Statthalter der Bundesbehörde für Migration und Flüchtlinge: Volker Grönhagen und Michael Mäusly (v. l.). F.: ham

Die Bürgermeister der 27. Gemeinde

Erding - In Erding gibt es zwei Bürgermeister, die kaum einer kennt: Volker Grönhagen und Michael Mäusly. Die beiden früheren Soldaten leiten seit Ende 2015 den Warteraum Asyl. Das Besondere an der 27. Gemeinde im Landkreis im Fliegerhorst: Bürger ist man hier nur für ein paar Stunden.

Als ab Sommer 2015 immer mehr Asylbewerber nach Deutschland kamen, erinnerten sich Volker Grönhagen (59) und sein ein Jahr jüngerer Kollege Michael Mäusly an ihre alte Dienstpflicht bei der Bundeswehr. Beide wollten trotz ihrer Pension und damit abgesicherten Zukunft ihren Beitrag bei der Bewältigung einer historischen Aufgabe leisten. Grönhagen, zuletzt Oberstleutnant, und der frühere Hauptmann Mäusly bewarben sich beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf). Jetzt sind sie im Erdinger Nordosten Statthalter der Bundesbehörde als Rechtsträger des Wartraums.

„Ich verfüge über internationale Erfahrung“, berichtet Mäusly und erinnert an sein Engagement bei den Bundeswehr-Auslandseinsätzen unter anderem im Iran und in Bosnien. Der Luftwaffenangehörige war in der Flugsicherung tätig und kennt sich auch deswegen mit administrativen Vorgängen aus. Im September hatte sich der Hauptmann beworben, am 7. Dezember trat der Augsburger im Warteraum Asyl seinen Dienst an.

Einige Wochen früher kam Grönhagen nach Erding - als Nachfolger des in Erding hoch geschätzten Heiko Werners. Auch Grönhagen hat vielfache internationale Erfahrungen und war unter anderem in Afghanistan, im Kosovo, in Bosnien und in Kroatien eingesetzt. Mit diesem Knowhow bewarb er sich beim Bamf. „Erst tat sich einige Zeit nichts. Als dann Frank-Jürgen Weise die Behörde übernahm, ging alles sehr schnell“, erinnert sich Grönhagen. „Es ist immer besser, wenn man zum ersten Kontingent gehört, denn dann kann man etwas Neues aufbauen, kann wirklich etwas bewegen.“ In Camp Shelterschleife in Erding werde nach wie vor Pionierarbeit geleistet. Der Fliegerhorst und die Gäubodenkaserne bei Straubing sind bekanntlich die bundesweit ersten Flüchtlings-Drehscheiben für bis zu 5000 Menschen.

Grönhagen ist in der Oberpfalz seit vielen Jahren kommunalpolitisch aktiv, Mäusly kennt den Lokaljournalismus aus eigener Tätigkeit bei der Augsburger Allgemeinen. Deswegen halten sie den Vergleich des Warteraums mit einer Stadt für gar nicht so abwegig. „Tatsächlich sind wir wie ein eigener Ort, mit Ver- und Entsorgung, mit Wasserleitungen und Abwasserentsorgung, mit Energieerzeugung und Infrastruktur für die Bewohner“, sagt der Oberstleutnant. Apropos Bewohner: Hier liegt der entscheidende Unterschied. „Unsere Bürger bleiben nur wenige Stunden, aktuell in der Hauptsache 24, sonst 48 Stunden.“ Kein Flüchtling soll länger als drei Tage in Camp Shelterschleife bleiben.

Stahlblech-Container

statt Rathaus

„Diese Frist wurde nicht einmal ansatzweise erreicht“, erklärt Grönhagen. Mäusly ergänzt, dass das Maximum bei 2500 Personen in einer Nacht gelegen habe. Das Maximalvolumen von 5000 könnte erreicht werden, wenn alle Migranten von der Grenze erst einmal nach Erding gebracht werden, um dann über die Bundesländer verteilt zu werden.

Die Bürgermeister wohnen auch nicht in ihrer Gemeinde, sondern in Hotels in Erding. Von ihren Familien in Regensburg und Augsburg haben Grönhagen und Mäusly auch über die Feiertage nicht viel gesehen. Und: Ihr Rathaus ist keineswegs repräsentativ. Sie arbeiten in schnöden Stahlblech-Containern.

Ansonsten gibt es erstaunlich viele Beispiele, die den Vergleich des Camps mit einer Gemeinde belegen. „Ohne Ehrenamt wäre es auch bei uns viel schwerer“, versichert Grönhagen und dankt der Flüchtlingshilfe Erding, deren rund 100 Ehrenamtliche rund um die Uhr vor Ort seien und sich nicht nur um die Ankommenden kümmerten, sondern auch die Einkleidung aus Spendentextilien perfekt organisiert hatten.

Nicht minder wichtig ist die Zusammenarbeit mit der Bundeswehr. Grönhagen lässt keinen Zweifel: Ohne die Soldaten aus allen Teilstreitkräften ginge nicht viel. Die einen kümmerten sich ums Camp, die anderen unterstützen die täglichen Abläufe wie die Registrierung und Unterbringung. Fast alle hätten sich freiwillig gemeldet, Gebirgsjäger ebenso wie Marine-Soldaten. „Und viele wollen in Erding verlängern“, freut sich Grönhagen.

Ebenbürtiger Mitspieler ist das Rote Kreuz, das den Betrieb in Camp Shelterschleife stemmt. Das Deutsche Rote Kreuz gibt aktuell immer mehr Aufgaben ans Bayerische Rote Kreuz ab. Die internationale Hilfsorganisation ist unter anderem für die (ärztliche) Versorgung und Verpflegung zuständig.

Und warum genießen Grönhagen und Mäusly nicht einfach ihren Ruhestand? Wegen des Geldes haben sich die beiden sicher nicht für die Auszeit vom Pensionistendasein entschieden. „Unser Gehalt hier wird ja angerechnet“, erklärt Mäusly. „Unsere Motivation war, in historisch bedeutsamen und vielleicht einmaligen Zeiten unseren Beitrag zu leisten und mit anzupacken.“

Camp-Chef Grönhagen fasst sich kurz: „Wenn man einmal in die Gesichter der Flüchtlinge geblickt hat, die übermüdet, krank, dehydriert und traumatisiert abends hier ankommen, und dann die gleichen Menschen sieht, wenn sie sich ausgeruht, beruhigt, gestärkt und ein Leben in Sicherheit vor sich haben, dann merkt man sofort, dass man genau das Richtige tut.“

Hans Moritz

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