"Wir brauchen das ganze Dorf"

Kirchseeon - Während der Helferkreis Asyl einen dramatischen Appell an den Gemeinderat richtet, spricht sich Bürgermeister Udo Ockel gegen einen Integrationsbeauftragten aus.

Mit dem dringlichen Ruf nach Unterstützung hat der Helferkreis für Asylbewerber auf die Belegung der Kirchseeoner Gymnasiumsturnhalle durch das Landratsamt reagiert. Gleichzeitig erteilte Bürgermeister Udo Ockel (CSU) der Stelle eines Integrationsbeauftragten eine klare Absage.

Eigentlich sollte es am Montagabend auf Antrag von Natalie Katholing (Grüne) aus der vorangegangenen Gemeinderatssitzung nur Informationen „über die derzeitige Situation des Helferkreises für Asylbewerber“ geben. Die Ankündigung der Kreisbehörde während des Tages, in der Turnhalle des Gymnasiums bis zu hundert Asylbewerber unterzubringen, hatte aber die geplante Dramaturgie der abendlichen Sitzung durcheinandergebracht

Rathauschef Ockel: „Spätestens nächste Woche wird die Turnhalle belegt.“ Die Schulleitung sei „alles andere als begeistert“, zumal es vom Landratsamt keine Zusage gebe, „dass die Halle nach den Sommerferien wieder geräumt wird.“ Die Schulleitung habe deshalb beim Kultusministerium interveniert. Ob dies aber was nutze, sei fraglich, so Ockel.

Schon jetzt gebe es in der Gemeinde insgesamt 55 Asylbewerber sowie sieben bereits anerkannte Flüchtlinge, informierte Rainer Schott. Laut dem Abteilungsleiter für Soziales im Rathaus sind 23 junge Menschen als sogenannte unbegleitete Jugendliche im Internatsbereich des Berufsförderungswerks „St. Zeno“ untergebracht.

Über rund 50 E-Mail-Adressen verfüge der Helferkreis für Asylbewerber. Deren Leiterin Sonja Naumann richtete in die Runde des Ratsgremiums, die sie als optionale Mulitplikatoren bezeichnete, dramatische Appelle. „Wir werden überrollt, deshalb arbeiten wir auch noch ohne Strukturen. Es wird eine Herausforderung über viele Jahre. Denn es gilt die Flüchtlinge zu integrieren.“ Das aber sei viel mehr als jetzt nur Wohnraum zu beschaffen. Nach der Sprache komme die Beschäftigung. Denn es sei für die Flüchtlinge sehr schwer, wenn man den ganzen Tag nichts zu tun habe. „Wir brauchen noch mehr Ehrenamtliche mit den unterschiedlichsten Begabungen. Ich will nicht jammern, aber eigentlich ist das alles gar nicht mehr leistbar. Wir haben jetzt hier diese Aufgabe, die Verantwortung der europäischen Politik dafür ist ein anderes Thema.“

„Wahrscheinlich müsste in der Kommune jemand angestellt werden, der das alles unterstützt“, formulierte Natalie Katholing den Wunsch nach einem gemeindlichen Integrationsbeauftragten, wie er kürzlich auch in der Verwaltungsgemeinschaft Aßling vorgebracht worden war. „Darüber sollten wir auf jeden Fall nochmals reden“, so Katholing. Doch Bürgermeister Ockel bremste sofort ein: „Wir haben viele Bereiche in der Kommune wie etwa die Pfadfinder, wo man Ehrenamtliche auch nicht mit öffentlich gestelltem Personal unterstützt.,“ Dafür erntete der Rathauschef aus den vollbesetzten Zuhörerreihen laute Pfui-Rufe. Erst wenn die Asylbewerber als Flüchtlinge anerkannt seien, „sind sie unsere Kunden“, erläuterte Ockel seine Sicht. „Wenn ein solcher Antrag vom Helferkreis kommt, werden wir hier darüber abstimmen.“ Doch sei der Arbeitsmarkt diesbezüglich leergefegt.

Kein Ruhmesblatt handelte sich das Ratsgremium in einem anderen Punkt ein. Mehrheitlich lehnte es nämlich ein kurzes Rederecht eines Zuhörers für zwei Fragen ab. Die Atmosphäre im Sitzungsrund war inzwischen angespannt. Naumanns letzter Appell lautete: „Wir brauchen einfach offene Herzen, wir brauchen das ganze Dorf.“

Eberhard Rienth

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Vor 50 Jahren in Markt Schwaben: 1270 Wohnungen für 4000 Neubürger
50 Jahre Hochhaussiedlungen in Markt Schwaben: 1270 Wohnungen boten und bieten Platz für damals 4000 Markt Schwabener.
Vor 50 Jahren in Markt Schwaben: 1270 Wohnungen für 4000 Neubürger
Urlauberinnen wollen Tee auf Almhütte kochen: Waldbrand droht - Feuerwehr steht vor irrwitzigem Problem
Salzburg/Abtenau: Ganze Holzhütte in Schutt und Asche - Urlauberinnen wohl unverletzt
Urlauberinnen wollen Tee auf Almhütte kochen: Waldbrand droht - Feuerwehr steht vor irrwitzigem Problem
Anas Barakat - angekommen in Ebersberg
2015 kamen hunderttausende Menschen aus Syrien nach Deutschland. Anas Barakat war einer von ihnen. Er ist mittlerweile in Ebersberg angekommen. Eine Muster-Integration.
Anas Barakat - angekommen in Ebersberg
Star-DJ kämpft gegen die Krise - und zieht bitteres Corona-Fazit: „Ganze Lebenswerke kaputt“
Mark Dekoda alias Marko Meingast weiß die festivalfreie Zeit während der Corona-Pandemie gut zu nutzen. Der weltweit gern gebuchte Techno-DJ arbeitet hart - auch in der …
Star-DJ kämpft gegen die Krise - und zieht bitteres Corona-Fazit: „Ganze Lebenswerke kaputt“

Kommentare