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Sie fressen ihr aus der Hand: Odile Binding hegt für ihre Coburger Fuchsschafe mütterliche Gefühle. 

Odile Binding

Die Tiermama von Grünbach

Mit Fahrübungen und Streicheleinheiten bereitet sie ihre Tiere auf die Schlachtung vor. Bei der Pflege ihrer Schafe, Schweine und Hühner hegt sie mütterliche Gefühle. Odile Binding hat eine besondere Tieraufzucht in Grünbach hochgezogen. 

VON FRIEDBERT HOLZ

Grünbach – Eigentlich hat Odile Binding Betriebswirtschaft studiert, schloss mit einem Diplom als Kauffrau ab. Doch insgeheim hatte die 51-Jährige, die in Heidelberg zur Welt kam und in München zur Schule ging, immer schon von einem Beruf in der Landwirtschaft geträumt. Jetzt, nach einigen Karriere-Umwegen, verwaltet sie nicht nur ein Gut in Grünbachs Ortsmitte. Sie hat sich auch der Zucht von speziellen Schafen verschrieben, hält Schweine und Masthühner.

Alle diese Tiere sollen vor dem Weg zum Metzger ein gutes Leben führen, sie kämpft für qualitativ hochwertiges Fleisch. „Fürsorge ist für mich ein ganzheitlicher Ansatz. Ich sorge dafür, dass es den Tieren, solange sie bei mir sind, gut geht, dass sie einen würdigen Tod finden. Somit kann ich meinen rund 30 Kunden eine Fleisch-Qualität bieten, die sie für ihr Geld auch erwarten dürfen“, sagt Binding. „Ein Schwein zum Beispiel gibt mir, natürlich unfreiwillig, sein Leben. Deshalb widme ich ihm meines, meine Arbeitskraft und die optimale Pflege.“ So umschreibt die Mutter von drei Kindern ihre spezielle Philosophie.

Und sie räumt ein, dass sie „mütterliche Gefühle in der Versorgung der Tiere“ spürt. Schließlich werde das Mütterliche in unserer Ellbogen-Gesellschaft viel zu wenig geachtet. „Dabei“, so die engagierte Tierfreundin, „sind mütterliche Frauen und Männer die wahren Stützen“. Diese banale Erfahrung hat Binding zuvor schon in einigen Berufen gemacht. Schließlich arbeitete sie vor ihrer selbstgewählten Rolle als Landwirtin schon in der PR-Abteilung eines Autoherstellers, jobbte in einer Werbeagentur, betrieb in einer eigenen kleinen Firma TV-Interview-Coaching für Führungskräfte und war Marketing-Verantwortliche in einem Erdinger Unternehmen.

Als sie ihren Mann Markus kennenlernte, einen Volkswirt in der Recycling-Branche, zog sie mit ihm auf dessen väterliches Gut nach Grünbach. Ihr Schwiegervater, Dr. Conrad Wilhelm Binding, hatte früher schon 800 Schweine, dazu jede Menge Schafe, Hühner und Gänse. Und so wuchs in der agilen Schwiegertochter langsam der Wunsch, auch etwas mit Tieren zu unternehmen. Zudem sehnte sie sich nach Fleisch, dessen Produktionsweg fernab jeglicher Massenproduktion verläuft.

Mittlerweile hat sie selbst zehn sogenannte Duvoc-Schweine mit stark durchgemasertem Fleisch: „Es schmeckt sehr saftig und ist mit Supermarkt-Ware nicht entfernt zu vergleichen.“ Außerdem hören zwölf Coburger Fuchsschafe auf ihr Kommando, eine aussterbende Landschaf-Rasse, die für ihr besonders weiches Fell gelobt wird. Hier betreibt sie auch eine Zucht. „Wenn im Herbst der Zuchtwart kommt, zeigt er mir diejenigen Tiere, deren Weiterzucht sich lohnt – der Rest wird dann geschlachtet.“

Abgerundet wird die Bindingsche Menagerie noch durch rund 40 Masthühner. „Es ist mir sehr wichtig, dass alle meine Tiere stressfrei sterben. Deshalb übe ich mit ihnen das Verladen und Fahren mit dem Anhänger ein paarmal, bevor es zu Metzger Christian Huber nach Walpertskirchen geht. Auch besprenge ich meine Schweine täglich mit Wasser. Denn auch vor dem Betäuben im Schlachthof erfahren sie diese Prozedur, haben nun aber keine Angst mehr.“

Das ist wichtig, „Stress vor dem Schlachten verschlechtert die Fleisch-Qualität“. Weil sie und ihre Familie die Tiere mehrfach täglich besuchen, füttern und ihren Stall säubern, sind sie an Menschen gewöhnt, lassen sich streicheln und rufen, manche wollen sogar kuscheln. Da wundert es nicht, dass vor kurzem ein Schwein, das bereits beim Metzger auf dem Boden des Schlachtraums lag, sich von ihm am Bauch kraulen ließ: Es ahnte rein gar nichts von seinem Ende.

Und so sieht Odile Binding darin auch eine Bestätigung für ihr Handeln, für den würdigen Umgang mit der Kreatur. „Der französische Schriftsteller Antoine de Saint Exupéry sagte einmal: Du bist ewig für das verantwortlich, das Du Dir vertraut gemacht hast. Meine Tiere vertrauen mir auch. Schlimm genug, dass ich sie irgendwann zum Schlachten bringen muss. Aber bis dahin sollen sie es so gut wie möglich haben“.

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