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Riesige Weideflächen für hunderte Rinder: Der  Bockhorner Martin Pichlmair (r.) mit Tochter Martina und deren Lebensgefährten Ezequiel Mariani auf der Ranch in Argentinien. 

Martin Pichlmair aus Bockhorn 

Landwirt auf zwei Kontinenten

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Bockhorn - Martin Pichlmair ist Landwirt in Deutschland und Argentinien, Experte für südamerikanische Agrarwirtschaft und Reiseleiter. Angefangen hat alles mit dem Traum von Wildwest und der großen weiten Welt.

„Ich hab ein bisschen was vom Rinderwahnsinn abbekommen“, sagt Martin Pichlmair verschmitzt und weist auf die Ställe seines Hofes in Bockhorn. Hier stehen 170 Charolais- und Limousin-Rinder, mit denen der 62-jährige Landwirt eine Mutterkuhhaltung betreibt. Doch der picobello saubere Hof offenbart einige ungewöhnliche Details, die darauf schließen lassen, dass der Betreiber ebenso ungewöhnlich ist – wie das Einfahrtstor im Ranch-Stil. „Ich habe als Kind Western regelrecht verschlungen, Cowboy oder Ranger zu werden, war mein Traum“, erzählt der Bockhorner. Wissensdurst und Abenteuerlust führten dazu, dass sich der junge Mann mit nur 20 Jahren im französischen Vichy an einer Sprachenschule wiederfand. Vorher hatte er noch artig die Volksschule und die Landwirtschaftschule in Erding besucht. Dann konnte er ein Stipendium für die Landvolkshochschule in Grainau ergattern. „Dort hatte ich auch Französischunterricht“, erzählt Pichlmair. Nach dem Besuch der Höheren Landbauschule in Rotthalmünster und dem Abschluss als Agrarbetriebswirt ging der junge Martin nach Frankreich. „Neben der Sprachschule hab ich dort mit dem Viehhandel angefangen“, erinnert er sich.

Viehhandel im Blut

Das war Mitte der 1970er Jahre. „Vichy liegt am Rande des Zentralmassivs, quasi dem Herzen der Mutterkuhhaltung. Einmal in der Woche war Viehmarkt, und ich habe Rinder gekauft und nach Bockhorn geschickt.“ Daheim kümmerte er sich als Ältester von vier Geschwistern nach wie vor in den arbeitsreichen Zeiten des Jahres um den elterlichen Hof. „Nach Frankreich konnte ich nur im Winter“, sagt Pichlmair. Ihn hat damals die „völlig andere Welt“ fasziniert. „Dort waren Leute aus aller Herren Länder, vor allem aus den arabischen Staaten.“

Er schloss Freundschaften, knüpfte weltweite Kontakte. Und sorgte so auch manchmal in Bockhorn für Aufsehen. Etwa als er muslimische Freunde aus Libyen mit in die Kirche nahm. „Das war für alle ein bisschen komisch. Sie kannten ja unsere Bräuche nicht“, erinnert sich der Landwirt schmunzelnd.

Der Viehhandel, vor allem mit den damals hierzulande kaum bekannten Charolais-Rindern, war in den 1980er Jahren ein lukratives Geschäft. „Ich hatte Umsätze im Millionenbereich. Der BSE-Skandal hat dann das Geschäft zerstört.“ Doch Pichlmair hatte mehrere Eisen im Feuer. In den 1980er Jahren war er mit seiner heutigen Ehefrau Maria auf Rundreise durch Südamerika. Argentinien faszinierte ihn auf Anhieb. „Das Land lag damals nach dem Falkland-Krieg wirtschaftlich am Boden, niemand wollte investieren. Ich habe mir aber gedacht: Wenn Landwirtschaft nicht hier funktioniert, wo dann?“

Mutig kaufte der Bockhorner Landwirt Flächen in der Provinz Entre Ríos im Nordosten des Landes. „Ein Problem war die Sprache. Mit Französisch und Englisch kam ich dort nicht weiter.“ Also hieß es für ihn: fleißig Spanisch büffeln, diesmal in einer Schule im südspanischen Malaga. „Das hat mehrere Winter gedauert. Ich konnte nur außerhalb der Saison weg. Ich musste mich ja zu Hause um den Hof kümmern.“ Dafür hat sich der Agrarbetriebswirt allerdings Hilfe geholt. „Ich hatte eine Ausbildungsberechtigung und deswegen auch Praktikanten hier.“ Die kamen oft aus Spanien – für Pichlmair eine willkommene Gelegenheit, seine Sprachkenntnisse zu verbessern.

Nach und nach erweiterte er seine Flächen in Argentinien. Zur Rinderzucht kam Ackerbau mit Soja, Weizen und Mais. Und noch einen ganz anderen Zweig entdeckte der Bockhorner für sich: die Agrartouristik. „Seit 25 Jahren führe ich Reisegruppen durch Argentinien, Paraguay und Brasilien“, erzählt Pichlmair. Rund 400 Gäste habe er schon betreut.

570-Hektar-Farm

Zugute kommen ihm dabei nicht nur sein großes Wissen über die südamerikanische Landwirtschaft, sondern auch perfekte Sprachkenntnisse. Dabei ist nicht nur Spanisch gemeint. „Ich verstehe auch, was die Einheimischen sagen“, lacht Pichlmair: „Wenn man nur die Worte übersetzt, kann das schwierig werden.“

Ein Ziel auf den Rundreisen ist stets die kleine Ferienanlage „Hospedaje Maria Andrea“, die es mittlerweile auf seiner Farm gibt. „Maria heißt meine Frau, Andrea meine ältere Tochter“, so erklärt Pichlmair den Namen. Seit vier Jahren führt die jüngere Tochter Martina (27) zusammen mit ihrem argentinischen Lebensgefährten Ezequiel Mariani das Urlaubsdomizil. Sie wird später auch einmal die 570 Hektar große Farm übernehmen. Dafür hat sie nach ihrer Ausbildung zur Arzthelferin auf dem zweiten Bildungsweg das Abitur nachgeholt. Zur Zeit absolviert sie in Argentinien eine Landwirtschaftsausbildung.

Und was wird aus dem Hof in Bockhorn? „Den soll eigentlich mal meine ältere Tochter übernehmen“, sagt Pichlmair mit nachdenklicher Stimme. Sorgen bereitet ihm, in welche Richtung sich die Landwirtschaft in Deutschland entwickelt. Gefahr sieht er vor allem für das mit den Biogasanlagen konkurrierende Pachtland, auf dem seine Kühe im Sommer weiden. „Wenn die Pachtpreise für die 120 Hektar weiter steigen, kann es sein, dass ich aufgeben muss.“ Wie es dann mit dem Hof weitergeht, stehe in den Sternen.

Im Moment hat Martin Pichlmair anderes im Sinn. Die nächste Reise steht an, die er für den Maschinenring Erding organisiert. Bis März wird er unterwegs sein. Ob sein Familienleben darunter leidet? „Mit meiner Frau bin ich seit 40 Jahren zusammen“, sagt er. „Wir kennen es beide nicht anders.“

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