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Stehen zu ihrer Homosexualität: Martin Kern (l.) und Christoph Sticha.

Homosexualität im Landkreis

„Wir sind ganz normale Leute“

Landkreis – Martin Kern und Christoph Sticha sind homosexuell. Die beiden jungen Kommunalpolitiker berichten, dass auch in der Erdinger Region noch viele Angst vor einem Outing haben.

Händchenhaltend durch die Straßen gehen, sich küssen und sein Glück demonstrieren – für gleichgeschlechtliche Paare ist das keine Selbstverständlichkeit, wie Betroffene erzählen. Bei vielen schwulen, lesbischen oder bisexuellen Menschen ist da die Hemmschwelle enorm groß – besonders auf dem Land. Christoph Sticha aus Wartenberg und Martin Kern aus Buch am Buchrain können das bestätigen. Die beiden jungen Kommunalpolitiker sind schwul und machen kein Geheimnis daraus.

Sticha studiert derzeit Mathematik- und Informatik-Lehramt in München und ist seit vielen Jahren aktiver Unterstützer der Grünen. Der 21-Jährige, der glücklich in einer Beziehung mit einem Mann ist, geht nach eigenen Angaben „ziemlich offen“ damit um, dass er schwul ist. Durch das Interview mit unserer Zeitung outet er sich nun vor einem noch größeren Personenkreis.

Kerns sexuelle Orientierung wurde vielen bei seiner Bürgermeister-Kandidatur 2014 bekannt. Er ist Vorsitzender der Landkreis-SPD und betreibt einen Internethandel. Als der heute 32-Jährige noch Lehrer an einer katholischen Schule war, konnte er nicht so offen damit umgehen. „Das war zu riskant.“ Erst am letzten Schultag erzählte Kern, früher wohnhaft im schwäbischen Buchdorf (Landkreis Donau-Ries), den Schülerinnen von seiner Homosexualität und half einer jungen Frau beim Outing. Kern ist mittlerweile mit seinem aus Buch stammenden ersten Freund verheiratet.

Für Kern sei es damals nicht in Frage gekommen, seine Liebe zu einem Mann zu verheimlichen. „Meine Eltern waren beim Outing überrascht und anfangs überfordert. Viele haben zu dem Zeitpunkt eben Angst, was die anderen denken, dabei sind wir ganz normale Leute.“

Sticha brauchte Zeit, um so selbstsicher wie heute auftreten zu können. „Ich habe im Nachhinein gemerkt, welche Last von mir weggefallen ist. In meinem sozialen Umfeld hat niemand ein Problem damit, dass ich schwul bin“, erklärt der Vorstandssprecher der Kreis-Grünen.

Plädoyer für Beratungsstelle

Um junge Menschen mit gleichgeschlechtlichen Interessen beim Outing zu unterstützen, hatten SPD und Grüne im Dezember im Kreistag die Einrichtung einer Beratungsstelle beantragt. Der Antrag wurde abgelehnt, das ärgert Kern und Sticha noch immer. Derartige professionelle Unterstützung gebe es bisher vor allem in Städten. Die Antragsteller überraschte, dass die Mehrheit den Vorschlag nicht einmal wegen den Kosten ablehnte. Sauer stößt ihnen noch immer die eigentliche Begründung vieler Mitglieder auf: „Es gibt angeblich in unserem Landkreis keinen Bedarf für so eine Beratungsstelle. Dabei trauen sich bei uns die meisten Schwulen nicht, offen damit umzugehen“, kritisiert Sticha, der selbst Kreisrat ist.

Durch dieses Signal werde das Tabu weiter verstärkt. „Es entsteht der falsche Eindruck, dass es bei uns keine Schwulen gibt. Und es zeigt uns, dass die damit verbundenen Probleme hier nicht wahrgenommen werden.“ Sticha selbst wurde schon in München als „asozial“ beschimpft, als er mit einem Mann händchenhaltend spazieren ging.

„Viele wären für eine Hilfe dankbar, wie sie selbstbewusst mit ihrer Sexualität umgehen können“, meint auch Kern. „Das Thema Homosexualität existiert ja augenscheinlich gar nicht in unserem Landkreis.“ Daher wäre eine Beratungsstelle seiner Ansicht nach „nicht falsch investiertes Geld.“

„Erding ist einfach noch traditioneller und ländlicher. In einer Großstadt ist es leichter, sich zu outen“, berichtet Kern. Beispielsweise in München, so ergänzt Sticha, werde der Umgang damit durch Vereine oder Freizeitangebote wie Stammtische vereinfacht. Der Student fände es auch sinnvoll, mehr Aufklärungsprojekte an Schulen durchzuführen.

Die Grüne Jugend hat in der Vergangenheit in Erding schon eine Fotoaktion oder mit Unterstützung der SPD-Jusos einen Infostand zur Homo-Ehe veranstaltet. Sticha ist Fan des „Christopher Street Day“, einem Fest- und Demonstrationstag von Lesben und Schwulen. Er könnte sich vorstellen, irgendwann eine ähnliche Veranstaltung in Erding zu organisieren.

Markus Ostermaier

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