Anton Empl bei der Arbeit in seinem Atelier in Dorfen.
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Anton Empl bei der Arbeit in seinem Atelier in Dorfen.

MEIN LEBEN

Anton Empl aus Dorfen: Ein hilfsbereiter Tausendsassa

  • vonAlexandra Anderka
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Dorfen – Anton Empl ist Kunstpädagoge, Bühnenbildner, Flüchtlingshelfer und vor allem Familienmensch. Er erzählt aus seinem bewegten Leben.

Sie sind ein junges Paar Anfang 20, als sich Anton Empl und seine Frau Resi entschließen, Pflegeeltern von vier Kindern zu werden. Ihr leiblicher Sohn Christian ist damals gut ein Jahr alt. Innerhalb weniger Jahre wurden die vier Geschwister im Alter von sechs bis 15 Jahren zu Vollwaisen, sie stehen kurz davor, getrennt und in verschiedene Familien verteilt zu werden. Anton Empl ist da gerade Student an der Kunstakademie in München. Um das Studium zu finanzieren, arbeitet er in Waldwinkel bei Aschau am Inn in einem Heim für milieugeschädigte Jugendliche. In der Nachbarschaft passiert das Familiendrama, die jungen Empls wohnen da noch in Schwindegg. Anfangs kümmern sie sich nur an den Wochenenden um die verwaisten Kinder. „Als im Raum stand, dass die Geschwister getrennt werden sollen, konnten wir das nicht aushalten“, sagt der 70-Jährige. Sie kündigen ihre Wohnung, ziehen nach Aschau in das Haus der Kinder und übernehmen die Pflegschaft. Doch das Haus ist zu klein. Also bauen sie mit Hilfe der Verwandtschaft einen kleinen Kubus an. Sie leben dort zwölf Jahre als Großfamilie, 1985 kommt Sohn Quirin auf die Welt.

Sie sind Anfang 20, als sie die Pflegschaft für vier Kinder übernehmen

Eine große Familie ist für Anton Empl nichts Ungewöhnliches. Er wird als zweiter Sohn von insgesamt neun Geschwistern in Wimm, einem Einödhof bei Schwindkirchen, geboren. Ganz in der Nähe des großen Künstlers Johann Georg von Dillis, der 1759 im benachbarten Gmain zur Welt kam. „Mein Vater hat mir auf dem Friedhof das Grab gezeigt und voller Bewunderung von ihm erzählt“, sagt Anton Empl. Die Volksschule besucht er in Schwindkirchen. „Die ersten zwölf Jahre meines Lebens waren für mich ein Traum“, erinnert sich der Dorfener. „Unsere Eltern waren überhaupt nicht streng.“ In Bezug auf handwerkliche Fähigkeiten werden die Geschwister gefördert. Lachend erzählt Empl von einem Erlebnis: „Einmal ging auf dem Hof ein Motor kaputt, er war nicht mehr zu reparieren.“ Der Vater habe diesen in die gute Stube geschleppt und die Kinder mit Werkzeug ausgestattet. „Er hatte nicht einmal eine Decke untergelegt“, erzählt der 70-Jährige kopfschüttelnd. Die Buben zerlegen den Motor komplett, sind ölverschmiert, aber glücklich. „Wir durften auch im Wohnzimmer mit der Laubsäge hantieren“, sagt Empl. Jedes Jahr habe der Vater deshalb den Linoleumboden ausgewechselt.

Anton Empl bei der Einschulung 1958.

Auf dem Hof lebt noch eine „zweite Mama“. Eine Flüchtlingsfrau, die ihr ganzes Leben, ebenso wie eine Magd, in Wimm verbringt. „Dort ging es kultiviert zu“, sagt Empl. Die Geschwister hätten auch diese Seite genossen.

Zwölf Jahre wunderbare Kindheit

Schon in der Grundschulzeit entdeckt Anton sein kreatives Gen. Mit Ton und Plastilin-Knete modellieren er und seine Geschwister Figuren und formen sich ihre eigene Welt. Auch die Eltern porträtiert er damals schon. „Als Zweitklässler durfte ich für das Krippenspiel Maria und Josef kreieren, das war ein unglaublicher Impuls für mich“, sagt er.

Doch als berufliche Laufbahn ist vorerst nicht Künstler vorgesehen. Eines Tages, Anton ist in der vierten Klasse, kommt ein Pater in die Schule – auf der Suche nach künftigen Pfarrern. Anton wird ausgewählt und kommt im Alter von zwölf Jahren ins Salesianer-Kloster nach Burghausen. „Ein für Bauernkinder üblicher Weg“, meint Empl. Der Orden vertritt die Lehre Don Boscos – eine ganzheitliche Schau auf die Entwicklung der Jugendlichen. „Das war damals beinahe anarchistisch“, sagt Empl.

Dennoch herrscht im Kloster, wo Anton mit 20 bis 40 anderen Buben in einem Schlafsaal schläft, ein anderes Regiment als auf dem Hof in Wimm. „Ich hatte großes Heimweh, mich aber nicht getraut, es der Mutter zu sagen.“ Er darf nur zu besonderen Feiertagen nach Hause. Ihm fehlt seine Werkstatt.

Die Schule meistert er leidlich. „Immer am Rande des Abgrunds“, sagt der spätere Gymnasiallehrer augenzwinkernd. „Deshalb hatte ich als Lehrer viel Verständnis für die schwächeren Schüler.“

Pater erkennt sein Talent

Doch dann bekommt er im Internat so eine Art „Sonderstellung“. Während die Mitschüler im Fernsehen die Sportschau verfolgen, darf Anton in einem Übungsraum seiner Leidenschaft nachgehen. Einzige Bedingung: Er muss sakrale Kunst schaffen. Er darf sogar etwas längere Haare tragen. Ein Pater, der selbst an der Kunstakademie studiert hat, steht ihm zur Seite. Der junge Anton fertigt unter anderem einen Fronleichnamsteppich aus eingefärbtem Sägemehl. Mit diesem Material arbeitet Empl heute noch gerne. Im Internat wird sein Talent erkannt. „Deshalb hadere ich im Nachhinein auch nicht mit dieser Zeit.“

In der zehnten Klasse steht die Entscheidung an: Priester oder nicht? „Unter der Bank habe ich mit Begeisterung „Summerhill gelesen.“ Freiheit statt Zwang, Selbstbestimmung statt Autoritätshörigkeit propagiert die Pädagogik. Es ist die Zeit der Hippies, des Aufbruchs, der Revolution und der freien Liebe.

Ein Herz für Asylsuchende: Anton Empl (r.) unterstützt Flüchtlingsfamilien im Landkreis.

In dieser Zeit lernt er Resi Sonnleitner aus Reiberstorf bei Schwindegg kennen. „Wir waren beide bei der Landjugend, und auf einer Frankreichfahrt hat es gefunkt“, erinnert sich Resi Empl. Antons Mutter sei damals gar nicht so begeistert gewesen. „Wenn du eine Liebe hast, schaffst du das Abitur nicht“, habe sie befürchtet. 1973 macht Empl im Alter von 22 Jahren dann doch seine Reifeprüfung, „natürlich habe ich auch ein Jahr wiederholt“, meint er schelmisch.

Zivildienst: Arbeit mit milieugeschädigten Jugendlichen

Sein Zivildienst verschlägt ihn nach Waldwinkel. Dort kann er sich künstlerisch austoben. Er bekommt eine Baracke des ehemaligen Munitionsarbeitslagers als Atelier. Zusammen mit milieugeschädigten Jugendlichen stellt er Kunstprojekte auf die Beine. Die Arbeit dort begleitet ihn während seiner gesamten Studienzeit an der Akademie der Bildenden Künste in München, wo er später selbst als Dozent arbeiten wird.

An der Akademie sei er sofort angenommen worden, überhaupt sei nach der Schulzeit „alles wie am Schnürchen“ verlaufen. „Natürlich dachte auch ich, dass ich ein großer Künstler werde“, sagt Empl schmunzelnd. Zum Glück absolviert er neben seinem Diplom für Malerei auch das Staatsexamen in Kunsterziehung. Ausstellungen konzipiert er trotzdem – auf der Kirta-Ausstellung in Dorfen ebenso wie im Haus der Kunst in München.

Nach seiner Referendariatszeit wird er Kunstlehrer am Gymnasium in Dorfen. „Ich war sehr, sehr gerne Lehrer“, blickt er heute zurück. „Disziplin ohne Schreien“, sei stets sein Anspruch gewesen. Er habe sich das nie erkämpfen müssen, wenn es zu laut wurde, habe er den Schülern einfach vorgelesen.

Die Empls wohnen zu dieser Zeit noch immer mit ihren Pflegekindern in Aschau – bis das jüngste 18 ist, dann müssen sie aus dem Haus, das ist erbrechtlich so festgelegt. Sie ziehen nach Dorfen, zuerst zur Miete, zwei der Pflegekinder kommen mit. Schließlich ergattern sie einen Bauplatz. Mit viel Eigenleistung bauen sie sich ihr außergewöhnliches Holzhaus, in dem sie heute noch leben.

Über 40 Bühnenbilder für Dorfen

Empls Zeit am Dorfener Gymnasium ist geprägt von der kongenialen Zusammenarbeit mit Deutsch- und Französischlehrer Gerhard Häußler, der damals für die Theateraufführungen verantwortlich ist. Häußler beschreibt seinen Freund und ehemaligen Kollegen „als unglaublich kreativen Menschen“. Empl verfüge über eine „schier endlose Vielfalt an künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten“. Bei jeder Theaterprobe ist der Kunstpädagoge mit dabei. Zehn Jahre lang lässt das Duo Sprache, Schauspiel und Bildlichkeit zu einer Einheit verschmelzen. „Anton und ich haben sehr ähnlich gedacht.“ Es sei eine einmalige, nicht zu wiederholende Zusammenarbeit gewesen, so Häußler, der sich dann aber vom Gymnasium Dorfen verabschiedet und für acht Jahre ins Ausland geht.

Empls Theaterkulissen bleiben in Erinnerung. Über 40 Theaterstücke, unter anderem für die „Opera Inkognita“, inszeniert er bühnenbildnerisch in Dorfen. Das würdigt der Landkreis 2016 mit dem Kulturpreis. Besonders die „Antigone“, die 2001 im Eisstadion aufgeführt wird, hebt Landrat Martin Bayerstorfer in seiner Laudation hervor. „Bei unserem Preisträger gibt es eigentlich keinen genau erkennbaren Unterschied zwischen Arbeit und Freizeit“, so der Landrat.

Das zieht sich durch Empls gesamtes Leben. „Mein Mann kennt keinen Leerlauf“, sagt Resi Empl. „Er ist ein Tausendsassa. Das finde ich total irre, mal zeichnet er, mal sitzt er am Computer, oder er spielt Quetsche.“ Ein „das kann ich nicht“ gebe es nicht bei ihm.

34 Jahre Lehrer am Gymnasium Dorfen

2016 geht Anton Empl nach 34 Jahren am Gymnasium Dorfen in Pension. Am selben Tag fängt sein Sohn Quirin als Kunstlehrer am Gymnasium Gars am Inn an. Sohn Christian ist gelernter Fotograf, hat mittlerweile aber den Tagwerk-Laden in Dorfen, den seine Mutter lange geführt hat, übernommen. Die Pflegekinder hat es alle nach München verschlagen. Sie arbeiten als Patent-Anwalt, Schreinermeister, IT-Berater und Anwältin. Zwei Mal im Jahr kommen alle in Dorfen zusammen, an Weihnachten und Ostern.

Die Empls sind froh und auch ein bisschen stolz, dass sie alle Kinder gut auf den Weg gebracht haben. „Der Vormund hat uns immer zugesichert, dass er uns helfen würde, aber wir wollten das alleine schaffen“, sagt Resi Empl. Für die leiblichen Söhne seien die Pflegekinder „ein absoluter Gewinn“ gewesen. „Die haben sich eigentlich immer gut verstanden, da gab es keine Eifersucht“, sagt Anton Empl, aber natürlich habe es auch mal Konflikte gegeben.

Seit fünf Jahren ist Anton Empl nun in Pension. Die freie Zeit nutzt er die ersten Jahre vor allem in der Flüchtlingshilfe. „Ich habe die erste aus Afghanistan geflohene Familie nach Lindum gebracht“, sagt er. Er sei damals „blauäugig“ in die Flüchtlingsarbeit geraten. „Gewisse Formen von Ablehnung kann ich nur sehr schwer aushalten“, begründet er seine Entscheidung. Er übernimmt mit seinem großen Tagwerk-Bus Fahrten für den Einkauf, zum Arzt, ins Kinderkrankenhaus und macht Umzüge.

Ein Herz für Geflüchtete

Die Begegnungen mit den Flüchtlingen hole ihn auf den Boden der Realität zurück. „Ich hab in Waldwinkel schwer erziehbare Jugendliche erlebt, aber die Probleme der Flüchtlinge sind noch einmal ganz anderer Natur.“ Als Pädagoge will er mit den Flüchtlingskindern Kunstprojekte gestalten, doch bald merkt er, dass sie nicht frei dafür sind. „Da haben ganz andere Sorgen, da sie viel schneller die Sprache lernen, übernehmen sie oft die Verantwortung für ihre Eltern.“ Franz Leutner, Vorsitzender der Flüchtlingshilfe Dorfen, bewundert Empl für sein Engagement: „Anton ist absolut zuverlässig. Was Anton an Lebenszeit in die Flüchtlingshilfe gesteckt hat, ist enorm.“

Die Empls erleiden auch selbst Schicksalsschläge. Kurz hintereinander sterben eine Nichte und ein Neffe. Die 18-Jährige durch einen Autounfall, der 17-Jährige bei einem Brand im Wohnhaus. Zurück bleibt die alleinerziehende Schwester von Resi Empl mit drei Kindern. Sie ist von einem Tag auf den anderen obdachlos und trauert um ihren Sohn. Wieder springen die Empls ein. Kurzerhand, da sei der Landrat sehr unbürokratisch gewesen, bauen sie eine kleine Wohnung an ihr Holzhaus an, wo die Familie unterkommt.

Mittlerweile hat sich Anton Empl aus der Flüchtlingshilfe ein wenig zurückgezogen, doch ein neues Projekt nimmt ihn in Beschlag: Seine Nichte betreibt einen Pferdehof, auf dem ständig Not am Mann sei. „Schubkarrenfahren und Mähen ist für mich Meditation“, sagt er, im Gegensatz zum Malen, da handle er sehr spontan. „Bei meiner Malerei ist das Unfertige und Flüchtige Absicht und sogar Prinzip.“ So gibt es bei seinen Bildern immer wieder nicht bearbeitete Stellen, die den Blick durch die bemalte Acrylfolie auf die Wand dahinter freilassen und die Wirklichkeit vergegenwärtigen. Bilder hätten eine eigene Realität, könnten die Wirklichkeit aber nie ersetzten, erklärt Empl.

Wenn dem Opa und Uropa neben Familie, Flüchtlingshilfe und Malen Zeit bleibt, widmet er sich der Biographie des Künstlers Dillis. „Er fasziniert mich“, sagt Empl, der 2019 in einer Ausstellung seine Werke denen von Dillis gegenüberstellt. Vieles verbindet die beiden: Die Herkunft, der Blick auf das Ungeschönte und Flüchtige in der Natur sowie das soziale Engagement – Dillis malte im Armenhaus und half auch den Kindern seiner Schwester. Vielleicht kommt Anton Empl in seiner Recherche seinem Vorbild sogar noch ein bisschen näher.

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