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18 Tote hat die Corona-Pandemie im Heiliggeist-Altenheim Erding (Bild links) gefordert, so viele wie in keiner anderen Einrichtung.

Menschenleben vorsätzlich aufs Spiel gesetzt?

Schwere Corona-Vorwürfe gegen Altenheim: Ungewöhnliche Häufung bei Infektionen und Todesfällen - Kripo ermittelt

  • Hans Moritz
    vonHans Moritz
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In keiner Einrichtung im Landkreis hatte Covid-19 derart verheerende Auswirkungen wie im Heiliggeist-Altenheim in Erding. 18 Bewohner starben in der zweiten Welle an der Pandemie. Nun interessieren sich Kripo und Staatsanwaltschaft für die Häufung an Todesfällen in dem Heim.

Erding Die Berichterstattung unserer Zeitung rief die Fahnder auf den Plan. Konkrete Beschuldigte gibt es noch nicht. Zudem gilt es als schwierig, einzelnen Beschäftigten eine vorsätzliche Gefährdung der hoch betagten und zumeist erheblich vorerkrankten Bewohner nachzuweisen. Dis bisher gesichteten Unterlagen ergeben aber Hinweise, dass teilweise zumindest sehr unvorsichtig und fahrlässig gearbeitet worden sein dürfte.

Corona in Erding: 18 Bewohner aus Altenheim sterben - Unterschätzte Heimleiter die Gefahr?

Als der Erdinger/Dorfener Anzeiger im Februar dieses Jahres aufdeckte, dass in dem von der städtischen Heiliggeist Spitalstiftung betriebenen Alten- und Pflegeheim mit damals 130 Bewohnern 18 an oder mit dem Sars-CoV-2-Virus gestorben waren, waren dies 20 Prozent der damals 90 Covid-19-Toten im Landkreis Erding. Bis heute hat die Pandemie 118 Todesopfer gefordert.

Im Fokus stand bereits damals Heimleiter Georg Edenhofer. Er soll die Gefahr nach Aussagen Betroffener unterschätzt und heruntergespielt haben. In der schlimmsten Phase im Dezember 2020 soll er dann längere Zeit gar nicht im Haus gewesen, sondern krankgeschrieben gewesen sein. 87 Bewohner und 25 Mitarbeiter hatten sich in der zweiten Welle mit dem Corona-Virus infiziert. Im Februar galt das Heim dann wieder als ansteckungsfrei.

Corona in Erdinger Altenheim: Ungewöhnliche Häufung an Infektionen und Todesfällen - Staatsanwaltschaft eingeschaltet

Diese ungewöhnliche Häufung an Infektionen und vor allem Todesfällen hat nun die Strafverfolgungsbehörden auf den Plan gerufen. Entsprechende Informationen unserer Zeitung bestätigte am Freitag Thomas Steinkraus-Koch von der Staatsanwaltschaft Landshut.

Allerdings handle es sich bislang nur um eine Vorprüfung und noch nicht um offizielle Ermittlungen. „Es gilt festzustellen, ob Personal Bewohner vorsätzlich, also mit Absicht gefährdet hat“, so Steinkraus-Koch. Dafür gebe es bislang keine Hinweise.

Die ermittelnde Kripo Erding hat vom Gesundheitsamt Unterlagen zu den Verstorbenen angefordert und wertet diese aus. Aktuell liegen die Akten bei der Staatsanwaltschaft, die nun die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens prüft, das sich gegen Heim- und Pflegedienstleitung richten dürfte, möglicherweise aber auch gegen einzelne Pflegekräfte.

Corona-Fälle in Altenheim: Schwerwiegende Vorwürfe - infizierte und nicht-infizierte Heimbewohner im selben Zimmer gelassen?

Nach Informationen unserer Zeitung gibt es erste schwerwiegende Vorwürfe. So sollen infizierte und nicht-infizierte Bewohner nicht zügig getrennt worden, sondern in denselben Zimmern gelassen worden sein. Auch gibt es Hinweise, dass Pflegende sich zunächst um corona-positive und dann um nicht angesteckte Senioren gekümmert und so das Virus weitergetragen haben.

Strafrechtlich relevant ist das laut Staatsanwaltschaft aber erst dann, wenn es absichtlich geschehen ist. „Ansonsten handelt es sich um Ordnungswidrigkeiten nach dem Infektionsschutzgesetz“ erklärt Steinkraus-Koch. Diese zu ahnden, wäre Aufgabe des Landratsamts.

Dessen Sprecherin Daniela Fritzen konnte am Freitag wegen des Brückentags noch keine Angaben machen, ob solche Ordnungswidrigkeitsgelder verhängt wurden. Die Übergabe von Patientendaten wollte sie weder dementieren noch bestätigen.

Corona-Infektionen in Altenheim: Schwerwiegende Vorwürfe - Heimleiter noch im Amt, aber nicht mehr lange

Im März teilte Edenhofer dann mit, das Heim zu verlassen. Die Stiftung schrieb die Stelle daraufhin aus. Stiftungs-Geschäftsführer Reinhard Böhm, der auch Geschäftsleitender Beamter im Rathaus ist, berichtete auf Anfrage, dass Edenhofer derzeit nach wie vor Heimleiter sei. Die Nachfolge werde man aber noch im Juni bekannt geben. Konkreter werden wollte Böhm nicht.

Die Covid-19-Ansteckungsgefahr ist im Heiliggeist-Heim nach wie vor akut gegeben. Rathaussprecher Christian Wanninger berichtet, dass gerade einmal 32 Mitarbeiter – das ist weniger als ein Drittel der Belegschaft – geimpft sei. Eine ganze Reihe habe sich nicht immunisieren lassen wollen, räumt er ein. Allerdings wollen mehrere Angestellte einen neuerlichen Impftermin im Juni nutzen. „Was zu dem Sinneswandel führte – Erfahrungen mit der Krankheit unter Kollegen/Bewohnern oder neu gewonnenes Vertrauen in den Impfstoff – lässt sich nicht ermitteln“, sagt Wanninger.

Corona in Erding: Geringe Impfquote in betroffener Einrichtung

Von den 120 Bewohnern sind 52 geimpft. Die geringe Zahl lässt sich aber mit den vielen Infizierten erklären, die frühestens ein halbes Jahr nach einer Infektion geschützt werden müssen, weil sie noch immun sind. (ham)

Die Ärzte im Isental (Landkreis Erding) starten die nächste große Biontech-Impfaktion. Am Wochenende, 12./13. Juni, werden 2400 Dosen verimpft. Die Hälfte der Termine ist aber schon reserviert. Übrigens: Alles aus der Region gibt‘s jetzt auch in unserem neuen, regelmäßigen Erding-Newsletter.

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