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50 Jahre Kiosk am Notzinger Weiher – und immer der gleiche Wirt

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Von: Markus Schwarzkugler

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„Ein Schamane meinte mal zu mir, dass er den besonderen Charakter des Weihers spürt“: Heini Link hat das Gleiche festgestellt.
„Ein Schamane meinte mal zu mir, dass er den besonderen Charakter des Weihers spürt“: Heini Link hat das Gleiche festgestellt. © Markus Schwarzkugler

Heini Link feiert ein wohl einmaliges Jubiläum: Seit 50 Jahren gibt es nun den Kiosk am Notzinger Weiher, und seit 50 Jahren ist er der Chef. Ein Interview mit einem Original.

Notzing – „Sie wollten doch noch Ihr Wortlautinterview machen“, meint Heini Link irgendwann nach zwei Stunden zu unserem Autor. „Passt schon, Herr Link, das kriegen wir hin“, antwortet ihm dieser. Klar haben wir uns viele Fragen notiert, doch Heini Link erzählt einfach drauf los. Erzählt, erzählt und erzählt. Und wir ratschen gerne mit – die vielen Fragen auf dem Block vergessen wir einfach mal. Wer seit jetzt 50 Jahren den Kiosk am Notzinger Weiher betreibt, der hat viel zu berichten, Fragen als Denkanstoß hat der 71-Jährige nicht wirklich nötig.

Wir sitzen in dem kleinen Garten hinter dem Kiosk – sein Refugium, in dem er sich mit seiner Frau Gertrud (64) zurückziehen kann und das Zwitschern der Vögel genießt. Sogar der Specht schaut immer wieder vorbei und nascht am Futterbällchen am Baum. Link genießt das spürbar. Er trägt ein Hawaii-Hemd – für jeden Wochentag hat er ein anderes, erzählt er lachend. Zum Jubiläum hat er extra leckere Nugatbusserl herstellen lassen, die er an die Besucher verschenkt. Auch eigens für den 50. Geburtstag bedruckte Servietten gibt’s.

Doch nun rein ins Interview, das wir wie versprochen dann doch irgendwie hinbekommen haben.

Herr Link, 50 Jahre sind eine lange Zeit. Erinnern Sie sich an die Anfänge?

Mei, war das damals ein Spektakel im Kreistag. Ich war ja schon als Kind im Notzinger Weiher schwimmen, mein Vater hatte die Idee zum Kiosk, nur machte er es zur Bedingung, ihn nicht selber betreiben zu müssen. Das blieb dann an mir hängen. Ich war also im Kreistag und hatte zwei bekannte Mitbewerber. Also habe ich zum Landrat Simon Weinhuber gemeint: Es müssen ja ned immer die G’spickten sein, die den Zuschlag bekommen. „Ha, do hod a Recht!“, sagte der Landrat. Bis zur Entscheidung für mich hat’s keine fünf Minuten gedauert (lacht).

Und Sie konnten loslegen.

1971 haben wir den Kiosk eigenständig am Notzinger Weiher erstellt, ich hatte jeden Stein in der Hand. Nun mache ich das schon seit 50 Jahren – das ist in Deutschland wohl einmalig.

Sein Revier: der Kiosk, in dem ihm seine Frau Gertrud Tag für Tag zur Seite steht.
Sein Revier: der Kiosk, in dem ihm seine Frau Gertrud Tag für Tag zur Seite steht. © Markus Schwarzkugler

Link deutet auf die Rückwand des Kiosks.

70 Einbrüche gab’s bei uns. Einmal wollte dort ein Dieb mit Hammer und Meißel ein Loch in die Wand hauen. Vor allem auf Zigaretten und Schnaps hatten sie’s immer wieder abgesehen. Mittlerweile habe ich das nicht mehr im Angebot. Die meisten kommen mit dem Mofa, sind so 14 bis 18 Jahre alt. Ein Tragerl Bier sollen sie von mir aus haben (lacht). Aber teilweise haben sie mir auf einmal drei Kühlschränke umgeworfen, das ganze Geschirr war kaputt. Da verdienst du dann nichts mehr.

Hatten Sie dafür keine Versicherung?

Die ersten drei Mal haben sie schon noch gezahlt (schmunzelt). Das Problem war in den 70ern auch, dass eine Alarmanlage 10 000 Mark kostete. Mittlerweile hab’ ich eine.

Neben der Alarmanlage: Was hat sich in all den Jahren noch so verändert?

Am Anfang bist du aus dem Auto gestiegen und hast nur um dich geschlagen vor lauter Insekten. Das ist heute kein Vergleich mehr. Das Artensterben ist schade. Damals hast du die Viecherl noch mehr gehört, das war eine richtige Symphonie. Dafür sind die Leute heute sauber, worauf ich sehr stolz bin.

Inwiefern?

Ich habe gestern aufgeräumt, da ist nur ein einziges Papierl rumgelegen. Es hat jahrelang gedauert, bis ich die Leute erzogen hatte. Mittlerweile weisen unsere Stammgäste andere darauf hin, nichts liegen zu lassen.

Da geht’s am Kronthaler Weiher mitunter ein bisserl anders zu.

Das ist ja auch ein anderes Publikum. Bis 14 kommen sie hierher nach Notzing, dann wollen sie an den Kronthaler Weiher. Später haben sie mit 18, 19 eine Freundin und brauchen wieder mehr Platz, also kommen sie wieder an den Notzinger Weiher (lacht). In 50 Jahren habe ich übrigens keinen einzigen Sommerurlaub gemacht.

Und im Winter?

Fahren wir immer für fünf Tage in den Skiurlaub. Seit 40 Jahren sind wir in Davos. Am günstigsten war es dort immer am Tag nach dem Weltwirtschaftsforum, da sind wir dann immer hingefahren. Mittlerweile findet das Forum aber im Sommer statt.

Und da ist Heini Link ja am Notzinger Weiher beschäftigt. Das ist Landkreis-Grund. Vor zwei Jahren wurde der Jugendzeltplatz eingeweiht. Es gab Planungen, die auch Ihr Idyll rund um den Kiosk bedroht haben. Wie groß waren Ihre Existenzsorgen?

Ich hatte keine. 48 Jahre hatte ich die Behörden nicht da gehabt. Für mich war immer klar: Ich habe einen Vertrag, dass dieser Kiosk sein muss.

Hat Ihnen Corona zu schaffen gemacht?

Leider sind auch wir von der Krise betroffen. Aber meine Frau Gertrud und unsere Töchter Kerstin (47) und Julika (37) haben immer mitgeholfen. Dank ihnen ist das alles so lange so gut gelungen. 50 Jahre habe ich die Menschen unvermummt gesehen, jetzt kommen sie mit der Maske. Zu einem Mädel habe ich neulich gemeint: „Du kriegst ein Gummibärl, wenn du sie kurz abnimmst.“ (lacht und wird wieder ernst) Aber dass die Leute wegen der Maske schimpfen, verstehe ich nicht. Hierzulande wirst du einen Tag alt und hast schon mehr Rechte als woanders. Aber jetzt hole ich Ihnen mal schnell was.

Link kommt mit tanzenden, musizierenden Stofftieren zurück.

Schüttelkatze, -löwe, -affe – ich habe davon sieben oder acht Stück. Die sind für die Kinder, wenn sie auf die Bestellung warten müssen. Ab und zu krieg’ ich Ärger von meiner Frau, weil die so einen Krach machen (lacht).

Verleihen Sie die gegen Geld?

Nein, nein. Wenn ich hier alles nur wegen Geld machen würde, dann hätte ich schon vor 30 Jahren aufgehört.

Sie haben ja beruflich viel ausprobiert, der Kiosk lief zeitweise nebenher. Angefangen haben Sie als Feinoptiker.

Ich war schon mit 21 hauptamtlicher Betriebsrat bei der IG Metall, in Ismaning damals. Ich hatte auch eine Disco in Neufahrn, gegenüber dem Erdinger Krankenhaus hatten wir die Gaststätte „Zum Holledauer“, ich habe Kirchenkerzen ausgefahren oder Autoteile. Da hast du damals pro Kilometer eine Mark Pauschale bekommen. Bei einer 800-Kilometer-Fahrt waren das schon 800 Euro –ein ganzes Monatsgehalt! Später habe ich mal Bio-Popcorn gemacht und ein süßes Popcorn für Diabetiker. Das habe ich mir Anfang der 90er sogar patentieren lassen. Warum Zuckerkranke unbedingt gesüßtes Popcorn brauchen, haben sie mich damals gefragt. Das Lächeln der Kinder war Antwort genug.

Was macht der Weiher für Sie aus?

Das sind der Specht, unser Garten hier, der nette Ratsch mit alten Bekannten. Und aktuell natürlich die Nugatbusserl. Wenn nicht gerade Corona ist, gibt’s das Busserl ja vom Wirt (lacht).

Sie fahren viel mit dem Fahrrad hierher, von Ihrer Wohnung in Erding aus.

Das stimmt, zumindest teilweise. Ich habe kürzlich ausgerechnet, dass ich – das Auto mit eingerechnet – in den 50 Jahren bislang 300 000 Kilometer zum Notzinger Weiher gefahren bin.

Mal kurz zu dem, worum es im Kiosk nicht zuletzt geht: das Essen. Was ist der Verkaufsschlager – Ihre gelobte Currywurst?

Nein, das Eis! Aber die Currywurst ist natürlich ein Klassiker, genauso wie unsere „prima Fischsemmeln“. Wir nennen die so – „prima“ (lächelt). Zudem haben wir Pommes, Bockwurst, Reiberdatschi. Oft haben wir auch Essigknödel oder Specksauerkraut. Da kommen welche aus Rosenheim, die mein Kraut in größeren Mengen in Schalen extra abholen. Wenn das wer lobt, bin ich stolz darauf. Bei uns ist alles mit Liebe gemacht. Was ich mache, mache ich aus Überzeugung.

Sie haben mal gesagt, dass Sie von 1000 Badegästen 900 persönlich kennen.

Heute sage ich, dass ich noch 200 kenne. Wegen des Umbaus sind weniger von den Alteingesessenen da. Dort, wo jetzt der Naturlehrpfad ist, saßen sie im Schatten. Jetzt würden sie dort in der Sonne hocken. Dafür kommen aber komischerweise wieder andere Badegäste, auch von weiter weg. Die Mobilität ist ja heute auch eine ganz andere.

Was schätzen Sie am meisten an Ihren Kunden?

Wir kriegen viel Lob. 99 Prozent sind ganz in Ordnung. Es gibt natürlich immer ein paar Nervöse, die schon „Hallo“ schreien, bevor sie überhaupt da sind. Zum Beispiel die, die fragen: „Was ist schon fertig?“ Denen sage ich immer: „Ich bin schon fertig“ (lacht). Einer Frau musste ich mal erklären, dass man einen Bismarckhering nicht in der Mikrowelle aufwärmt. Das ist ja kein warmes Fischbrötchen. Letztlich hat sie sogar zwei Stück gegessen, weil’s ihr so geschmeckt hat.

Haben Sie Kunden, die schon vor 50 Jahren da waren?

Ja, so um die zehn sind das noch. Zum Beispiel die Großmutter, die stolz zu ihrem Enkel sagt: „Schau mal, diesen Lutscher hatte ich selber auch schon beim Heini.“

Sie sind mit Ihrem Kiosk stark wetterabhängig.

(zückt sein Handy) Schauen Sie, ich prüfe jeden Tag meine App, die mir minutengenau sagt, wenn es regnet.

Schon blöd, eine solche Abhängigkeit, oder?

(nickt) Es ist schwierig. Du kaufst ja gewisse Mengen ein. Mit dem Einfrieren ist es einfacher geworden. Wenn möglich, ist bei uns aber in der Regel alles frisch. Früher hab’ ich mich mehr aufgeregt, wenn es nachmittags um Drei reingeregnet hat, heute bin ich da ruhiger. Es ist ja auch Erholung hier draußen.

Ich merke schon: Ans Aufhören denken Sie noch lange nicht.

Nein, das ist mein Leben hier. Eine 85-Jährige hat mal zu mir gesagt, dass der Notzinger Weiher ihr Jungbrunnen ist. Vor ein paar Jahren ist mal eine Art Schamane herumgehüpft, der meinte, dass er den besonderen Charakter des Weihers spürt. An meinem 50. Geburtstag im August 1999 hatten wir eine totale Sonnenfinsternis. Da hat der Weiher gebrodelt, die Fische sind gesprungen. Und dann noch die ganzen Vögel hier jeden Tag: Ich bilde mir ein, dass die mir nachzwitschern, wenn ich komme.

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