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Strenger Blick im einheitlichen Gewand: Hier hat sich die Marianische Jungfrauenkongregation vor der Schule – dem heutigen Gemeindehaus – zum Gruppenfoto versammelt.

Teilnehmerinnen unterzeichnen, dass sie „niemals die unsittliche Mode mitmachen“

Die Marianische Jungfrauenkongregation - eine Vereinigung für „ordentliche Mädchen“

Eine besondere kirchliche Gruppierung war die Marianische Jungfrauenkongregation in Buch am Buchrain. Es gab strenge Regeln. Beitreten konnte jedes „ordentliche Mädchen, das der Sonntagsschule entwachsen ist“.

Buch am Buchrain – Sie sollte die „makellose Jungfrau, Gottesmutter und Himmelskönigin Maria verehren und den Segen der Jungfräulichkeit retten“: 1912 wurde in Buch am Buchrain die Marianische Jungfrauenkongregation gegründet. Nun sind bei der Archivierung des Pfarrbüros neue Unterlagen zur Geschichte dieser früheren Gruppierung aufgetaucht. Nur der genaue Zeitpunkt der Auflösung ist ungewiss.

Kürzlich haben Kirchenpfleger Wolfgang Hipper und seine Vorgängerin Carmen Reinstädler das Pfarrbüro aufgeräumt und Unterlagen archiviert. Zwar entstanden kaum neue Kenntnisse über die Marianische Männerkongregation, die im Juli zum 170. Geburtstag eine eigene Standarte bekam. Dafür über eine andere kirchliche Gruppierung: Briefe, Anträge, Urkunden und zwei handgeschriebene Jahresberichte der Marianischen Jungfrauenkongregation von Buch am Buchrain sind zum Vorschein gekommen.

80 Seiten über die Geschichte der Marianischen Jungfrauenkongregation

Ganz unbekannt ist diese Gruppe in der Gemeinde nicht. In der 2008 erschienenen Chronik wird sie unter „Kirchliche Bruderschaften“ genannt – jedoch nur kurz. Buchs Geschichtsexperte Walter Hipper hat nun zwei Monate lang die Unterlagen studiert und zusammengefasst, sein Bruder Wolfgang tippte die 80-seitige Zusammenfassung ab.

Buchs Pfarrvikar Stephan Reinthaler hatte demnach 1912 den Antrag gestellt, für die weibliche Jugend eine Marianische Kongregation unter dem Namen „Mariae Königin des heiligen Rosenkranzes“ zu gründen. Das Ordinariat des Erzbistums München und Freising antwortete dieser Anfrage im September 1912 zustimmend. Reinthaler als damaliger Pfarrherr von Buch wurde als geistlicher Vorstand und Leiter dieser Kongregation benannt.

Auch zum äußerlichen Erscheinungsbild gab es strenge Vorgaben

Aufgabe der Kongregation war es, die „makellose Jungfrau, Gottesmutter und Himmelskönigin Maria zu verehren und den Segen der Jungfräulichkeit zu retten“. Morgens musste jeweils dreimal das Ave Maria und Salve Regina gebetet werden, abends waren es drei Ave Maria und das Gebet „Unter deinen Schutz fliehen wir“.

Auch zum äußerlichen Erscheinungsbild gab es strenge Vorgaben. Die sogenannte Soldalin hatte sich sittsam zu kleiden, als Schmuck sollte sie etwas Religiöses wie Kränzchen und Marienmedaille tragen. „Gefahren der Unschuld, besonders sündhafte Bekanntschaften, unehrbare Tänze und schlechte Reden“ sollten „mit aller Sorgfalt“ vermieden werden.

„Durchscheinende, durchbrochene und ausgeschnittene Kleider und Blusen“ tabu

Die Teilnahme an Prozessionen, Generalkommunionen oder Beerdigungen war gewünscht im einheitlichen, dunklen Kongregationsgewand. Beitreten konnte der Vereinigung „jedes ordentliche Mädchen, das der Sonntagsschule entwachsen ist“. Die Teilnehmerinnen mussten unterzeichnen, dass sie „niemals die unsittliche Mode mitmachen“. Besonders „durchscheinende, durchbrochene und ausgeschnittene Kleider und Blusen“ waren tabu. Bevorzugt wurde unauffällige, schlichte Kleidung.

Die Einführungs- und Aufnahmefeier der Gruppierung fand am Rosenkreuzsonntag, 6. Oktober 1912, statt. Bei der Wahl des Vorstands wurden 41 Stimmen abgegeben, Rosalia Soller aus Hammersdorf wurde Präfektin. Die Bauerstochter nahm die Wahl erst auf Drängen des Pfarrers an. Assistentinnen waren Rosalia Dondl aus Buch (Schneidertochter) und Anna Bartl aus Haidberg (Bauerstochter), letztere zugleich Kassierin.

Eigene Fahne, finanziert durch Spenden und Beiträgen

102 Jahre früher als Buchs Marianische Männer hatten die Jungfrauen sogar eine eigene Fahne mit Rosenkranzkönigin, Goldfransen, Gold- und Seidenstickerei. Das belegt eine Rechnung aus dem Jahr 1917. Die Standarte wurde im Kriegsjahr durch Spenden und Beiträge der Soldalinnen finanziert und am 17. Mai 1917 geweiht.

Tragisches Ereignis war 1919 der Tod der Präfektin Soller mit 36 Jahren. Die bisherige Assistentin Helene Wurmsam übernahm ihre Nachfolge. Allgemein gestalteten sich die Neuwahlen oft nicht einfach, wie den Jahresberichten zu entnehmen ist. Häufig nahmen die Gewählten die Wahl nicht an. Manchmal wirkte der eindringliche Zuspruch des Pfarrers, oft musste mehrmals gewählt werden.

Weniger Nachfrage - „Zeitgeist mit seinen Lockungen“ als Ursache

Mit der Zeit stockte die Nachfrage. Im Jahresbericht von 1927 ist übermittelt, dass es mehrere Austritte, aber keine Neuaufnahmen gab. Als Ursache wurde der „Zeitgeist mit seinen Lockungen“ genannt. Die Kongregation finde „bei der vergnügungssüchtigen Jugend keinen Anklang, diese will auch nicht gebunden sein“. Von 1912 bis 1926 waren insgesamt 103 Frauen in der Kongregation.

Hipper schmunzelt noch immer über den Spruch: „Mitgliedschaft bis zur Heirat oder bis zur Bahre.“ Manche heirateten oder gingen ins Kloster, andere wurden wegen unsittlichen Verhaltens ausgeschlossen. „Tanzvergnügen zur falschen Zeit oder falsche Kleidung waren Gründe für Strafen oder den Ausschluss“, erläutert Hipper.

Irgendwann hat sich die Marianische Jungfrauenkongregation komplett aufgelöst

Die Informationen zur Jungfrauenkongregation enden 1932. Der damalige Pfarrer Geiß wurde versetzt, sein Nachfolger in Buch, Johann Falkner, unterstützte die Gruppierung nicht mehr. „Er hatte wohl nichts mit ihnen am Hut. Vielleicht war das auch etwas mit Scham verbunden“, vermutet Hipper.

Der 79-Jährige kann sich noch an Beobachtungen als Bub erinnern, dass bei Fronleichnamsprozessionen die Fahne der Jungfrauen getragen wurde. „Aber eine richtige Vereinstätigkeit gab es nicht mehr.“ Irgendwann hat sich die Marianische Jungfrauenkongregation komplett aufgelöst. Das Datum ist nicht dokumentiert.

Markus Ostermaier

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