezentralen“ Versorgung durch gleichmäßige Verteilung von Windkraftanlagen in Schwachwindgebieten ist die Ballung aller Negativ-Begleitumstände der Windkraftindustrie gerade um den Ebersberger Forst herausragend: Auslieferung des „volkseigenen“ Staatswaldes an die Windkraftindustrie, Zonierung oder gar Aufhebung eines Landschaftsschutzgebietes, erkennbare Versuche der Vorwegnahme ergebnisoffener Güterabwägung, ein für Windkraft und damit am Rande der Befangenheit agierender CSU-Landrat, der als Staatsorgan sehr wohl allen betroffenen Schutzgütern des Art. 20 a GG verpflichtet ist, und sich im Grunde völlig einseitig verhält. Die offensichtlichen bereits eingetretenen auch rechtlichen Mängel des gesamten Prozesses werden mit Sicherheit auf den Prüfstand mehrerer Rechtskreise gelangen. Voran ist die Umsetzung des EU-Rechtes zu nennen. Der Umgang mit Wald und den darin geschützten Arten und mit per Verordnung geschützten Bereichen beschäftigte ohnehin den Europäischen Gerichtshof, der am 4. März 2021 zur Schlägerung eines Waldes in Schweden die klaren Vorschriften der Naturschutzrichtlinien der EU, speziell die zu Ausnahmen vom Schutz eindeutig gestärkt hat. Dass man in Deutschland dieses Urteil wenig bis nicht zur Kenntnis nimmt, könnte den Windkraftplanern schmerzhaft auf die Füße fallen. Es ist kein Kavaliersdelikt, europäisches Naturschutzrecht zu beugen oder zu brechen. Die Richtlinien sind Teil des europäischen Einigungsprozesses und Grundlage des Schutzes des gemeinsamen Naturerbes. Der EuGH hat in einem weiteren Urteil brandaktuell bestätigt, dass selbst in Bezug auf nationales Verfassungsrecht und Urteile der Verfassungsrichter EU-Recht Vorrang hat. Was den Artenschutz betrifft, sind die Vorstellungen, den Forst selbst zu verschonen, und rundherum 21 Windkraftanlagen zu verteilen, ebenfalls ignorant bis abenteuerlich. Denn die betroffenen windkraftsensiblen Arten nutzen das Umland des Waldes weit hinein in das Offenland. Auch hier darf man gespannt sein, wie diejenigen, die sich angeblich mit Windkraft für das Ganze einsetzen, mit den Fakten umgehen wollen. Kein Wunder, dass eine der ersten Amtshandlungen nach Machtübernahme aus dem grünen Habeck-Ministerium ein Angriff gegen die EU-Richtlinien ist.

Wenn schon keine Windräder im Forst; was sollte oder müsste aus dem Ebersberger Forst nach ihrer Meinung mittel- bis langfristig gemacht werden?

Epple: Wenn man ein halbes Jahrhundert Naturschutzgeschichte Deutschlands und Europas miterlebt und an der Basis und Führung eines Verbandes und für Behörden Schutzanstrengungen mitgestaltet hat, fragt man sich, wie es möglich sein kann, dass trotz der wiederholt großen Worte zum Schutz der Wälder - zuletzt anlässlich der Klimakonferenz in Glasgow 2021 - und zum Schutz der Biodiversität nun durch den technischen Klimaschutz sämtliche Dämme eingerissen werden, die zum Erhalt der Natur in Jahrzehnten mühsam errichtet wurden. Wie widersprüchlich ist der grüne Zeitgeist, dem die Natur fremd bleibt: In einer aktuellen Umfrage des Deutschen Instituts für Urbanistik (Difu) aus Dezember 2021 stand der Wunsch nach „Urbaner Wildnis“ an erster Stelle der „Erwünschtheit der Zukunftsvisionen“. In meinem Homepage-Beitrag zum Ebersberger Wald entwerfe ich bewusst eine solche Vision. Es geht um eine Sprengung des viel zu engen Denkrahmens. Die Zukunft könnte ein Großschutzgebiet sein, in dem die Natur mit ihrer Kraft zum Zug kommen kann: ein „Entwicklungsnationalpark Ebersberger Wald“. Entwicklung deshalb, weil es erfahrungsgemäß Generationen benötigt, bis ein vorher forstlich genutztes Waldgebiet in dieser Größenordnung in einen Wildniszustand „aus zweiter Hand“ überführt wäre. Statt auf schnell wachsende und standortfremde Arten als Antwort auf den Klimawandel zurückzugreifen, statt – wie überall in Deutschland - vorrangig die Holznutzung in Blick zu haben, statt Gewinnmaximierung auch noch über Windkraft-Pachteinnahmen zu generieren, kann ein so großes Waldgebiet gerade auch unter den Bedingungen des Klimawandels sich und seinen Kräften selbst überlassen großartige Veränderungen zeigen und Einblicke ermöglichen. In der Forstverwaltung gibt es einen großen Fundus von Wissen und Können, einen solchen Prozess im Rahmen einer zukünftigen Nationalparkverwaltung wissenschaftlich etwa unter Beteiligung von Universitäten zu begleiten. Gerade im gut untersuchten und beforschten Ebersberger Forst besteht eine einmalige Chance, in unmittelbarer Nachbarschaft zur weiterhin Fläche fressenden Großstadt München ein Reallabor der Natur auf fast 100 Quadratkilometern zuzulassen. Das hieße: Der Natur auf einer für deutsche Verhältnisse großen Fläche ihr Recht auf Eigenwert und eigene Entwicklung zurückzugeben. Das Gebiet ist klar und leicht abzugrenzen, und überwiegend schon im Staatsbesitz. Perfekte Voraussetzungen also. Ich gebe zu bedenken: Ohne die Kraft von Visionen und mutiges Neudenken wären die meisten Nationalparke der Erde nicht entstanden. Gerade in Bayern haben wir im Künischen Gebirge mit dem NP Bayerischer Wald ein leuchtendes Beispiel, dass ein sich selbst überlassener Wald nicht untergeht, sondern im Gegenteil, mit den natürlichen Waldentwicklungsprozessen zum erklärten gemeinsamen Ziel des Erhalts der Vielfalt des Lebens auf der Erde entscheidend beiträgt.

In einem Kapitel Ihres Buches schreiben Sie zu den entstehenden „Energielandschaften“ vom „europaweit neu aufgelegten Konflikt zwischen herrschender Stadt und dem dienenden Land“. Was meinen Sie damit?

Epple: Das Publikum der Großstädte ist weit weg vom Geschehen, wenn es um Windkraft und ihre negativen, für die Menschen bedrängenden Auswirkungen geht. Es ist gewissermaßen gedankenlos, gegen die 10-H-Regelung Propaganda zu machen, wenn man offensichtlich nicht aus eigener Erfahrung weiß, was es in Wirklichkeit bedeutet, in einem Kilometer oder noch geringerer Entfernung zu den heutigen Windkraftanlagen wohnen zu müssen. Warum wohl werden nicht fünf dieser 250 Meter hohen Windkraftanlagen in den Englischen Garten oder andere zentrale Flächen in München geplant? Wenn nun die GRÜNEN mit ihrer Machtergreifung in der Ampel über das Baugesetzbuch geringere Abstände von Windkraft zu Wohnstätten der Menschen erzwingen wollen, wie sie es ankündigen, ist das menschenverachtend. Dies könnte auch auf ihr bevorzugtes Wählerpublikum in den Großstädten empfindlich zurückschlagen. Die - heutzutage glitzernden - Metropolen werden schon seit der Gründung der Polis in der Antike aus dem umgebenden Land versorgt. Es gibt hierfür den Begriff „urbaner Parasitismus“, der umschreibt, in welcher Größenordnung wie viel Land zur Befriedigung der Bedürfnisse der Stadt und ihrer Bevölkerung okkupiert werden. Es geht heute längst nicht nur um Nahrung, Bauholz, Werkstoffe oder Wasser, sondern es geht mit dem Abschalten von Kraftwerken verschärft um viel größere Flächen für Energie: Die verglichen mit Kraftwerken enorme Inanspruchnahme von Flächen gerade durch die Windkraft, dies in Konfliktkonvergenz als gezieltes Eindringen in die letzten noch halbwegs intakten naturnahen Landschaften, bedeuten eine Neuauflage des Konfliktes Stadt-Land, um es salopp zu formulieren: Die bäuerliche Landbevölkerung, die bisher neben der Nahrungsmittelbereitstellung auch die Erholungsräume für die Städter gepflegt hat, bekommt, wenn es um die Pläne der Windkraftbefürworter, um den Umbau der Natur in Energielandschaften geht, mit brachialer Gewalt vor die Nase, was nicht nur die Reklamen in der Stadt leuchten lässt. Den Widerstand gegen diese Form der Landnahme diffamiert man dann zum Dank als hinterwäldlerisch und tituliert profunde Einrede gegen ineffektive Windkraft als „Klimaschmutzbewegung“…

Experte Epple hält den Bau von Windkrafträdern im Staatswald für problematisch

Sie kritisieren auch, dass hier im Landkreis der Versuch unternommen werde, den Staatswald dem Klimathema unterzuordnen.

Epple: Der Auslieferung der Staatswälder an die Windkraft habe ich auf meiner Homepage ganz bewusst eine eigens recherchierte Seite gewidmet. Denn das ist kein Versuch nur im Landkreis Ebersberg, wenngleich im Bestellgutachten zur Zonierung des LSG prompt auf die Aussagen des MP Dr. Markus Söder zurückgegriffen wird, 500 Windkrafträder in den Staatswald stellen zu wollen. Baden-Württemberg, Hessen, Rheinland-Pfalz, Mecklenburg-Vorpommern – wohin man schaut, ist diese Entwicklung in Gang gesetzt. Nirgends mit Zustimmung der örtlichen Bevölkerung. Diese Umwidmung und Auslieferung von Wald, der im Besitz der öffentlichen Hand und damit des „Volkes“ ist, wurde in der Bürgerbefragung zum Ebersberger Forst nicht thematisiert. Der Skandal wird leider auch in den Medien totgeschwiegen.

Sie sind deutschlandweit, inzwischen bekannt geworden als Fachmann, der die These vertritt, dass Windenergie und Umweltschutz grundsätzlich nicht wirklich zusammenpassen. Warum widerspricht sich das? Ihr aktuelles Buch gilt immerhin als derzeit umfassendste Sammlung von Fakten und Argumenten gegen den Mythos der Weltrettung durch Windkraft.

Epple: Die einfache Formel „Windkraft ist gleich Klimaschutz, ist gleich Naturschutz“ – es ist der zentrale Mythos der Weltrettung durch Windkraft – ist schlicht falsch. In den acht Kapiteln meines Buches sind die unauflösbaren Konfliktlinien nachgezeichnet und erklärt. Man kann die Natur nicht durch ihre weitere Industrialisierung retten, wenn nachweislich genau die bekannten Begleiterscheinungen dieser Industrialisierung zur massiven Beeinträchtigung aller wesentlichen Schutzgüter führt. Die Windkraftbranche führt inzwischen nachweislich einen erbitterten Krieg gegen den Natur- und Landschaftsschutz. Sie ist mit ihren politischen Erfüllungsgehilfen verantwortlich für die bereits eingetretene Erosion der mühsam in Jahrzehnten erreichten hohen Standards des Naturschutzes, die ohnehin noch nicht einmal gereicht hatten, das Artensterben, die Flächenversiegelung, die Überdüngung und die weltweite Nivellierung ganzer Lebensgemeinschaften aufzuhalten. Statt einer Schwächung des Naturschutzes müsste angesichts des heutigen Erkenntnisstandes eine weitere Stärkung mit dem Ziel einer Beweislastumkehr für jeden Eingriff eingeleitet werden. Die Richtlinien der EU zeigen in ihren Ausnahmebestimmungen genau in diese richtige Richtung: Wer eingreift und Ausnahmen vom Schutz haben will, muss Alternativen prüfen und die Unschädlichkeit nachweisen oder herstellen. Was dagegen die neue Regierung plant, ist nicht weniger als die Abschaffung des Prädikates „unter Naturschutz“ für Pflanzen und Tiere. Wie wollen Sie einem Schulkind erklären, dass es eine einzelne geschützte Pflanze nicht ausreißen soll, ein ihm begegnendes geschütztes Wildtier nicht an seinem Wohnort beeinträchtigen oder es gar töten soll, wenn nach dem grün dominierten Klimaschutz-Neusprech nur noch die Populationen zählen sollen? Zurecht und fachlich konsistent setzt der Naturschutz bis hinunter auf die Ebene des Individuums an. Weshalb der gezielte Angriff des Habeck-Ministeriums genau diesen europarechtlich in Form gegossenen Errungenschaften gilt. Windkraftanlagen bedeuten in der vorgesehenen Ver-X-fachung des Zubaus die zigtausendfache Störung und Zerstörung der Lebensräume und hunderttausendfaches Töten von Wildtieren, seien es Vögel, Fledermäuse oder Insekten gerade dort, wo noch einigermaßen Naturnähe herrscht. Der ständig nachgeplapperte Vergleich mit anderen angeblich viel schlimmeren Mortalitätsursachen, etwa für Vögel an Glasscheiben oder im Autoverkehr zeigt, wie wenig die Protagonisten verstanden haben vom sehr spezifischen und finalen Konflikt, der hier entstanden ist. Dass der Schutz ganzer Landschaften droht, unter die Windräder zu kommen, zeigt das Beispiel Ebersberg im Speziellen und die Zonierung von großen LSG im Allgemeinen. Die Fakten: Nur 0,04 % der Fläche Deutschlands sind vom Menschen noch nicht beeinflusst, naturnah oder schwach beeinflusst sind nur noch 11,7 &% unseres Landes. Das knappste Gut sind unsere letzten natürlich gebliebenen oder naturnahen Landschaftsteile. Sie liegen in den Wäldern, Waldgebirgen und damit oft in den windstärkeren Bereichen. Dorthin drängt die Windkraftindustrie. Das ist die Konfliktkonvergenz. Eine Studie aus 2019 (Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung e.V.) zeigt darüber hinaus, weshalb die Windlobby so verbissen gegen menschenwürdige Mindestabstände zur Wohnbebauung Stimmung macht. Zitat aus der begleitenden Pressemitteilung: „(…) auf 99 Prozent des Gebäudebestandes in Deutschland trifft zu: Das nächste Haus befindet sich in maximal 1,5 Kilometern Abstand.“  Die ständig wiederholte Zahl, es würden nur 2 % der Fläche Deutschlands für Windkraft benötigt, ist letztlich eine grobe Irreführung. Die entsprechenden wissenschaftlichen Fundstellen liefere ich in meinem Buch und auf meiner Homepage. Ganzheitlicher Naturschutz, der den Menschen im Mittelpunkt behält, ist mit einem weiteren Zubau von Windkraft nicht vereinbar. Im Gegenteil: An vielen Stellen müsste über einen Rückbau nachgedacht werden. Ergebnisoffene Güterabwägung angesichts der durch Windkraft nicht leistbaren Versorgungssicherheit würde diese Folgerung noch stärken. Statt „Entfesselung“ der Windkraft auf Kosten von Mensch und Natur würde eine verantwortungsvolle Politik ein Moratorium herbeiführen müssen. So steil ist der Gegensatz, so endgültig die nun drohende Abschaffung von Natur- und Landschaftsschutz.

Man kann natürlich, im Moment ist das sehr beliebt im Lande, gegen alles sein. Wie sieht ihrer Meinung nach der Energiemix der Zukunft aus, wenn schon auf Atomenergie und Kohleverstromung verzichtet werden soll und auch Wind und Photovoltaik, so kann man bei Ihnen lesen, keine Heilsbringer für die Zukunft sind, wenn ich das so sagen darf?

Epple: Sie streifen in dieser Frage mehrere verschiedene Aspekte, die ich in der damit notgedrungen etwas ausführlicheren Antwort trennen muss: Erstens: Kritik an den Auswüchsen einer ökonomisch wie ökologisch desaströsen Energiewende ist das Gegenteil von „gegen alles sein“. Die Gleichsetzung und Diffamierung etwa mit „Leugnern“ aller Art aber hat Methode. Die Kritik an der Industrialisierung unserer letzten halbwegs intakten Landschaften und Großräume, der Wälder und Waldgebirge und des ehemals offenen, weiten Landes im Norden der Republik ist zutiefst geprägt von „dafür sein“: Menschen setzen sich ein für den Erhalt ihrer Identität stiftenden Landschaft und Heimat. Es ist schon eigenartig: “Klima-Angst“ macht nun Schule und bringt ganz neue Berufszweige und Profiteure hervor. Solastalgie (das Fremdwort für den Schmerz und Gefühle, die entstehen, wenn man Veränderung und Zerstörung der eigenen Heimat miterlebt), wird im Rahmen der „Klimakrise“ nun neu definiert und mit Blick auf die Klima-Jugend-Bewegung groß herausgebracht. Genau dieses Gefühl aber wird transportiert in Zuschriften und Kontakten, die mich bedingt durch meine Arbeit aus ganz Deutschland erreichen, von Ostfriesland, über die Uckermark, das Münsterland, den Schwarzwald, Odenwald, die Alb bis in den äußersten Südosten des Bayerischen Waldes. Es ist infam, engagierte Menschen, die sich gegen die Zerstörung ihrer Heimat durch Windkraft wenden, als NimBys („Never in my Backyard“) abzuqualifizieren. Denn auch hier ist es Solastalgie. Und die Anti-AKW-Bewegung war und ist ja letztlich durch nichts anderes motiviert, als sich gegen eine Bedrohung in seiner Heimat zu wehren. Dasselbe gilt für Widerstand gegen Kohle-Tagebau, um im Energiesektor zu bleiben. Kritik von erfahrenen Wissenschaftlern, notwendigerweise also Menschen der älteren Generation, an Fehlentwicklungen oder Denkfehlern der Energiewende gegen die durch das Klima-Katastrophen-Trommelfeuer verängstigten und durch die Versprechen der Erneuerbaren Energien geblendeten Jugendlichen der Klimabewegung auszuspielen, ist eine weitere Infamie und reißt die Gesellschaft – möglicherweise gezielt – noch weiter auseinander. Wer in Überlebensfragen einen Generationenkonflikt und damit Hass und Abrechnung herbeiredet und bewusst heraufbeschwört, trägt aus meiner Sicht nichts zur Lösung der umfassenden und komplexe Probleme dieser Erde und ihrer Menschheit bei. Zweitens: Es ist bemerkenswert, um Ihrer Frage nach dem Energiemix nicht auszuweichen, dass neuerdings so etwas wie eine Dämmerung einsetzt und das Wort „Blackout“ und „Überlastung der Netze“ von den Größen der Energieversorgung immerhin in den Mund genommen wird. So hat Eon-Chef Leonhard Birnbaum in einem Gastartikel am 18. Dezember 2021 auf der Plattform „Moderner Landwirt“ bemerkenswerte und in sich widersprüchliche Äußerungen von sich gegeben: „Das Netz müsse immer mehr Solardächer und Windräder verkraften“, heißt es da, und sei „an der Belastungsgrenze“. Man muss nicht einmal zwischen den Zeilen lesen, wenn dort formuliert wird: „Allerdings steigt die Gefahr, dass es notwendig wird ganze Teilnetze aufgrund von Strommangel temporär abzuschalten. Das können laut Birnbaum sowohl einzelne Verbraucher, als auch ganze Städte betreffen.“ Birnbaum sieht im gleichen Artikel „keine Alternative zu Gaskraftwerken“… Der Energiehunger wird im Zuge der Energiewende und geplanten Elektrifizierung aller Lebensbereiche noch massiv steigen. Es ist nicht absehbar, an welchen Stellen es zum Kollaps eines Systems kommen wird, das ein Land wie unseres politisch verordnet in eine Treibhausgas-Planwirtschaft führt und es alleine mit volatiler Energiegewinnung sicher versorgen will. Die Windkraft jedenfalls wird auch in Ergänzung mit Photovoltaik keine Versorgungssicherheit leisten können, und dies wie längst wissenschaftlich nachgewiesen, auch nicht im europäischen Maßstab. Wer vor diesem Hintergrund von „dezentraler Energieversorgung“ schwadroniert und für den Ernstfall des Strommangels auf den „europäischen Stromverbund“ zurückgreifen will, begibt sich in unauflösbaren Widerspruch und muss mit Sicherheit immer wieder herkömmliche grundlastfähige Kraftwerksenergie aus den Nachbarländern importieren. Nehmen wir die Stadt München, mit grob gerundeten Zahlen: 800.000 Haushalte. Gehen wir großzügig davon aus, dass es stimmt, dass eine moderne WEA 4000 Haushalte mit Strom versorgen kann. Wir benötigen demnach 200 große WEA. Die Stadt hat eine Gemarkungsfläche von 310 Quadratkilometern. Wo stellen wir diese 200 WEA im Stadtgebiet Münchens zur „dezentralen Versorgung“ auf? Was passiert, wenn der Wind nicht weht? Woher kommt der Strom, wenn auch die Sonne nicht scheint? Weshalb okkupieren die Stadtwerke der Großstädte Windkraftanlagen weit weg vom Ort des Geschehens? Weshalb wird Zubau flexibler (Gas-)Kraftwerke zum sogenannten „Backup“ diskutiert und dort, wo noch Vernunft und Sachverstand herrschen, als dringende Notwendigkeit anerkannt? Im großen wie im kleinen Maßstab: Es ist gezielte Irreführung, dezentrale Energieversorgung zu propagieren. Das gilt für die 21 Windkräder für den Landkreis Ebersberg wie für 200 nötige für München. Das gilt, wenn den Verantwortlichen schon heute klar ist und dies unumwunden regierungsamtlich eingeräumt wird, dass selbst bei theoretisch zu Ende gedachter „Wasserstoff-Strategie“ unsere Importabhängigkeit im Energiebereich zukünftig noch verschärft wird. Sollten unsere Nachbarländer dem deutschen „Energiewende-Vorbild“ folgen, schliddern wir vermutlich nicht nur in eine Krise der Stromnetze, sondern in eine Versorgungskrise, wie sie bisher im europäischen Maßstab kaum vorstellbar war. Drittens: Noch weniger vorstellbar ist der endgültige Verlust an Natur und Landschaft, den die Umsetzung der deutschen Energiewende-Pläne mit der zum Zugpferd ernannten Windkraft mit Zubau-Faktor X für die „nationale Wasserstoffstrategie“ (mindestens verfünffacht, eher verzehnfacht) bedeuten würde. Fazit: Niemand kann seriös den Energiemix der Zukunft sicher darstellen. Ihre Frage kann pauschal nicht beantwortet werden. Es verwundert mich, dass aus den Medien nicht umgekehrt viel kritischer bei denen nachgefragt wird, die behaupten, sie hätten das Energieproblem der Menschheit mit „100-%-Erneuerbaren Energien“ schon gelöst. Selbst wenn es so wäre, fehlt in der derzeitigen Diskurs-Engführung auf Strom und Treibhausgase der Blick aufs Ganze. Der aufgrund geringer Energiedichten notwendige ungeheure Flächenverbrauch sowohl bei Photovoltaik als auch bei Windkraft bei angeblich möglicher 100-%-Versorgung, verbunden mit äußerst geringer Effizienz bei der Umwandlung Power-to-Gas kann mit Blick auf das knappste Gut, und das sind die letzten naturnahen Flächen als Grundlage der Biodiversität, einfach nicht ignoriert werden. Als erklärter Gegner der Atomkraft muss ich daher zur Kenntnis nehmen, dass und warum Länder wie Frankreich und weitere europäische Nachbarn oder China auf völlig neue Reaktortypen setzen, die sogar das Endlagerproblem im Lichte eines lösbaren Problems darstellen. Selbst Illustrierte wie der „Stern“ – bisher auf das Nachplappern der Propaganda des erneuerbaren-ökoindustriellen Komplexes und einseitige Berichte abonniert – kommen nicht umhin, diese Entwicklung aufzugreifen. Ich betrachte es als ein gutes Zeichen, dass am 29. Dezember bei „Stern.de“ ein wohltuend nachdenklicher Artikel zum Thorium-Reaktor zu lesen war. Die extrem klein skalierbaren neuen Reaktortypen werden in Deutschland dogmatisch und kategorisch ausgeblendet. Wer ganz aktuell als Reaktion auf die Vorlage der EU-Kommission zur Taxonomie von Gas und Atom als „nachhaltig“ von „Greenwashing“ und „Nicht-Nachhaltigkeit“ der Atomenergie spricht, gleichzeitig aber in Erkenntnis des drohenden Scheiterns das Verbrennen von Erdgas als „Brückentechnologie“ gutheißt, macht sich völlig unglaubwürdig. Man sollte sich vor Augen führen, dass nicht nur Uran-Abbau abseits Europas, sondern auch der unter häufig menschrechtsverletzenden Bedingungen stattfindende Bergbau für seltene Erden, der Lithium-Abbau, der Rohstoff-Verbrauch für Windräder einschließlich der Plünderung von Balsa-Holz in den Tropen für die Rotorblätter, und natürlich die konkrete enorm flächenfressende Windkraft-Invasion in wertvollste Natur weltweit sowie das nicht gelöste Abfall-Problem von PV und Windkraftindustrie ebenfalls nicht nachhaltig ist, und die Verbrämung dieser Industrialisierung als Weltrettung nichts anderes als systematisches Greenwashing bedeutet. Unter dem Gesichtspunkt der Güterabwägung, die ich mit Hinweis auf die päpstliche Enzyklika herangezogen habe, darf es aus meiner Sicht kein Kritik- oder Denkverbot geben, weil in Deutschland offensichtlich die Windkraftindustrie einen Teil der politischen Macht übernommen hat. Der Gipfel der Unglaubwürdigkeit ist erreicht, wenn gegen Kernenergie die staatlichen Mittel ins Feld geführt werden, wenn gleichzeitig jährlich zig Milliarden Euro alleine in Deutschland in die Taschen der subventionsgemästeten Windkraftbetreiber gepumpt werden, um selbst an unrentablen windschwachen Standorten Windkraft zu ermöglichen. Die Frage der Zukunft unseres Ebersberger Waldes ist deshalb wie der Blick in ein Brennglas und eine Glaskugel zugleich: Visionen, Nachdenken, Dazulernen, Abwägen für bestmögliche Entwicklung - darunter verstehe ich als Naturschützer einen Weg in die Zukunft, der Generationengerechtigkeit mit der Rettung der letzten Naturreste ernst nimmt, und gerade deshalb mit Blick auf eine gerechte Verteilung aller Güter dieser Erde den Wohlstand des Menschen weltweit im Blick behält. Gerechte Teilung der Erde auch mit dem außermenschlichen Leben bedeutet dann den Verzicht auf das technisch Machbare zu Gunsten des ethisch Verantwortbaren. Es ist und bleibt unverantwortlich, im Zeichen der ökologischen Krise die letzten wertvollen Teile der Landschaft zu industrialisieren - ganz konkret: einen Wald zu entwerten für eine angebliche Klimaschutz-Technologie, die den eigenen Ansprüchen angesichts verheerender Kollateralschäden erkennbar nicht gerecht wird. Der dringliche Schutz der Wälder der Erde gilt nicht nur irgendwo in Brasilien, Südostasien, in kanadischen und russischen Wäldern oder in den Karpaten. Das Tabu einer weiteren Entwertung sollte auch für ein glücklich in die Gegenwart gerettetes Waldgebiet wie den Ebersberger Forst gelten.

Das Interview führte Jörg Domke.

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