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Düstere Statistiken bekamen die 50 Gäste beim Referat von Frank Lenz, Vorstandsmitglied des Bundesverbands Deutscher Milchviehhalter, vorgetragen.

Ertrag deckt nicht die Erzeugungskosten

Immer weniger Milchviehbetriebe: Landwirte besorgt

2015 gab es 140 Milchviehbetriebe mehr im Landkreis. Landwirte und BDM sind besorgt über die Entwicklung.  BDM-Vorstandsmitglied Frank Lenz hielt ein Referat in Hörgersberg.

Hörgersberg – „Unsere Betriebe nehmen rapide ab“, lautete die düstere Prognose von Mathias Lohmeier aus Dorfen, Kreisvorsitzender des Bundesverbands Deutscher Milchviehhalter (BDM), im Gasthaus Obermeier. Vor rund 50 Kollegen zeigte er nicht nur eine besorgniserregende Entwicklung seines Berufsstands auf, er gab BDM-Vorstandsmitglied Frank Lenz aus Sachsen-Anhalt auch die Chance zu einem Referat über Situation und Möglichkeiten, wie die Bauern diesem Missstand entgegen wirken könnten.

Nicht nur Bockhorns Bürgermeister Hans Schreiner stellte in seinem Grußwort fest, „dass 1964 etwa noch fast jeder Landwirt bei uns Kühe im Stall stehen hatte“. Auch Lohmeier hatte Zahlen in die Kreisversammlung mitgebracht, die eine erschreckende Entwicklung belegen: „179 Betriebe haben im vergangenen Jahr den Milchverkauf eingestellt, von rund 2000 Höfen im Landkreis sind gerade noch rund 500 Milchviehbetriebe – seit 2015 immerhin 140 Betriebe weniger.“

Milchertrag deckt Produktionskosten nicht

Ursachen für diese Misere und Chancen für einen Ausweg aus dem Dilemma zeigte anschließend Lenz auf. Der junge Landwirt, der selbst einen Milchviehbetrieb mit 370 Kühen bewirtschaftet, legte seinen Kollegen Schaubilder mit Zahlen auf, die für Erstaunen und Schrecken zugleich sorgten: „Momentan bekommen wir für einen Liter Milch rund 33 Cent, für Bio-Milch etwa 14 Cent mehr. Die Erzeugungskosten liegen jedoch viel höher. So kostet es hier in Oberbayern etwa 48 Cent, einen Liter herzustellen, bei uns im Osten etwa 42 Cent und in Norddeutschland rund 39 Cent.“

Die Differenz zum jeweiligen Ertrag bleibe jedoch nicht bei den Milchviehhaltern, sondern bei den Molkereien, „die sich preislich immer am schwächsten Verwerter orientieren“, so Lenz. Etwa 20 Prozent aller Betriebskosten seien durch den Milchverkauf nicht gedeckt, schon gar nicht, wenn auf einem Hof auch noch Kosten durch Lohnarbeiter entstehen. „Selbst bei Bio-Milch ist unter dem Strich der Ertrag nicht höher. Durch eine Umstellung wechselt man nur sein eigenes Hamsterrad.“

Erwartung der Kunden deckt sich nicht mit Tierwohl

Er warf die Frage auf, wie zukünftig Lebensmittel noch rentabel produziert werden könnten. „Zwischen Gesellschaft, Lebensmittelhandel und unserer Agrar-Branche besteht ein permanenter Konflikt. Denn die Erwartung der Kundschaft deckt sich nicht mit Tierwohl, und schon gar nicht mit dem Preis. Ernährungsgewohnheiten werden tendenziell eher weg von Fleisch und Milch hin zu Gemüse und Obst gehen, selbst der wichtige Stoff Protein kann in Zukunft vielleicht künstlich erzeugt werden.“

Deshalb, so der engagierte Milchbauer weiter, brauche es von Seiten des BDM eine Sektor-Strategie in drei Schritten: ein so genanntes Milchmarkt-Krisenmanagement-Konzept mit verbindlichen Preisen, die Gründung einer Branchen-Organisation „ähnlich wie bei den vier deutschen Supermarkt-Ketten“ sowie letztlich ein zweistufiges Milchmarkt-System. Milchviehhalter, das ist die Meinung des Referenten, müssten den Preis für ihr wertvolles Produkt künftig selbst bestimmen können, mit aller Härte.

Konsumenten kennen den Preis, aber nicht den Wert

Lenz dazu: „Entweder wir setzen den Fokus auf den Zerfall unserer Branche oder aber auf neue Chancen.“ Dazu gehöre vor allem aber auch der Dialog mit Verbrauchern, „notfalls gegen die Politik oder als klaren Auftrag an sie“. Ob dies schnell gelingen kann, bezweifelte Landrat Martin Bayerstorfer, der, selbst Landwirt, aufmerksam zugehört hatte. „Eine Umfrage fand neulich heraus, dass 60 Prozent der Bevölkerung eine Herstellung von landwirtschaftlichen Produkten bei uns nicht mehr für zwingend erforderlich hält. Da kommen mir dann schon Zweifel, wie wir Konsumenten überzeugen wollen, die zwar von allem den Preis kennen, aber nicht mehr den Wert.“

Friedbert Holz

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