Über viele Preise in einem schwierigen Jahr durfte sich Martina Eisenreich freuen. Foto: (Christoph Müller-Bombart)
+
Über viele Preise in einem schwierigen Jahr durfte sich Martina Eisenreich freuen.

Sie vermisst die Gemeinsamkeit – Film in der ARD am Freitag

Filmmusikkomponistin Eisenreich: „Ich gebe keine Streaming-Konzerte“

Die weltweite Pandemie stellt die Kulturschaffenden vor große Herausforderungen. Für die Filmmusik-Komponistin Martina Eisenreich aus Maierklopfen brachte das Krisenjahr 2020 auf internationalem Parkett dennoch herausragende Erfolge mit sich. Wir sprachen mit der Künstlerin über ihre Erfahrungen und Einschätzungen sowie ihre Pläne und Hoffnungen fürs neue Jahr.

VON VRONI VOGEL

Maierklopfen – Frau Eisenreich, wie haben Sie das Jahr 2020 als Künstlerin erlebt?

Es war ein erstaunliches Jahr. Alles, wirklich alles wurde von neuen Seiten beleuchtet, und vertraute Konstellationen, beruflich wie privat, wurden auf einen neuen Prüfstand gestellt. Es passierten Dinge in einer Härte, die wir gegenwärtig in unserem Kulturkreis nicht kennen. Umso wichtiger ist es, dankbar zu sein für alles, was dennoch möglich war, für alles, was wir gemeinsam geschafft haben.

Was hat Sie gefreut?

Es war wie ein unerwarteter Lichtregen für diese dunkle Zeit: Das vergangene Jahr hat mich buchstäblich mit Nominierungen und Preisen überschüttet. Im Frühjahr gab es die Doppelnominierung für den Deutschen Fernsehpreis, und meine persönliche Überraschung des Jahres war der Preis für die beste Musik von der Deutschen Akademie für Fernsehen jetzt zum Jahresende. Neben meinem Score zu „Zeit der Wölfe“ waren großartige Musiken nominiert – unter anderem Ben Frost für seine gefeierte Musik zur Netflix-Serie „Dark“, deshalb hatte ich nicht mit dem Sieg gerechnet. Nun tatsächlich diesen Fernsehpreis entgegennehmen zu dürfen, aus der Mitte der Filmschaffenden erwählt, ist eine herzerwärmende Freude.

Was war herausfordernd, schwierig oder traurig?

Es ist beeindruckend, was im digitalen Raum möglich wurde. Aber auf eine Art bleibt es traurig und leer. Nichts ersetzt das persönliche Gespräch, das gemeinsame Musizieren im Raum. Ich gebe keine Streaming-Konzerte, weil ich das nicht als Ersatz für einen gemeinsam erlebten Abend empfinde. Überhaupt kommt uns der reale Diskurs leider mehr und mehr abhanden, unsere Realität wird immer mehr verlegt in eine unbemerkte Einsamkeit. Die sozialen Netzwerke bieten Befriedigung, aber im Grunde täuschen sie auch, schotten uns mit ihren Spiegelräumen voneinander ab, und ziehen große Gräben durch die Gesellschaft. Das wird gerade noch verstärkt und macht mir Sorgen.

Gab es weichenstellende Begegnungen und Erlebnisse?

Der erste Lockdown kam, unsere gesamte Tour wurde abgesagt: Bis auf vier Konzerte fiel 2020 alles weg. Plötzlich war Stillstand. Und sehr viel Zeit – mit der Familie, aber auch zum Schreiben. Ich habe das Frühjahr für neue Kompositionen genutzt. Die erste wurde von Nathan Cole, Konzertmeister des Los Angeles Philharmonic Orchestra, beim Los Angeles New Music Festival im August uraufgeführt – digital. Dabei hat sich auch eine wunderbare Zusammenarbeit mit dem traditionsreichen Musikverlag Ries & Erler ergeben, und inzwischen sind schon drei weitere Konzertwerke verlegt. Durch die aktuelle Situation gab es tatsächlich ungewöhnliche Chancen, ganz kurzfristig Weltklasse-Interpreten zu gewinnen. Zum Beispiel habe ich die Musik zu zwei großen Hörspielen geschrieben – „Malina“ von Ingeborg Bachmann und Jane Austens „Mansfield Park“. Für „Malina“ konnte ich mit der Sängerin Salome Kammer arbeiten, und meine Musik zum Jane-Austen-Dreiteiler durfte ich zwei Tage lang mit dem hr Sinfonieorchester in Frankfurt aufnehmen – deren Tourpläne sind ansonsten mehrere Jahre im Voraus belegt. Im Sommer hat schließlich die Filmbranche dann einen Weg gefunden, mit komplexen Sicherheitskonzepten weiter zu drehen. Ab da habe ich mich voll in die Arbeit gestürzt. Entstanden ist unter anderem die Musik zum Jubiläums-Tatort „In der Familie 2“ oder „Liebe ist unberechenbar“, mit Heino Ferch und Michael Gwisdek – das läuft übrigens jetzt am 15. Januar um 20.15 im Ersten.

Welche Projekte möchten Sie 2021 verwirklichen?

Am meisten freue ich mich gerade über die herausfordernden neuen Filmmusik-Aufträge. Inspiriert davon entstehen auch sehnsüchtige Konzert-Ideen. Aber ich nehme an, dass man erst Ende dieses Jahres sehen wird, wie sich die kulturelle Situation überhaupt entwickelt.

Was wünschen Sie sich grundsätzlich vom neuen Jahr?

Viele von uns hat dieses Jahr hart getroffen. Die Art und Weise, wie wir betroffen sind, ist denkbar unterschiedlich, und die Reaktionen der Politik generieren unvermeidlich weitere Ungleichheiten. Das wird noch eine Weile so bleiben. Ich würde mir dabei mehr Umsicht im täglichen Miteinander wünschen, und den zuversichtlichen Grundgedanken, wie gut es uns vergleichsweise noch immer geht. Innerhalb meines Teams und im internationalen Kollegenkreis sehe ich sehr konkret, welche Ängste und Sorgen die Menschen in anderen Ländern während der Pandemie bewegen, und auch welche Möglichkeiten wir hier im Vergleich dazu haben. Ich wünsche mir, dass wir den Blick wieder auf die großen humanitären Katastrophen richten, die sich zeitgleich abspielen. Während wir uns über unsere Entbehrungen zu den Feiertagen unterhalten, unsere Weihnachtsbäume und Krippen aufstellen und den Kindern aus der Herbergssuche vorlesen, nehmen wir gleichzeitig hin, dass ganz aktuell so viele Menschen und Familien im schlimmsten Elend auf der Flucht sind, die dringend Hilfe brauchen. Wir hätten die Möglichkeiten, zu helfen, aber wir tun es nicht. Ich wünsche mir von Herzen, dass sich das bald verbessern wird.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare