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„Nach der Vorabendmesse bist du fällig.“ Pfarrer Olivier Ndjimbi-Tshiende hat rassistische Drohbriefe erhalten. Das Foto zeigt ihn bei seiner letzten Messe am Sonntag.

Einheimische fürchten, in die Nazi-Ecke gestellt zu werden

Nach Pfarrer-Rücktritt: Zornedinger sprechen von "Hass-Bürgern"

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Zorneding - Der Fall des Zornedinger Pfarrers, der nach rassistischen Anfeindungen zurückgetreten ist, sorgt bundesweit für Aufsehen. Die Einheimischen fürchten nun um ihren Ruf.

Das Dorf, das gerade um seinen Ruf fürchtet, das Dorf, das am Sonntag seinen katholischen Pfarrer verloren hat, weil der es hier nicht mehr aushält, sieht auf den ersten Blick aus wie aus dem weiß-blauen Bilderbuch. Im Ortskern von Zorneding im Landkreis Ebersberg thront eine Kini-Statue. Daneben das Kriegerdenkmal, das Wirtshaus Neuwirt und ein Maibaum. Vieles, was Bayern im Innersten zusammenhält, ist hier auf wenigen Quadratmetern vereint. Zur katholischen Pfarrkirche sind es zehn Schritte. Im Inneren brennen Kerzen, 50 Cent das Stück. Ein Buch liegt aus, in dem die Zornedinger dem lieben Gott oder dem Herrn Pfarrer schreiben können. Das Buch ist eng beschrieben. „Heilige Maria beschütze uns auch im kommenden Jahr“, heißt es darin. Oder: „Vielen Dank Herr Pfarrer Dr. Olivier Ndjimbi-Tshiende für die mitreissende Predigt.“

Es ist allerdings so, dass Pfarrer Ndjimbi-Tshiende, Jahrgang 1949 und geboren in Kongo, nie mehr hier predigen wird. Der Pfarrer hat Morddrohungen bekommen – mündlich und schriftlich. „Ab mit dir nach Auschwitz“, hieß es in einem Brief. In einem anderen: „Nach der Vorabendmesse bist du fällig.“

Am Sonntag hat Ndjimbi-Tshiende seinen Abschied verkündet, am Ende des Gottesdienstes. Die Kirchgänger waren geschockt. Inzwischen ermittelt die Kriminalpolizei, der Pfarrer hat ihr die Hetz-Postkarten und -Briefe übergeben. In dem gut 9000 Einwohner großen Ort ist seitdem nichts mehr wie vorher.

Die rassistischen Ausfälle gegen den Pfarrer von Zorneding sind Dorfgespräch

Die rassistischen Ausfälle gegen den dunkelhäutigen Pfarrer sind Dorfgespräch. Kamerateams fahren die Straßen auf und ab. Eine Einheimische sagt: „Ich dachte, wir sind so ein schöner Ort. Ich wusste nicht, welche Abgründe sich dahinter verbergen.“ Eine andere sagt: „Ich hoffe bei Gott, dass es kein Zornedinger war, der die Briefe geschrieben hat.“

„Zorneding wird in eine Ecke gestellt, in die es nicht gehört.“ Piet Mayr, CSU-Bürgermeister von Zorneding.

Bürgermeister Piet Mayr, CSU, sitzt im Rathaus. Sein Telefon steht an diesem Montagmorgen nicht still. Das kleine, oberbayerische Zorneding ist in diesen Tagen zu einer deutschen Berühmtheit geworden. Zu einer Negativberühmtheit. Auf einer Wellenlänge mit Dörfern in Ostdeutschland oder Franken, in denen es zuletzt Brandanschläge auf Asylbewerberheime gab. Und Flüchtlinge von einem Mob malträtiert wurden. „Für mich sind das Psychopathen und Verrückte“, sagt der Bürgermeister über die Menschen, die den Zornedinger Pfarrer bedroht haben. „Das sind Hassbürger. Ich verabscheue die Taten zutiefst. Es tut mir unendlich leid, dass der Pfarrer diese Konsequenzen gezogen hat.“ Mayr sagt aber auch: „Zorneding wird in eine Ecke gestellt, in die es nicht gehört.“ In die fremdenfeindliche Ecke. Der Bürgermeister sorgt sich, dass Zorneding schon bald in einem Atemzug mit Vorra und Clausnitz genannt wird. „Dabei“, sagt er, „haben wir den größten Asylhelferkreis im ganzen Landkreis.“ Die Einheimischen, sagt er, sind aufgeschlossen und tolerant. Erst vor kurzem hätten Flüchtlinge im Ort Kleidung und sogar schicke Radl bekommen, alles Spenden von Zornedingern.

Man glaubt dem CSU-Bürgermeister seine tief empfundene Sorge um Pfarrer Ndjimbi-Tshiende. Aber zur ganzen Wahrheit gehört auch: Mit der CSU fing der Ärger in Zorneding erst an. Los ging’s im vorigen Herbst. Die CSU-Vorsitzende Sylvia Boher zieht damals im Parteiblatt „ZornedingReport“ gegen Flüchtlinge zu Felde. Bayern werde „überrannt“ und erlebe eine „Invasion“. Es kommt zu Parteiaustritten, empörten Rücktrittsforderungen – aber viele CSUler beharren auch darauf, ihre Chefin vertrete eine Einzelmeinung. Der CSU-Ortsverband verzichtet auf einen Rauswurf. Das hält die hitzige Stimmung am Brodeln.

Mit dem Zitat "unserem Neger" ist der Skandal perfekt

Dann fordert der Pfarrgemeinderat in einem offenen Brief, die CSU solle künftig darauf verzichten, die Kirchtürme der Gemeinde auf der Titelseite des „ZornedingReports“ abzudrucken. Die Katholiken wollen nicht mit den Christsozialen in Verbindung gebracht werden. Ndjimbi-Tshiende stellt sich hinter den Pfarrgemeinderat und verurteilt Bohers Äußerungen. Dann die Wendung, die aus einer Provinzposse plötzlich bundesweite Schlagzeilen macht. Der stellvertretende CSU-Ortschef und Gemeinderat Johann Haindl kommentiert die Haltung des Pfarrers im Gespräch mit derEbersberger Zeitung folgendermaßen: „Der muss aufpassen, dass ihm der Brem (der Altpfarrer Zornedings, Anm. d. Redaktion) nicht mit dem nackerten Arsch ins Gesicht springt, unserem Neger.“

Der Skandal ist perfekt, jetzt wird auch die CSU außerhalb des Landkreises hellhörig. Ilse Aigner, Chefin der CSU Oberbayern und Wirtschaftsministerin, kündigt Ordnungsmaßnahmen an – „von der Rüge bis zur Amtsenthebung“. Haindl tritt von allen Ämtern zurück, Boher gibt den CSU-Vorsitz in Zorneding ab – bleibt aber im Gemeinderat und wird weiter als Mitglied des Bezirksvorstands der oberbayerischen CSU geführt. Ruhe kehrt so nicht ein in Zorneding. Im Gegenteil: Die Lage eskaliert, bis zum Rücktritt am Sonntag.

Hat die CSU genug getan, um den Pfarrer zu unterstützen? „Natürlich macht man sich diese Gedanken“, sagt Andreas Lenz aus Frauenneuharting, CSU-Bundestagsabgeordneter und Vize-Kreisvorsitzender. Klar sei: „Fremdenfeindlichkeit und Drohungen sowie eine Infragestellung des Pfarrers sind (...) nicht tolerierbar.“ CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer lehnt eine Stellungnahme erst ab, später kritisiert er die Drohungen, und sogar Ministerpräsident Horst Seehofer meldet sich zu Wort: „Ich verurteile das total.“ Ilse Aigner und der örtliche CSU-Chef Thomas Huber teilen mit: „Wir bedauern den Rücktritt (...) zutiefst und verurteilen die Umstände, die dazu geführt haben, auf das Schärfste.“ Und dann folgt noch ein Satz: „Wir verwahren uns aber auch gegen Unterstellungen, dass die CSU mit den Drohungen (...) in irgendeiner Verbindung steht.“ Einen solchen Zusammenhang herzustellen, sei „böswillig“. Doch viele in Zorneding sind der Meinung, dass die CSU mit ihrem Zögern zumindest den Boden bereitet hat für die Attacken. „Es wurde leider von Verantwortlichen aus dem politischen und gesellschaftlichen Leben zu lange geschwiegen“, kritisiert der Ebersberger SPD-Bundestagabgeordnete Ewald Schurer in einer gemeinsamen Mitteilung mit Parteikollegen. „Es darf und kann nicht sein, dass in unserem Rechtsstaat ein Mensch auf solch kriminelle Weise mundtot gemacht wird, nur weil er es wagte, seine Stimme gegen Fremdenhass und Hetze zu erheben.“ Auch die Grünen sehen eine Mitschuld bei der CSU.

Der Pfarrer hat sich seit dem Sonntagsgottesdienst nicht zu Wort gemeldet

Der Pfarrer hat sich seit dem Sonntagsgottesdienst nicht zu Wort gemeldet. Er hat um seine Beurlaubung gebeten, eine Vertretung wird die Gottesdienste halten. Das Erzbischöfliche Ordinariat richtet aus: „Er fühle sich nunmehr erleichtert.“ Die Situation sei für ihn sehr belastend gewesen. „Gleichwohl blicke er ohne Verbitterung auf seine Zeit in Zorneding zurück.“ Kardinal Reinhard Marx sagt bislang nichts zum Thema – genau das fordert aber Heiner Koch, Erzbischof im fernen Berlin, der die Morddrohungen eine „Katastrophe“ nennt.

„Man hatte sofort das Gefühl, dass er ein guter Mensch ist.“ Hanns Stierhof, ehemaliger SPD-Gemeinderat.

Pfarrer Ndjimbi-Tshiende war vier Jahre in der Gemeinde; er mag das Münchner Umland. „Man findet selten Leute, die die anderen von oben herab betrachten“, hat er unserer Zeitung einmal gesagt. 1986 war er aus dem Kongo nach München gekommen, mitten im Winter. „Das ganze Land wie ein Kühlschrank“, so kommt ihm damals seine neue Heimat vor. Trotzdem bleibt er. Es folgt eine kurze Station in Buch am Erlbach, nicht weit von Moosburg entfernt. Dann kümmert er sich vier Jahre lang um die Pfarrgemeinde St. Georg in München-Milbertshofen. Als es dort immer wieder Probleme gibt mit Jugendlichen, die die Kirche beschmieren, Fensterscheiben einschlagen, ihre Initialen in die Kirchentür kratzen und sogar ins Weihwasserbecken urinieren, erstattet Ndjimbi-Tshiende lange keine Anzeige – obwohl er die Namen der Übeltäter kennt. Erst als alles gute Zureden nicht hilft, schaltet er die Polizei ein. Als er 2012 nach Zorneding zieht, sagt er: „Hier kann man aufatmen.“

Viele Menschen im Dorf trauern dem aufgeschlossenen Pfarrer jetzt schon nach. Hanns Stierhof, 73, ist ein alteingesessener Zornedinger. Er saß für die SPD im Gemeindetag und Kreistag. „Der Pfarrer“, sagt er, „war jemand, bei dem man sofort das Gefühl hat, dass er ein guter Mensch ist.“ Natürlich, erzählt er weiter, „ist es gewöhnungsbedürftig, wenn man in einer bayerischen katholischen Kirche einen schwarzen Pfarrer sieht – aber nur beim ersten Mal.“

Am Mittwoch ist eine Lichterkette geplant

„Es macht mich sprachlos, was passiert ist.“ Manfred Groß, evangelischer Pfarrer von Zorneding. 

Manfred Groß, 62, ist evangelischer Pfarrer in Zorneding, er hat früh von den Drohungen gegen den katholischen Kollegen gehört. Ndjimbi-Tshiende erzählte ihm selbst davon. „Es macht mich sprachlos, was passiert ist“, sagt Pfarrer Groß. „Jetzt muss in der Gemeinde was passieren.“ Vielleicht rücken die Bürger zusammen, vielleicht gibt es ein deutliches Zeichen gegen Fremdenfeindlichkeit. „Aber für Olivier“, sagt Groß, „ist es leider zu spät.“

Für Mittwochabend ist in Zorneding eine Lichterkette geplant. Es gibt sogar eine Petition, sie heißt „Unser Pfarrer soll in Zorneding bleiben!“ Eine Einheimische hat sie gestartet, im Internet kann man unterschreiben. Bis gestern Nachmittag haben das über 210 Menschen getan. Aber, das ist noch so ein trauriger Aspekt dieser Geschichte, auch Zivilcourage hat ein Verfallsdatum. Irgendwann ist es eben zu spät. Dieser Pfarrer wird nicht mehr kommen.

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