Ausnahmekletterer Andreas Lindner (21): Todessturz beim Zustieg zum Traumziel

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Die Füße hochlegen kann Anton Sellmeier in seinem wohlverdienten Ruhestand. Das Bild zeigt ihn in seiner mobilen Hängematte, von der aus der Fußballfan die Spiele seines FC Bayern im Fernsehen verfolgt. In seinem Wintergarten bietet sich für Sellmeier nämlich nicht nur ein schöner Ausblick nach draußen, sondern auch auf ein TV-Gerät.

Kämmerer Anton Sellmeier blickt auf ein ereignisreiches Berufsleben zurück

Nach 45 Berufsjahren: Wartenbergs Herr der Zahlen geht in Ruhestand

  • Markus Schwarzkugler
    vonMarkus Schwarzkugler
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Er ist in der Verwaltungsgemeinschaft (VG) Wartenberg der Herr der Zahlen, und er kann auch über sich selbst ein beeindruckendes Zahlenwerk vorlegen: Anton Sellmeier hat in seiner Karriere zehn Bürgermeister erlebt, 1600 Gemeinderatssitzungen begleitet und 251 Haushalte aufgestellt. Jetzt, genau nach 45 Jahren, geht die Ära Sellmeier zu Ende. Der 64-jährige Kämmerer hat natürlich auch seinen Abschied in den Ruhestand ganz genau berechnet.

Langenpreising – Stichtag war der 30. März, als er nach exakt 45 Jahren als Angestellter in Gemeindediensten sein Büro räumte. Seine Nachfolgerin steht mit Tanja Göbl bereits fest. Offiziell geht’s für Sellmeier zum 1. Juni in Rente, derzeit baut er Resturlaub ab, arbeitet noch von zu Hause aus oder begleitet Gemeinderäte. Mit unserer Zeitung hat Sellmeier über ein bewegtes Berufsleben gesprochen, in dem sich viel verändert hat.

Doch von vorne: Nach der Realschule lernte der Ur-Langenpreisinger Einzel- und Großhandelskaufmann bei der Firma Auer in Erding. „Ich wäre übernommen worden“, blickt Sellmeier zurück. Wäre er die Vollzeitstelle angetreten, hätte das eine Halbtageskraft den Job gekostet. Das sorgte in dem jungen Mann für Bauchgrummeln. Lieber bewarb er sich in der Langenpreisinger Gemeindekanzlei und wurde Nachfolger seines Vaters Anton. Weshalb, rechnet er wieder vor, mit den 30 Dienstjahren seines Vaters nun sogar eine 75-jährige Ära Sellmeier endet.

Für den damals erst 19 (!)-Jährigen war es ein Sprung ins kalte Wasser. Er hatte einen anderen Beruf gelernt und war nun mit nur einer weiteren Halbtageskraft für die gesamte Arbeit in der damals noch eigenständigen Gemeinde zuständig. „Kämmerer“ hieß das damals noch nicht, und der Begriff wäre auch nicht weit genug gegangen. Neben den Finanzen musste sich Sellmeier unter anderem auch um Einwohnermelde- oder Standesamt, Erschließungsrecht, Rentenwesen oder Sitzungsdienst kümmern. Zum Vergleich: Heute zählt die gesamte VG alleine im Fachbereich Finanzen zwölf Köpfe.

Mit 19 schon Protokoll im Gemeinderat geführt

„Ich war vorher nie in einer Gemeinderatssitzung gewesen, und plötzlich sollte ich Protokoll führen – mit 19“, erinnert sich Sellmeier. Was seine Anfangstage verkomplizierte: Beim Auer hatten sie bereits auf EDV umgestellt, auch eine elektrische Schreibmaschine gab es. „Und in Langenpreising gab’s dann nicht mal eine Rechenmaschine und nur eine manuelle Schreibmaschine.“ Von der Moderne zurück in die Steinzeit? „Nicht mal Steinzeit“, meint Sellmeier schmunzelnd. „Damals haben die Leute noch in bar bezahlt. Alles wurde in Bücher mit der Hand geschrieben. Das alles kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Und g’stimmt hat’s aber.“

Das Bild zeigt Sellmeier (M.) an seinem 30. Geburtstag. Bürgermeister Rudolf Weiß (l.) und sein Stellvertreter Josef Furtner schauten damals zum Gratulieren bei ihm daheim vorbei.

Für seinen ersten Haushalt hatte Sellmeier nicht einmal einen Taschenrechner. Später sollte er die EDV und das Arbeiten mit dem Computer federführend vorantreiben. Die Kollegen standen anfangs Schlange an Sellmeiers PC.

Doch zurück zu seinem ersten Haushaltsplan, als auch mal etwas nicht stimmte. Um die Finanzen stand es damals nicht so gut in der Gemeinde. Dennoch hatte Sellmeier unterm Strich ein Plus errechnet. „Das habe ich dem Bürgermeister Rudi Weiß freudestrahlend präsentiert.“ Der hegte jedoch Zweifel. „Ich habe noch mal nachgerechnet, und es kam ein Minus heraus“, so Sellmeier lachend.

Rechenfehler im ersten Haushaltsplan 1975

Ein Freund der zunehmenden Bürokratie ist er nicht. „Heute werden immer mehr Informationen durch den Gemeinderat gefordert. Der Haushaltsplan wird mehrmals ausgedruckt und beraten. Für die Beschlussfassung sind es teilweise schon über 350 Seiten. Trotzdem ist es vorgekommen, dass vier Tagesordnungspunkte später wegen einem Zuschuss für einen Verein nachgefragt wird. Man hat aber schon nicht mehr gewusst, dass im Haushalt nichts vorgesehen war. „Da kannst du manchmal nur den Kopf schütteln“, sagt Sellmeier. Früher habe es das alles nicht gebraucht. Die Gemeinderäte hätten nach Verlesung im Gremium noch im Jahr drauf gewusst, was damals im Haushalt stand.

Generell wird Sellmeier heute viel zu viel geplant, ohne das große Ganze zu sehen. Sämtliche Einzelmaßnahmen müssten ausgeschrieben werden. Lokale Unternehmer verpassten, weil das wirtschaftlichste Angebot genommen werden müsse, den Zuschlag gegen externe Mitbewerber – auch wenn es nur um ein paar Euro gehe. Doch damit gebe es für die Gemeinden letztlich weniger Gewerbesteuer. Eine Rechnung, die nach hinten losgehe.

1980 die Kämmerei übernommen

1977 begleitete Sellmeier die Gebietsreform und die Zusammenlegung von Wartenberg, Berglern, Langenpreising und Fraunberg zu einer VG, deren Kassenverwalter Sellmeier wurde. Nach dem Ausstieg Fraunbergs 1980 übernahm er die Kämmerei. Seinen ersten Schreibtisch, den er dafür in der Kassenverwaltung räumte, übergab er an Maria Stempel. Auch sie geht nun in Rente.

Stolz ist Sellmeier darauf, dass er mit seinen Kostenschätzungen fast immer richtig lag. Er erinnert sich an hitzige Gemeinderatsdebatten um Verbesserungsbeiträge für die Kläranlage. Vom damaligen 2. Bürgermeister sei er scharf angegriffen worden. Doch letztlich seien seine Zahlen nicht weit vom Ergebnis abgewichen.

Und wie sieht es nun, nach 45 Jahren, mit den Emotionen aus? „Ehrlich gesagt hätte ich mir nie vorstellen können, mit 63 plus schon in Rente zu gehen“, sagt Sellmeier. Doch die Chemie im Rathaus habe nicht mehr gestimmt. Zum 1. Oktober 2019 hätte er schon aufgehört. Doch das bessere Verhältnis mit dem neuen Geschäftsleiter Werner Christofori und die Kommunalwahlen hätten ihn umgestimmt. „Und so waren es genau 45 Jahre.“

Enttäuscht von den Chefs

Dass er sein Büro am 30. März räumen würde, sei schon länger bekannt gewesen. Entsprechend enttäuscht war Sellmeier, dass sich an jenem Tag „kein Chef bei mir gezeigt oder mich zumindest angerufen hat“.

Wenig Freude bereitet ihm auch die Corona-Krise. Der Vereinsmensch ist leidenschaftlicher Fußballer. Bis 62 kickte er bei den Erdinger Ehrenliga-Fußballern, mit denen er sogar mal das Pokalfinale gegen den FC Bayern gewann. Auch auf Sky verfolgt der Bayern-Fan seinen Lieblingssport, übrigens von einer mobilen Hängematte aus. Sellmeier liebt auch das Skifahren. „Ich habe früher im Sommer keinen Urlaub gemacht, sondern alles nur fürs Skifahren genommen“, erzählt er schmunzelnd.

Untertags arbeiten, am Abend Fußball oder Ratssitzungen: Seine Familie – Gattin Christine, die Töchter Monika und Nicole – musste einiges mitmachen, gesteht Sellmeier. Dafür sei er ihr sehr dankbar. Nach dem Fußball hat er bei den Stockschützen angefangen. Und auch bei den Feuerwehrlern ist er noch aktiv. Das wird bis 65 so bleiben, ist er sich sicher. So lange darf man dort nämlich aktives Mitglied sein. Das weiß der Herr der Zahlen freilich auch genau.

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