1. Startseite
  2. Lokales
  3. Ebersberg
  4. Zorneding

„Offensichtlich die einzigen Mittel“ - Pfarrerin für Waffenlieferungen an die Ukraine

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Robert Langer

Kommentare

Pfarrerin Birgit Reichenbacher
„Waffen sind faktisch in einer so brutalen Welt offensichtlich die einzigen Mittel, dem Unrecht Widerstand zu leisten.“ Pfarrerin Birgit Reichenbacher © Andrea Jaksch

Die evangelische Pfarrerin von Zorneding (Kreis Ebersberg) spricht sich für Waffenlieferungen an die Ukraine aus. Sie sieht den Widerstand gegen das Putin-Regime als christliche Pflicht in Verbindung mit einer historischen Schuldfrage.

Zorneding - Es ist provozierend, was die Zornedinger evangelische Pfarrerin Birgit Reichenbacher da sagt. Zum Krieg in der Ukraine, über Waffen und über christliche Schuld. „Auch wenn ich sicherlich kritische Rückmeldungen bekommen werde“, sagt sie. „Trotzdem finde ich es wichtig, dass wir als Kirche nicht ausweichen und uns nicht beschränken auf das, auf was Kirche oft reduziert wird: Beten.“

Kirche nicht aufs Beten reduzieren

Die Pfarrerin verweist auf Dietrich Bonhoeffer, von den Nazis ermordeter evangelischer Theologe. Sein Appell könne übersetzt lauten, dass christlicher Glaube untrennbar verbunden sei mit der Notwendigkeit, sich ganz und gar auf die Seite der Bedrohten und Gequälten zu stellen. Für diese Menschen das Wort zu ergreifen, impliziere laut Bonhoeffer, dass auch das eigene Gewissen „beflecket“ werden könne.

Verweis auf Dietrich Bonhoeffer

Die Waffenlieferungen an die Ukraine, an Menschen, die sich gegen die brutale Übermacht zur Wehr setzen, sei so ein Punkt, sagt Reichenbacher. „Waffen dürfen kein Mittel der Politik sein, aber Waffen sind faktisch in einer so brutalen Welt offensichtlich die einzigen Mittel, dem Unrecht Widerstand zu leisten.“ Auch Dietrich Bonhoeffer und die Männer des 20. Juli 1944 hätten sich beim geplanten Attentat auf Hitler klar in der Abwägung von Schuld werden müssen – bei dem einen wie bei dem anderen Handeln. „Schuldlos bleibt in solchen Zeiten niemand“, so Reichenbacher.

„Schuldlos bleibt in solchen Zeiten niemand“

Die Pfarrerin erinnert an das Bekenntnis der Kirchen zu ihrer Schuld im Dritten Reich in der Stuttgarter Erklärung vom Oktober 1945. Von einer „neuen Weltordnung“ sei seit dem russischen Überfall auf die Ukraine die Rede, sagt Reichenbacher. Nicht neu sei hingegen die Radikalität des christlichen Glaubens, die einschließt, „dass wir uns als Christen schuldig machen können“. Am Ende eines jeden Krieges werde die Schuldfrage stehen. Die Pfarrerin mahnt dahingehend: „Ob wir als Kirchen darauf diesmal anders antworten können als im Herbst 1945, das entscheiden wir jetzt.“  

Noch mehr aktuelle Nachrichten aus dem Landkreis Ebersberg finden Sie hier. Übrigens: Alles aus der Region gibt‘s auch in unserem regelmäßigen Ebersberg-Newsletter.

Der Text des Briefes im Wortlaut

Krieg in der Ukraine – christliche Solidarität kennt keine Grenzen!

Von Pfarrerin Birgit Reichenbacher, Zorneding 

„Nur wer für die Juden schreit, darf gregorianisch singen“. Mit diesen Worten hat der Theologe und Widerstandkämpfer Dietrich Bonhoeffer auf die Angriffe der Nationalsozialisten am 9. November 1938 auf jüdische Synagogen reagiert. Mit diesem Statement übte Bonhoeffer heftige Kritik an den großen Kirchen, die in Sorge um ihr eigenes Bestehen - von wenigen Ausnahmen abgesehen - viel zu tatenlos zusahen, wie Menschen durch das Hitler-Regime systematisch entrechtet und getötet wurden. 

Sieben Jahre später – im Oktober 1945 haben sich die Kirchen diesem Vorwurf gestellt und in Stuttgart ein beeindruckendes Bekenntnis abgelegt. Die Schuld der Kirchen, so betonen die Vertreter des Ökumenischen Rates, besteht darin „… dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.“ (Stuttgarter Schulderklärung) 

Die Frage, ob wir uns durch zu wenig Tun in unserem Christsein schuldig gemacht haben, steht immer wieder im Raum.

Der Krieg in der Ukraine ist kein Krieg, der auf die Vernichtung des jüdischen Volkes abzielt. Und er ist auch kein Krieg, der von den Deutschen ausgeht. Trotzdem werden wir an die Geschichte erinnert, die uns als Deutsche prägt und besonders sensibilisiert: Wie zur Zeit des Nationalsozialismus geht die Aggression von einem Einzigen und seiner Gefolgschaft aus, der sich niemand in den Weg zu stellen wagt. Wie damals so versucht das Regime um den jetzigen Aggressor Wladimir Putin mit Hilfe einer umfassenden Propaganda einen Krieg zu rechtfertigten, der durch nichts zu rechtfertigen ist. Vereinbarungen und Zusagen werden für obsolet erklärt, Menschenrechte mit Füßen getreten. Wie vor 80 Jahren suchen Menschen Halt in den Kirchen und immer noch schauen viele Menschen auf die Haltung, die die Kirchen einnehmen. 

Es sind gute Zeichen, die in diesen Tagen in der ganzen Welt zu sehen sind. Menschen gehen sichtbar auf die Straßen und erheben lautstark ihre Stimme für die, die mundtot gemacht werden sollen. Für so viele Menschen in der Ukraine ist diese Solidarität ein Trost in finsterer Zeit. Wir werden nicht übersehen, nicht überhört!

Auch bei uns vor Ort gibt es Zeichen, die gesehen und geteilt werden. Kirchliche Organisationen bereiten Hilfslieferungen vor, die Spendenbereitschaft ist groß. Auch die Einladungen zum Gottesdienst und zu Friedensgebeten werden angenommen. So wie am letzten Sonntag, als sich rund 100 Menschen zum ökumenischen Friedensgebet im Pfarrhof von Sankt Martin in Zorneding versammelt haben. In den kommenden Wochen werden wir unsere Solidarität für die Menschen in der Ukraine und in anderen Kriegsgebieten weiter ausdrücken. Wir werden das tröstende Lied „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ singen, dessen Worte Dietrich Bonhoeffer angesichts seines bevorstehenden gewaltsamen Todes verfasst hat, und im Gottesdienst immer wieder auch das Glaubensbekenntnis sprechen, das aus seiner Feder stammt. Denn bei allem himmelschreienden Unrecht, geht es immer auch darum, selbst nicht die Orientierung zu verlieren und bei aller Verzweiflung zu versuchen, recht bei Trost zu bleiben.

Was wir uns im Blick auf Dietrich Bonhoeffer aber auch in Erinnerung rufen dürfen, das ist die Dringlichkeit seines Appells. Christlicher Glaube – so könnte man den Satz von Dietrich Bonhoeffer übersetzen – ist untrennbar verbunden mit der Notwendigkeit, sich ganz und gar auf die Seite der Bedrohten und Gequälten zu stellen. Für diese Menschen das Wort zu ergreifen, impliziert laut Bonhoeffer, dass auch das eigene Gewissen „beflecket“ werden kann. 

Die nun auch - nach langem inneren Ringen - von der deutschen Regierung aus gelieferten Waffen, die den Menschen in der Ukraine helfen sollen, sich gegen die brutale Übermacht zur Wehr zu setzen, ist eine solcher Punkt, der das Gewissen von Christen berührt und nicht nur Bischöfe und Bischöfinnen herausfordert, Stellung zu beziehen. Waffen dürfen kein Mittel der Politik sein, aber Waffen sind faktisch in einer so brutalen Welt offensichtlich die einzigen Mittel, dem Unrecht Widerstand zu leisten. Auch Dietrich Bonhoeffer und die Männer des 20. Juli 1944 mussten sich beim geplanten Attentat auf Hitler klar in der Abwägung von Schuld werden - bei dem einen wie bei dem anderen Handeln. Schuldlos bleibt in solchen Zeiten niemand!

Von einer „neuen Weltordnung“ ist seit dem russischen Überfall auf die Ukraine die Rede. Nicht neu ist hingegen die Radikalität des christlichen Glaubens, die einschließt, dass wir uns als Christen schuldig machen können. Am Ende eines jeden Krieges wird die Schuldfrage stehen. Ob wir als Kirchen darauf diesmal anders antworten können als im Herbst 1945, das entscheiden wir jetzt. 

Auch interessant

Kommentare