Unzertrennlich seit 1976: das Ehepaar Anderl.
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Unzertrennlich seit 1976: das Ehepaar Anderl.

„Irgendwann muss man es durchziehen, sonst...“

Claudia war früher Georg: Mann wird im falschen Körper geboren - und wagt Geschlechtsangleichung

Schon als Kind unterschied sich Claudia Anderl von Gleichaltrigen. Der Grund: Sie wurde als Mann geboren, spürte aber eine feminine Veranlagung. Heute möchte sie anderen Transsexuellen Mut zusprechen.

Altenerding – Jahrzehntelang hat sich Claudia Anderl in ihrer Haut unwohl gefühlt. Der Grund: Sie wurde als Mann geboren, spürte aber bereits als Kind ihre feminine Veranlagung, die sie jedoch immer wieder verdrängte. Der Weg der Selbstfindung bis zur Geschlechtsangleichung war für die heute 64-Jährige alles andere als einfach. Seit dem Vorjahr ist der langjährige Prozess abgeschlossen und die selbstbewusste, verheiratete Erdingerin kann nun ganz offiziell sagen: „Ich bin eine Frau.“

Altenerding: Georg hat „schöne und normale Kindheit“ - doch in einem Punkt unterscheidet er sich von anderen Jungen

Geboren wurde Claudia Anderl am 24. Oktober 1956 in Erding – allerdings als Georg. Seinen eigenen Namen hat Georg nie gemocht, ebenso wenig den bayerisch abgewandelten Spitznamen Schorsch und die Bezeichnung „Burle“ der Eltern. Die dreiköpfige Familie lebte in Altenerding mit den Großeltern in einem Mehrfamilienhaus.

Der Vater arbeitete als Bierfahrer und später als Tourenleiter, die Mutter war Hausfrau. Georg hatte eine „schöne und normale Kindheit“, traf sich gern zum Spielen mit anderen Kindern. Rückblickend genoss er es, noch anders aufgewachsen zu sein als die heutige Generation – ohne Computer und Handy. Der Bub besuchte die Erdinger Volksschule, hatte durchschnittliche Noten.

Als Georg wurde Claudia Anderl 1963 eingeschult.

Eines unterschied Georg Anderl jedoch von anderen Burschen: Ihm gefiel Frauenkleidung. Heimlich probierte er Kleider der Mutter an, stets in der Angst, erwischt zu werden. Warum er dieses Verlangen hatte, konnte sich der kleine Georg damals nicht erklären. Er behielt seine Gefühle für sich und unterdrückte diesen Drang.

Nach der Schule absolvierte Georg, der 30 Jahre lang aktives Mitglied der Feuerwehr Altenerding war, eine Ausbildung zum Automechaniker in Erding. Er blieb in seinem Berufsleben den handwerklichen Tätigkeiten treu, arbeitete in der Region als Dreher oder Lagerist.

Landkreis Erding: 1976 lernt Georg seine große Liebe Rosa kennen - Paar bekommt zwei Kinder

Eines der wichtigsten Ereignisse im Leben von Georg Anderl war Anfang 1976. Beim Faschingsball im Unterbräu in Markt Schwaben lernte er die gleichaltrige Rosa Staimer kennen. Es funkte sofort. „Wir waren gerade 19, also blutjung. Aber es hat vom ersten Moment an gepasst“, erinnert sich Rosa.

Sie war Georgs erste große Liebe. Nur zwei Jahre später lebte Rosa schon bei ihrem Partner im Altenerdinger Mehrfamilienhaus, das Paar heiratete am 1. September 1978 im Standesamt, am Folgetag kirchlich. Das Glück der Eheleute wurde 1982 und 1985 gekrönt durch die Geburt ihrer beiden Töchter.

Eine Liebesheirat: Georg und Rosa

Das Familienleben und die Kinder beim Aufwachsen zu begleiten, war für die Eltern eine schöne Zeit, die sie sehr genossen. Georg Anderl führte nach außen ein normales Leben, kleidete sich wie ein gewöhnlicher Mann. In seinem Inneren sah es jedoch ganz anders aus. Die Gedanken aus seiner Kindheit und die femininen Gefühle begleiteten ihn auch als Erwachsener. Nach und nach wurde dieser Drang intensiver.

Gefühl, im falschen Körper geboren zu sein, wird immer deutlicher: „Die Frau in meinem Kopf ist immer größer geworden“

Als er 1996 in einem Restaurant einen italienischen Ober mit langer Mähne sah, war der Erdinger begeistert. Georg beschloss, sich von der Kurzhaarfrisur zu verabschieden und seine Haare wachsen zu lassen. Aber auch seine Faszination für weibliche Kleidung, Schminke oder Frauenschmuck stieg über die Jahre. „Ich konnte mir anfangs selbst nicht erklären, warum das so ist“, sagt Claudia Anderl heute. Jedoch wurde das Gefühl, sich im falschen Körper geboren zu fühlen, mit der Zeit immer deutlicher. „Die Frau in meinem Kopf war am Anfang noch ziemlich klein. Die letzten 20 Jahre ist sie aber immer größer geworden.“

„Ich war geschockt, und mir ist die Luft weggeblieben“

Ehefrau Rosa Anderl

Georg wandelte sich schrittweise, trug irgendwann neben den langen Haaren Ohrringe und interessierte sich für Rosas Kleider. Das entging auch seiner Frau nicht. Sie merkte, dass ihr Mann sich verändert hatte. 2002 sprach sie ihn darauf an. Der damals 46-Jährige nahm seinen ganzen Mut zusammen und offenbarte Rosa seine feminine Identität. Er sagte ihr, dass er gern eine Frau wäre. Rosa war die erste Person, der Georg seine transsexuelle Veranlagung anvertraute.

Transsexuelle Veranlagung: Georg vertraut sich seiner Frau an - „Wollten einen gemeinsamen Weg finden, denn wir wollten zusammenbleiben“

„Ich war geschockt, und mir ist die Luft weggeblieben“, erinnert sich Rosa. Ihre größte Angst: Sie könnte durch einen Mann ersetzt werden. Doch dahingehend konnte ihr Partner sie beruhigen: „Rosa war immer meine große Liebe und ist es auch heute noch.“ Die 46-Jährige war erleichtert, dass sich an den Gefühlen ihres Mannes für sie nichts geändert hatte. Die unerwartete Neuigkeit musste Rosa trotzdem erst verarbeiten. „Wir wollten einen gemeinsamen Weg finden, denn wir wollten zusammenbleiben“, erzählt sie.

Da Georg nach seinem Geständnis begann, sich offen weiblicher zu kleiden, wurden bald die Töchter eingeweiht. Auch sie akzeptierten die gefühlte sexuelle Identität ihres Vaters. Bis heute ist die Bindung zwischen ihnen sehr eng. Beide Kinder leben noch immer im Mehrgenerationenhaus der Anderls. Die ältere Tochter hat selbst zwei Mädels, die den Großeltern sehr viel Freude bereiten.

Auch Georgs Eltern erfuhren durch die neue Offenheit ihres Sohnes von seiner Neigung und waren anfangs überrascht. Georg ließ sich davon allerdings nicht beirren, zeigte seine Veranlagung immer ausgeprägter. Als sein Vater 2009 verstarb, besaß der Sohn nur noch Frauenkleidung. Seine Männerklamotten hatte er entsorgt. Die Frage der Mutter, ob Georg zur Beisetzung nicht in alter Kleidung des Vaters kommen möchte, lehnte der Sohn ab. Stattdessen erschien er am Friedhof mit Rock, Mantel und Stiefeln. „Ich habe gesagt: Das bin nun ich.“

Erding: Georg legt sich weiblichen Vornamen zu - Alltag der Eheleute verändert sich

Selbst als eine Geschlechtsangleichung noch kein konkretes Ziel war, wollte Georg lieber einen weiblichen Vornamen tragen. Gemeinsam mit Rosa legte er sich auf Claudia fest. „Der hat mir einfach gut gefallen“, blickt Rosa zurück. Die Ehe der beiden verlief auch unter den neuen Rahmenbedingungen weiter harmonisch. Der Alltag veränderte sich, als Claudia vor fast zehn Jahren im Alter von 55 Jahren ihren Job verlor. Das Paar einigte sich, dass Rosa künftig die Hauptverdienerin ist. Die gelernte Bankerin ist inzwischen beim Landkreis als Reinigungsfachkraft angestellt. Claudia kümmert sich seitdem um Haus und Garten und hat sich zur leidenschaftlichen Köchin entwickelt.

Claudia möchte offiziell eine Frau sein: Auslöser ist zufällige Begegnung mit Transsexueller

Der Auslöser, seit wann und weswegen Claudia ganz offiziell eine Frau sein möchte, ist eine zufällige Begegnung mit einer anderen Transsexuellen. Sie lernte die Erdingerin 2011 beim Lasern ihrer Barthaare kennen. Claudia erhielt von der Frau Informationen über den chirurgischen Prozess und eine Empfehlung für einen Psychologen. Deren Gutachten ist Pflichtbestandteil jeder Geschlechtsangleichung.

Georg auf seinem Motorrad

In Claudia reifte das Interesse an den Operationen. Sie wollte endlich eine „innere Zufriedenheit“. Der Weg bis zu dieser Entscheidung ist allerdings steinig und lang: „Man muss sich das vorstellen wie eine sehr große Leiter. Man steigt etwas hoch, aber dann doch wieder ein paar Schritte runter, weil man natürlich auch Angst hat.“ Als im Oktober 2013 der erste Termin mit einem Münchener Psychologen anstand, zweifelte Claudia nicht mehr: „Ich wollte das nun unbedingt durchziehen.“

Mit ihrer transsexuellen Veranlagung ist Claudia Anderl nicht alleine. Gemäß dem Bundesamt für Justiz wurden an den deutschen Amtsgerichten im Jahr 2019 2582 Verfahren nach dem Transsexuellengesetz – also Geschlechts- und Namensänderungen – behandelt. Wie das Online-Portal Statista informiert, wurden im selben Jahr in den deutschen Krankenhäusern 2324 operative Geschlechtsangleichungen durchgeführt.

Geschlechtsangleichung: Mehrjähriges Verfahren vor Operation - Claudia spürt Veränderung ihres Körpers

Vor diesen Operationen gilt es, ein mehrjähriges Verfahren zu durchlaufen. In einer 18-monatigen Psychotherapie wurde bestätigt, dass Georg Anderl tatsächlich falsch im männlichen Körper geboren wurde. Ab 2014, sechs Monate nach dem Behandlungsstart, erhielt die Patientin Hormone. „Für die Operationen braucht man die Blutwerte und den Hormonstatus einer Frau“, erläutert sie. Diese Mittel muss sie lebenslang zu sich nehmen. Die Erdingerin entschied sich für Hormone in Form einer Creme, die sie täglich an Oberarmen und Oberschenkeln aufträgt.

Mit der Zeit spürte Claudia die Veränderung ihres Körpers. Ihr wuchsen Brüste, das Gesicht wurde femininer. „Außerdem habe ich viel Kraft verloren, und man wird total sensibel.“ Ehefrau Rosa bestätigt: „Das ist wie eine späte Pubertät.“ Nie vergessen werden die Anderls den 24. April 2015. Das Amtsgericht München fasste ein rechtskräftiges Urteil zur Personenstandsänderung. Somit war offiziell: Georg heißt nun Claudia. „Das war schön, als ich zum ersten Mal den Ausweis mit meinem neuen Namen gesehen habe“, erinnert sich die heute 64-Jährige.

Ein weiterer wichtiger Schritt vor den beiden geschlechtsangleichenden Operationen war anschließend die Klärung der Kostenübernahme, wofür alle Gutachten notwendig waren. Nach einer gewissen Zeit gab es aber die Zustimmung von Claudias Krankenkasse. Ursprünglich hatte die Transfrau bereits für 2016 einen OP-Termin anvisiert. Aufgrund der ungewissen Entwicklung einer Krankheit ihrer Mutter nahm sie aber Rücksicht und verschob ihre Geschlechtsangleichung.

Man muss das durchziehen, sonst geht man irgendwann kaputt.

Claudia Anderl

Erst nach deren Tod 2018 nahm Claudia Anderl ihr Ziel erneut in den Fokus. Am 25. März 2019 fand schließlich die erste sechseinhalbstündige Operation statt. Die Patientin musste danach 24 Tage lang im Erdinger Krankenhaus bleiben. Die zweite OP am 13. Mai 2020 dauerte nur noch zwei Stunden.

Von ihrem Operateur Dr. Cvetan Taskov, der international für seine Transgender-Fachkenntnisse bekannt ist, ist Claudia sehr begeistert. Nach der ersten OP hatte die damals 62-Jährige starke Schmerzen. Es dauerte drei bis vier Monate, bis sie wieder richtig laufen konnte. Heute ist sie vollständig genesen und bei bester Gesundheit, wie sie erfreut berichtet. Nur manchmal muss sie zu Kontrolluntersuchungen.

Nach Geschlechtsumwandlung: Tiefe Stimme bleibt - Ehefrau Rosa stets an Claudias Seite

Nicht verändert durch die Eingriffe hat sich ihre tiefe Stimme. Hierfür gebe es separate OP-Möglichkeiten, die Claudia jedoch zu langwierig und gefährlich sind. Immer an ihrer Seite während des gesamten Prozesses war Ehefrau Rosa. Dass sie nun nicht mehr einen Mann, sondern eine Partnerin hat, daran hat sie sich längst gewöhnt: „Für mich ist das Alltag und komplett normal. Es ist jetzt sogar noch schöner, weil Claudia glücklicher ist.“ Ihre Ehe besteht nun aus zwei Frauen. „Wir sind ein crazy Paar“, scherzt Claudia. Die Anderls zeigen offen, dass sie zusammen gehören, gehen immer händchenhaltend spazieren. In der Öffentlichkeit hätten sie noch nie schlechte Erfahrungen gemacht.

Sie loben auch die aufgeschlossene Reaktion der Nachbarn in den vergangenen Jahren. Allgemein hat Claudia keine Scham, anderen Menschen von ihrer Transsexualität zu erzählen. „Ich hau’ das einfach so raus“, sagt sie immer wieder in ihrem sympathischen Bairisch. Woher sie ihr starkes Selbstbewusstsein hat, kann sie selbst nicht sagen.

Claudia möchte andere Transsexuelle ermutigen, Geschlechtsangleichung zu wagen

Heute ist Claudia klar, dass sie schon als Kind ein Mädchen sein wollte. Damals konnte sie diese Gedanken aber noch nicht einordnen. „Und ich konnte ja mit niemandem darüber reden.“ Heute hätten es Transgender ihrer Auffassung nach etwas leichter. Sie könnten ihre Gefühle ins Internet eingeben und so auf die Definition Transsexualität stoßen. Diese sei inzwischen auch kein Tabuthema mehr. „Heute ist alles viel offener“, findet die 64-Jährige. Sie ist froh, dass sie sich nun so zeigen kann, wie sie sich immer gefühlt hat.

Claudia Anderl kennt mehrere Transgender. In Taskovs Klinik hat sie immer wieder Patienten besucht, die nicht aus der Region stammten und deshalb sonst keinen Besuch bekamen. Die 64-Jährige möchte andere Transsexuelle ermutigen, die Geschlechtsangleichung zu wagen. „Man muss das durchziehen, sonst geht man irgendwann kaputt.“ Eine derart tolerante und unermüdliche Unterstützerin, wie Claudia sie in ihrer „Rosl“ gefunden hat, sei für so eine große Veränderung allerdings unverzichtbar. (Markus Ostermaier)

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