Wiese neben Eiche: An dieser Stelle am Heilig-Kreuz-Geräumt könnte Windrad Nummer zwei, von Süden aus gezählt, gebaut werden. 
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Wiese neben Eiche: An dieser Stelle am Heilig-Kreuz-Geräumt könnte Windrad Nummer zwei, von Süden aus gezählt, gebaut werden. 

Besuch beim Revierförster

Windkraft im Ebersberger Forst: Das ist der Wald, der weichen soll

  • Josef Ametsbichler
    vonJosef Ametsbichler
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Ein Forst – fünf Windräder: Vor dem Bürgerentscheid am 16. Mai ist das Revier von Förster Wolfgang Richter der vielleicht umkämpfteste Flecken Erde in Bayern. Wir haben uns am Heilig-Kreuz-Geräumt umgesehen und stellen den Ort vor, an dem die fünf Rotoren entstehen sollen.

Landkreis – Der Herr über Leben und Tod bückt sich und greift nach dem welken Blatt einer Roteiche. Er zwirbelt es zwischen den Fingern und sagt: „Es kann nur einer bleiben.“ Auf die Roteiche links neben sich hat der Revierförster einen weißen Strich gesprüht. Sie darf leben. Die Roteiche rechts von ihm trägt ein rotes Mal. Sie muss sterben. Damit der „Zukunftsbaum“ in Weiß Platz zum Wachsen hat. Richter hat den geraderen Stamm, die vitalere Krone ausgesucht. In einigen Jahrzehnten wird wohl einer seiner Nachfolger die Fällung des Baumes anordnen, dann wird das Holz verkauft, so wirtschaften die Bayerischen Staatsforsten. Richter wird nicht ernten, was er sät, dazu ist ein Arbeitsleben zu kurz. „Wir denken nicht in einer Förstergeneration“, sagt er. „Wir denken viel, viel weiter“.

In seinem Revier sind die Rotoren geplant: Förster Wolfgang Richter zwischen zwei Roteichen, eine zum Erhalt markiert (links), die andere zur Fällung.

Andererseits: Es könnte sein, dass der „Zukunftsbaum“ mit dem weißen Strich ebenfalls keine große Zukunft hat. Dort, wo sich Revierförster Wolfgang Richter (37) ums Wachsen und Vergehen kümmert, am Heilig-Kreuz-Geräumt im Ebersberger Forst, sollen die fünf Windkraftanlagen entstehen, derentwegen im Landkreis die Nerven blank liegen. Und über deren Bau nicht Wolfgang Richter mit seinen Sprühdosen entscheidet, sondern die Menschen im Landkreis Ebersberg. Sie sind noch bis zum 16. Mai zur Abstimmung aufgerufen.

Eine Windkraftanlage beansprucht 50 mal 60 Meter dauerhaft - und etwas mehr für die Bauphase

Förster Richter hat zwischen Buchen, Fichten, Roteichen und Douglasien ein rot-weiß-rotes Flatterband gespannt. An einer Ecke von Heiligkreuz-Geräumt und Jodel-Geräumt markiert es eine Fläche von 50 mal 60 Metern. So viel Freifläche braucht eine Windkraftanlage dauerhaft. Dazu kommen rund 30 Meter Kantenlänge zusätzlich, die nach den Bauarbeiten wieder bepflanzt werden können – der Förster denkt an ein Feuchtbiotop, Sträucher, wertige Waldrandbepflanzung eben.

Blick ins Unterholz: Vom Aufnahmepunkt bis zu den drei Personen hinterm Flatterband sind es 60 Meter - eine Waldfläche von 50x60 Metern pro Windrad würde dauerhaft gerodet werden.

Welcher der vier Quadranten an der Geräumte-Kreuzung tatsächlich bebaut würde, ist noch nicht entschieden. Die Fläche ist als Beispiel gedacht. Medienvertreter und Interessengruppen, die momentan die mögliche Windkraft-Baustelle sehen wollen, geben sich momentan die nicht vorhandene Klinke in die Hand.

Die Förster warten auf das Ergebnis des Bürgerentscheids

Egal, wie der Bürgerentscheid ausgeht, die Förster werden sich mit dem Ergebnis arrangieren. „Ich finde es gut, dass unser Forst so viel Beachtung findet“, sagt Richter über die Debatte zwischen Rotoren-Gegnern und -Befürwortern. Mit politischen Aussagen zum Für und Wider hält er sich zurück.

Lieber erklärt er, dass das mit dem Leben und Sterben neben dem Zutun der Förster auch von selbst funktioniert. Auf der einen Seite des Flatterbandes steht eine mächtige, noch winterkahle Zitterpappel – ein Albino unter den Baumriesen, gut 40 Jahre alt. Rund die Hälfte ihres Lebens habe sie damit hinter sich. Für einen Blick in die Zukunft stapft der Förster über Laub und Äste ein paar Meter weiter und bleibt an einer morschen Weide stehen. Längst abgestorben, gäbe ein kräftiger Schubser dem Stamm den Rest. Richter fährt mit dem Finger über das Holz, findet eine Vogel-Höhle, zeigt auf Pilze und Insektenlöcher, die den toten Baum als Mini-Biotop ausweisen. „Egal, ob er steht oder liegt“, sagt Wolfgang Richter. „Hauptsache, dass er da ist.“

Windradbau: Kein Todesstoß, aber ein nie dagewesener Eingriff

Eins ist den Forstleuten wichtig: Es wäre nicht der Todesstoß für Richters Revier, wenn 1,5 Hektar von gut 2000 Hektar Gesamtfläche dauerhaft für die Windräder draufgehen würden. Zumal dieselbe Fläche am Rand des Waldgebiets aufgeforstet werden müsste. Es wäre halt ein Eingriff, wie es ihn bisher noch nicht gegeben hat. Das Heilig-Kreuz-Geräumt böte sich als Baustellenzufahrt an. „Die Straße ist absolut schwerlasttauglich“, sagt Richter. „Da muss man nur ein paar Äste wegschneiden.“

Entlang dem Heilig-Kreuz-Geräumt sollen die Rotoren entstehen.

Der 37-Jährige setzt sich ins Auto und fährt genau 1500 bayerische Fuß nordwärts zur nächsten möglichen Baustelle – das sind umgerechnet 420 Meter, die Kantenlänge der Quadrate, in die der Ebersberger Forst schon seit dem 18. Jahrhundert durch die schnurgeraden Geräumte unterteilt ist. Richters Allrad-Auto mit dem Regensburger Kennzeichen der Bayerischen Staatsforsten wirbelt meterhoch Staub über die ausgetrocknete Waldpiste – ein bisserl Klimawandel-Melodramatik, dem regenarmen Aprilwetter geschuldet.

Alte Eichen, junge Schwarznuss-Bäume: Jeder mögliche Standort ist anders

Am möglichen Standort des zweiten Windrades liegt hinter der Eichenallee, die eine Seite des Heilig-Kreuz-Geräumtes säumt, ein Stück Wiese, wo sich gerne Wildschweine tummeln.

Am möglichen Standort des dritten Windrades hat Förster Richter auf einer Fläche, die wegen des Borkenkäfers gerodet werden musste, Schwarznuss-Setzlinge angepflanzt.

Am möglichen Standort des vierten Windrades wachsen unter alten Fichten junge Fichten heran. Richter wird dort bald das rote Spray zücken, um Platz für die Jugend zu schaffen. „Wir machen Licht“, sagt er. Und Bauholz.

Ein Totholz-Stamm bietet Lebensraum für alle möglichen Vögel und Insektenarten. Die Forstleute lassen die Stämme daher bewusst im Wald stehen und liegen.

Am möglichen Standort des fünften Windrades ist der laufende Waldumbau für Laien besonders gut erkennbar: Unter klimawandelempfindlichen Fichten wachsen junge Buchen daher. Ihnen steht eine „grüne Explosion“ bevor – das Austreiben der Blätter, das dem Wald binnen Wochen ein neues Kleid anzieht.

An keinem der fünf Standorte müssten Gelbbauchunke oder Bechsteinfledermaus um ihren letzten Rückzugsort fürchten – aber die Stellen sind Puzzleteile eines größeren Ökosystems. Flecken, wie es sie im Forst Tausende gibt, jeder anders. Und jeder einzigartig.

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