An seinem Schreibtisch im Rathaus hat sich Lorenz Angermaier bereits eingelebt.
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An seinem Schreibtisch im Rathaus hat sich Lorenz Angermaier bereits eingelebt.

Interview-Serie „100 Tage im Amt“

„Vom Unterstützer zum Verantwortlichen“: Bockhorns Bürgermeister Angermaier über seine neue Rolle

Lorenz Angermaier ist jetzt seit über 100 Tagen Bürgermeister von Bockhorn. Im Interview schließt er eine zweite Amtszeit bereits aus. Aber nicht, weil es ihm nicht gefallen würde auf seinem Posten.

VON FRIEDBERT HOLZ

Bockhorn – Gut 100 Tage ist es her, seit Lorenz Angermaier als gemeinsamer Kandidat der Freien Wählergemeinschaft und der Bürgerliste Kirchasch mit Umgebung in sein Amt als neuer Bürgermeister gewählt wurde. Ein paar Sitzungen des Bockhorner Gemeinderats hat er inzwischen geleitet, er arbeitet sich täglich immer mehr in die Amtsgeschäfte ein. Wir haben den 60-Jährigen, der mit seiner Familie in Kirchasch wohnt, nach seinen ersten Erfahrungen in der neuen Position befragt.

Herr Angermaier, haben Sie es nach 100 Tagen schon bereut, sich als Bürgermeister beworben zu haben?

Nein, ich bin sehr glücklich mit dieser Entscheidung. Ich freue mich, dass ich dieses Amt machen darf, fühle mich sehr wohl dabei und von den Leuten gut angenommen. Aber ich hatte auch das Glück, keine Problem-Gemeinde übernehmen zu müssen. Immerhin hat mein Vorgänger Hans Schreiner ein gut bestelltes Haus hinterlassen.

Wie haben Sie sich mittlerweile im Rathaus eingelebt?

Gut, weil mir alle hier mit Rat und Tat zur Seite stehen. Ich genieße große Unterstützung des erfahrenen Personals, und ich lerne jeden Tag Neues dazu. Es ist spannend.

Wie groß ist denn der Unterschied zwischen einem Stellvertreter, der Sie sechs Jahre lang gewesen sind, und dem Amt als erstem Bürgermeister?

Meine Rolle hat sich gewandelt: vom Unterstützer zum Verantwortlichen. Ich unterschreibe jetzt fast alle Vorgänge, die selbstverständlich unterschiedliche Tiefe haben. Und es gibt sogar Bürger, die persönlich zu mir kommen und schauen, was ich mache – ich mag diese Nähe zu Menschen.

Wie sieht Ihr Arbeitstag vom Aufwand her aus im Vergleich zu ihrer früheren Tätigkeit – sind die Tage jetzt deutlich länger geworden?

Die Abendtermine gibt es ja Corona-bedingt größtenteils noch nicht. Also sind sie noch nicht deutlich länger geworden. Aber anders. Während ich in meinem früheren Beruf als Ingenieur viel auf der Straße unterwegs war, sitze ich heute mehr im Büro, habe Gott sei Dank kürzere Wege. In der Arbeit selbst haben sich die Anforderungen gar nicht so sehr verändert. Denn auch jetzt bin ich da, um mich bei der Suche nach Lösungen aktiv und kreativ mit einzubringen.

Wo sehen Sie, da Sie jetzt direkt vor Ort sitzen, Veränderungspotenzial an den Abläufen?

Zum Glück komme ich in ein sehr gut eingespieltes und erfahrenes Rathaus-Team. Deshalb muss ich jetzt nicht Steine umdrehen, sondern kann neue hinzufügen. Wir werden uns personell verstärken müssen und uns zunehmend auch über Digitalisierung den steigenden Anforderungen stellen, um dem Bürger den Service zu bieten, den er erwartet.

Früher waren Sie viel beruflich unterwegs, jetzt eher in der Gemeinde. Genießen Sie das?

Ja, ich genieße das sehr. Ich wollte schon lange nicht mehr so viel auf der Straße unterwegs sein. Zudem schätze ich, dass ich nun mit vielen Menschen aus der Gemeinde sprechen kann und Kontakt habe – aktiv gelebte Bürgernähe eben.

Früher arbeiteten Sie als Spezialist in einem Fachgebiet, heute sind Sie quasi Allrounder – macht das mehr oder weniger Spaß? Wo liegen dabei die Unterschiede?

Meine Aufgabe jetzt besteht eher darin, Spezialisten aus allen möglichen Teilgebieten zu koordinieren. Aber ich habe auch Freude, wenn ich Themen über Diskussionen versachlichen kann und sich zusammen mit Experten eine Lösung für die Gemeinde erarbeiten lässt. Im Gemeinderat wünsche ich mir, dass wir alle in eine Richtung schauen und als Team arbeiten. Unser Ziel muss immer sein, für das Wohl der Gemeinde zu arbeiten – das schließt manche kontroverse Diskussion natürlich mit ein, aber immer im konstruktiven Sinne. Ich bin zuversichtlich, dass sich diese Grundeinstellung im neuen Gemeinderat einstellen wird.

Was sehen Sie als die größten Herausforderungen in der Gemeinde Bockhorn für die kommenden Jahre?

Theoretisch vorstellen könnte ich mir das schon, aber mal realistisch: Aus heutiger Sicht werde ich nicht noch einmal antreten, ich möchte dann einer oder einem Jüngeren das Amt überlassen. 

Lorenz Angermaier

In erster Linie sind das Bauleitplanung und Einwohnerentwicklung in unserer Gemeinde. Wegen der zurzeit rückläufigen Einnahmen müssen wir auch ein großes Augenmerk auf unsere an sich gute finanzielle Situation haben. Denn momentan haben wir weniger Einnahmen durch Steuern aller Art. Unsere Ausgaben für die Gemeinschaft, auch für den Landkreis, werden aber nicht weniger. Zudem müssen wir dringend Lösungen für den baldigen Ausbau von Breitbandnetz und Mobilfunk finden. Und Investitionen für die Feuerwehr Grünbach stehen an. Es gäbe noch einige weitere Punkte.

Könnten Sie sich 2026, dann wohl an der Altersgrenze, eine zweite Amtsperiode vorstellen?

Theoretisch vorstellen könnte ich mir das schon, aber mal realistisch: Aus heutiger Sicht werde ich nicht noch einmal antreten, ich möchte dann einer oder einem Jüngeren das Amt überlassen. Ich hoffe sehr, dass sich im Laufe der Jahre jemand zeigt und sich dann um dieses schöne und herausfordernde Amt bewerben wird. Ich will dann meinen Ruhestand genießen.

Was sagt Ihre Familie zu Ihrem Amt? Sie stehen jetzt ja mehr im Fokus der Öffentlichkeit.

Meine Familie steht komplett hinter mir. Meine Frau hat anfängliche Bedenken zerstreut und teilt meine Überzeugung, das Richtige zu tun. Das ist sehr wichtig für mich, und dafür bin ich dankbar.

Letzte Frage: Haben Sie mittlerweile schon wieder ein eigenes Auto? Sie mussten ja Ihren Dienstwagen abgeben.

Ja, ich habe endlich wieder ein eigenes Auto, muss mir keines von den Kindern mehr leihen. Auch besitze ich wieder eigene elektronische Kommunikationstechnik – ich bin also voll arbeitstauglich.

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