Claudia Scharf und ihr Mann stehen vor einer Fensterscheibe und blicken sich an
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Noch heute fühlt sich Claudia Scharf oft schwach. Die Corona-Infektion hat Spuren hinterlassen. Doch ihr Mann und ihre drei Kinder unterstützen sie – und sind dankbar, dass die 52-Jährige überlebt hat.

Der Überlebenskampf gegen das Virus

Kerngesund - und trotzdem fast an Corona gestorben: Eine dreifache Mutter erzählt ihre Geschichte

  • Uta Künkler
    vonUta Künkler
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Claudia Scharf gehört zu keiner Risikogruppe. Sie stand mitten im Leben, als sie sich mit Corona infizierte. Fast wäre sie an dem Virus gestorben. Noch heute, ein Jahr später, sind viele Tage für sie ein Kampf. Doch sie ist dankbar, dass sie die Chance zu kämpfen bekommen hat.

  • Claudia Scharf war 51 und kerngesund, als sie an Corona erkrankte - und fast daran starb
  • 18 Tage kämpfte sie im Krankenhaus um ihr Leben. Es gab Momente, in denen sie sterben wollte
  • Noch heute spürt sie die Folgen ihrer Erkrankung, die Aufnahmen ihrer Lunge zeigen Narben

Es ist still auf den Krankenhausfluren. Claudia Scharf leidet, alles schmerzt. Die Ärzte können ihr nicht helfen. Ihr Körper ist entkräftet, das Fieber ist hoch, seit vielen Tagen schon. Sie kann nicht mehr, fühlt sich restlos kaputt. Da ist nur noch ein Gedanke: „Ich mag jetzt sterben.“ Weder die Erinnerung an ihren Mann noch an ihre drei Kinder kann diesen Wunsch jetzt noch übertönen. Sie denkt an ihren verstorbenen Vater und immer wieder an den Herrgott. Dann schläft sie ein.

Claudia Scharf ist an Covid-19 erkrankt. So wie in den vergangenen zwölf Monaten knapp 2,5 Millionen Menschen in Deutschland, mehr als 400 000 in Bayern. Die meisten von ihnen können das Virus mit ihrer körpereigenen Abwehr recht gut bekämpfen. Sie leiden unter Fieber, Husten, Kopfschmerzen, Schlappheit und anderen Symptomen, sind aber recht bald wieder genesen. Kritisch oder gar tödlich verläuft die Krankheit in der Regel nur bei Älteren, Geschwächten oder Vorbelasteten. In der Regel. Es gibt Ausnahmen. Claudia Scharf gehört zu keiner Risikogruppe und ist dennoch beinahe an der Virusinfektion gestorben. Warum? Ist vorbestimmt, bei wem Covid-19 einen schweren Verlauf nimmt?

Wenn der Sanka nicht gleich losfährt, dann ist es ernst. Das wussten meine Kinder.

Claudia Scharf

Die Krankheit ist noch immer neu, das Virus kaum erforscht. Wissenschaftler haben Zusammenhänge vermutet, etwa hinsichtlich Blutgruppe und Schwere der Erkrankung. Doch bisher bleibt alles Vermutung. Niemand kann letztlich mit Sicherheit vorhersagen, wen es schwer trifft.

Claudia Scharf war vor ihrer Infektion eine kerngesunde Frau, die mitten im Leben stand: Sie ist 51 und Chefin der Buchhaltung im mittelständischen Bus-Unternehmen der Familie. Zu Hause in Tittenkofen im Kreis Erding sorgt sie für die jüngste Tochter, kümmert sich um den Haushalt, verbringt viel Zeit im Garten, arrangiert hingebungsvoll bunte Blumendekorationen. Mit ihrer persönlichen Geschichte tritt Claudia Scharf an die Öffentlichkeit, um zu sensibilisieren und aufzuklären. Um den Menschen zu sagen: Covid-19 ist eben nicht wie eine normale Grippe.

Die heute 52-Jährige hat sich sehr früh mit dem Coronavirus infiziert – im März 2020. Sie bekommt hohes Fieber und stechende Kopfschmerzen, verliert den Geschmackssinn und viele Haare, bekommt einen Ausschlag am ganzen Körper, hat keine Kraft mehr zu stehen, zu essen, zu denken. Gute zehn Kilo Körpergewicht raubt ihr die Krankheit, während über dem Landkreis Erding die Frühlingssonne strahlt. Die ganze Familie sitzt im Lockdown zu Hause, als der Krankenwagen Claudia Scharf in die Klinik nach Erding fährt. Sie hatte sich schon einige Tage schlapp gefühlt, litt unter Fieber und Kopfschmerzen. Ihr CoronaTest war positiv ausgefallen, auch ihr Mann Martin und die Kinder Anna (13) und Michael (22) hatten sich infiziert. Nur der 24-jährige Florian war verschont geblieben. An diesem Tag kämpft sich Claudia Scharf die wenigen Schritte vom Sofa auf die Toilette. Den Rückweg schafft sie nicht mehr. „Mama, was ist mit dir?“, rufen die Kinder entsetzt, daran erinnert sich Claudia Scharf noch. Die Sanitäter messen eine Sauerstoffsättigung von 70 in ihrem Blut. Die Normwerte für einen gesunden Erwachsenen liegen zwischen 96 und 100 Prozent. Als Faustregel gilt: Alles, was unter 90 ist, gehört ins Krankenhaus, ab 85 wird’s kritisch.

Lange steht der Sanka im Hof des Einfamilienhauses, bevor er Claudia Scharf ins Krankenhaus bringt. „Wenn der nicht gleich losfährt, dann ist es ernst. Das wissen meine Kinder.“ Die drei schauen bang nach draußen, fixieren den Sanka, in dem ihre Mutter liegt. Der Vater versucht zu beruhigen. Niemand darf Claudia Scharf begleiten, die ganze Familie steht unter Quarantäne. Im Krankenhaus kommt sie an einen Sauerstoffschlauch und an den Tropf, erhält Infusionen, Kochsalzlösung, Paracetamol, Schmerzmittel. Das war es. Mehr können die Ärzte nicht für sie tun. Zu Beginn der Pandemie ist noch zu wenig erforscht, welche Medikamente helfen können.

Heute hat sie Mitleid mit den Ärzten und Pflegern. „Sie waren so machtlos, konnten nur zusehen“, erzählt die 52-Jährige. Dennoch sind deren Besuche in ihrem Quarantänezimmer für sie immer „ein Lichtblick“. Nach vier Tagen wird Claudia Scharf entlassen, sie soll sich daheim erholen. Sehr viel mehr passiert im Krankenhaus ja auch nicht. Doch keine 24 Stunden später ist sie wieder in der Klinik. Zu Hause war die Sauerstoffsättigung in ihrem Blut auf den bedrohlichen Wert 54 gesunken. Dieses Mal erlebt sie die Tage im Krankenhaus mehr im Delirium als im Wachzustand. Hin und wieder versucht sie, mit der Familie zu telefonieren. Doch dann geht ihr gleich wieder die Kraft aus.

Mein Körper ist anscheinend ein zäher Hund.

Claudia Scharf

Insgesamt 18 Tage kämpft sie im Krankenhaus um ihr Leben. Erfolgreich. Claudia Scharf hat überlebt. Auch die Nacht in der Klinik, in der die dreifache Mutter mit ihrem Leben abgeschlossen hatte. Aber auch wenn sie nicht mehr krank ist – hinter sich gelassen hat sie die Krankheit noch immer nicht. „Ich bin heute noch nicht fit“, sagt sie, während sie am großen Familienesstisch in ihrer Küche sitzt und eine Tasse mit warmem Rooibusch-Tee hält. Sie ist schwächer als vor der Krankheit, viel schwächer. Es gibt gute Tage, an denen sie sich fast fühlt wie früher, lange Spaziergänge unternimmt. Aber es gibt auch die schlechten Tage. Die, an denen sie jede Alltagsbewegung überanstrengt. Die, an denen ein ganz normaler Arbeitstag einfach nicht möglich ist. Etwa einmal pro Woche kommt so ein Tag.

Die Erklärung für ihre Schwäche sieht Claudia Scharf, wenn sie computertomografische Bilder ihrer Lunge anschaut. „Lauter kleine weiße Striche sind da, das kann jeder Laie sofort sehen“, sagt sie. Diese Striche sind Narben. Das Virus hatte ihre Lunge attackiert, drei Viertel des Lungengewebes waren befallen. Doch Claudia Scharf erholt sich wieder, langsam, immerhin. Die Ärzte hoffen auf eine vollständige Genesung. „Mein Körper ist anscheinend ein zäher Hund“, sagt sie – und blickt nach draußen durchs Fenster über der Eckbank, neben dem ein Kruzifix im Herrgottswinkel hängt.

Damals, in der schlimmsten Nacht im Krankenhaus, da hatte Claudia Scharf ihre Kraft verloren. Doch auch diese Nacht ging vorbei. Und Claudia Scharf blieb. „Na gut“, hat sie damals am nächsten Morgen gesagt – ein bisschen zu sich selbst, ein bisschen zum Herrgott. „Sterben habe ich nicht können. Dann schenk mir jetzt die Kraft zu kämpfen.“ Und sie kämpfte.

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