„Ich finde das System traurig“ sagt Biobauer Amadé (Mogli) Billesberger zu den EU-Agrarsubventionen. Er bewirtschaftet in Moosinning seit zwölf Jahren einen Betrieb mit 70 Hektar, unter anderem mit Hühnern.
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„Ich finde das System traurig“ sagt Biobauer Amadé (Mogli) Billesberger zu den EU-Agrarsubventionen. Er bewirtschaftet in Moosinning seit zwölf Jahren einen Betrieb mit 70 Hektar, unter anderem mit Hühnern.

Biobauer Billesberger: „Ich finde das System traurig“

Die Landkreisbauern hängen am EU-Tropf

  • Anna Schwarz
    vonAnna Schwarz
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Das Betriebsvermögen des Biobauern Billesberger besteht zu 50 Prozent aus Agrarsubventionen. Doch diese EU-Subventionen sollen in Zukunft gekürzt werden.

Landkreis – Biobauer Amadé (Mogli) Billesberger (37) aus Moosinning wäre es lieber, wenn es die EU-Subventionen für Landwirte überhaupt nicht bräuchte. Aber: „Der Masse der Deutschen sind gute Lebensmittel wurscht“, kritisiert er: „Da sind Urlaub, Fernseher und Auto wichtiger.“ Er bewirtschaftet seit etwa zwölf Jahren insgesamt 70 Hektar, darunter 50 Hektar Acker, und er hat Schafe, Ziegen, Hühner und Enten. Sein Betriebsvermögen besteht jedes Jahr zu 50 Prozent aus Agrarsubventionen von der Europäischen Union: „Ich komme schon gut klar damit“, sagt er: „Aber ich finde das System traurig.“

Billesberger: „Die meisten Subventionen bekommen die großen Betriebe“

Am kommenden Sonntag, 26. Mai, ist Europawahl. Im Vorhinein wird auch viel über die EU-Subventionen für Bauern diskutiert. Denn das Europäische Parlament will nach der Wahl eine reformierte Agrarpolitik ab 2021 festlegen. Dazu veröffentlichten die Heinrich-Böll-Stiftung und der Bund Naturschutz im Januar den Agrar-Atlas: Dieser widmet sich dem Thema EU-Agrarpolitik – und einem Umdenken in der Branche. Denn von den Subventionen, die etwa 60 Milliarden Euro jährlich betragen, würde vor allem die Agrar-Industrie, also sehr große Betriebe, profitieren, während kleine in die Röhre schauen, so die Kritik. Denn die Basisprämie wird nach Hektarzahl des Betriebs bezahlt. 80 Prozent der Direktzahlungen gehen an 20 Prozent der Betriebe. Biobauer Billesberger sieht das kritisch und sagt: „Die meisten Subventionen bekommen die großen Betriebe.“

Die EU-Fördermittel für die Bauern teilen sich in zwei Säulen (siehe Kasten): Aus der ersten Säule bekommt jeder Landwirt etwas. Er gibt seine Betriebshektar an und erhält pro Hektar 281 Euro. „Da ist es egal, ob man mehrere Jahre hintereinander auf einem Feld nur Mais und Weizen anbaut“, obwohl das den Boden auslauge, kritisiert Billesberger. Einige Auflagen müssen die Bauern dennoch beachten, um das Geld zu bekommen. Aber Billesberger würde sich wünschen: „Es wäre besser, wenn man die Subventionen auch an das nachhaltige Wirtschaften koppelt.“ Konkret könnte das heißen: Um die EU-Finanzspritzen zu bekommen, müssten Landwirte zum Beispiel Blühflächen anlegen.

Biobauer Billesberger tut das ohnehin schon und bekommt dafür Mittel aus der zweiten Säule der EU-Subventionen. Diese Gelder erhalten Landwirte für besonders nachhaltige und umweltschonende Bewirtschaftung: Also wenn sie Blühstreifen anlegen, Zwischenfrüchte anbauen oder den Boden vor Erosion schützen. Doch beide Subventions-Säulen der EU sollen in Zukunft gekürzt werden – die Mittel aus der zweiten Säule für Ökolandbau sogar um 15 Prozent.

Roski: „Wenn die Semmel 50 Cent kostet,  bekommen die Landwirte einen Cent für das Mehl“

Der Chef des Amtes für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) Erding, Otto Roski, kritisiert diese Kürzungen. Denn die Bauern hätten keine Chance, aus den Marktpreisen ihre Aufwandskosten zu decken oder gar einen Gewinn zu erzielen. Das erklärt er an einem Beispiel: „Wenn die Semmel 50 Cent kostet, dann bekommen die Landwirte einen Cent für das Mehl.“ Deshalb brauche es die Subventionen, obwohl sie das Bauernsterben nicht aufhalten können.

Denn im Landkreis Erding gibt es aktuell 2000 landwirtschaftliche Betriebe: „Die Gesamtzahl ist in den vergangenen Jahren leicht gesunken“, sagt Roski. Ein weiterer Trend zeigt sich: „Immer weniger Landwirte bewirtschaften immer größere Betriebe.“ Ob Groß oder Klein, der Großteil nimmt EU-Mittel in Anspruch, schätzt der Chef des AELF : „Ich glaube schon, dass die meisten Betriebe die Subventionen beantragen“, denn: „Sie sind ein nennenswerter Beitrag zum Erhalt der landwirtschaftlichen Familien.“ Die Direktzahlungen machen sogar bis zur Hälfte des Einkommens aus, schätzt er – wie auch bei Biobauer Billesberger.

Die Betriebe im Landkreis haben eine Durchschnittsgröße von 30 Hektar: Insgesamt gibt es 1280 Betriebe bis 30 Hektar, 682 Betriebe bis 100 Hektar, 56 Betriebe bis 200 Hektar und neun haben sogar über 200 Hektar. Wer einen Durchschnittsbetrieb von 30 Hektar bewirtschaftet, bekommt allein aus der ersten Säule (281 Euro pro Hektar) bislang rund 9000 Euro Subventionen.

Gleichzeitig fände es Roski nicht so problematisch, wenn die Mittel aus der zweiten Förderungssäule für Ökolandbau gekürzt würden, denn: „In Bayern gibt es sowieso schon die höchsten Prämien für ökologischen Landbau.“ Außerdem müsse erst ein Umdenken in der Gesellschaft stattfinden: „Wir brauchen auch Verbraucher, die Ökoprodukte kaufen.“ Gleichzeitig befürchtet er, dass sich die Klimaschutzmaßnahmen der Landwirte reduzieren, wenn die zweite Säule gekürzt wird: „Wer heute einen Blühstreifen anlegt oder Zwischenfrüchte anbaut, der holt durch das Prämiengeld höchstens die Aufwandskosten rein, aber macht keinen Gewinn.“

Jakob Maier aus Niederding bewirtschaftet rund 50 Hektar, er ist Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbandes (BBV) im Landkreis. Und: Er bewertet die Aufteilung der EU-Gelder anders als Bio-Bauer Billesberger. Es sei schwierig, die Subventionen nur an Landwirte zu zahlen, die auch ökologisch wirtschaften, sagt er: „Da würden sich vor allem Betriebe in Nord- und Ostdeutschland dagegen wehren.“ Die hätten nicht nur viele Hektar, sondern an ihnen hängen auch viele Arbeitsplätze.

Außerdem sei es nicht wahr, dass vor allem Großbauern profitierten: „Es gibt eine Deckelung für Großbetriebe, sie dürfen maximal Ausgleichszahlungen in Höhe von 100 000 Euro pro Jahr bekommen.“ Und: Seit einigen Jahren gebe es einen EU-Zuschlag für kleine und mittlere Betriebe bis 95 Hektar: Sie bekommen für ihre ersten 30 Hektar 50 Euro zusätzlich pro Hektar.

Jakob Maier fordert Mindestpreise für Butter und Fleisch

Aber in einem Punkt ist sich Maier mit seinem Bio-Kollegen einig: Am liebsten wäre er gar nicht auf die Subventionen angewiesen und kommentiert: „Das Wort Subventionen mag ich nicht, ich nenne sie Ausgleichszahlungen.“ Stattdessen hätte er lieber Mindestpreise für Butter und weitere Fleischprodukte: „Dann bräuchten wir gar keine Ausgleichszahlungen von der EU mehr.“

Doch die Realität sieht anders aus: Seit Jahren sehen sich Milchbauern – Maier gehört dazu – in der Bredouille: „Wenn der Milchpreis unter 40 Cent fällt, dann wird’s schwierig für uns.“ Deshalb seien Landwirte im Landkreis auf die EU-Gelder angewiesen, sagt er: „Wir brauchen eine stabile Einkommensgarantie.“ Allerdings befürchtet er, dass die Ausgleichszahlungen nach dem Brexit sinken, denn: „Dann verlieren wir einen weiteren Nettozahler und haben weniger Geld im Topf.“

Für die Zukunft würde er sich wünschen, dass die Subventionen ausschließlich an Landwirte fließen und nicht für die Förderung des ländlichen Raums verwendet werden, denn: „In Oberding wurde mit den Geldern aus dem Kulturlandschaftsprogramm (Kulap) ein Outdoor-Fitnessplatz mitfinanziert.“

AELF-Chef Otto Roski sieht die Agrarpolitik-Reform noch entspannt: „Da gibt es noch viel auszudiskutieren.“ Und Biobauer Billesberger hofft auf die Staatsregierung und die Konsequenzen aus dem Volksbegehren „Rettet die Bienen“: „Wer als Landwirt dafür etwas tut, soll in Zukunft auch finanzielle Unterstützung bekommen.“

Von Hanna Koerdt und Anna Schwarz

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