Verzweifelt (v. l.): Christian Dolch, Franz Wunschik, Diana Dolch, Brigitte M., Odin Vollrath und Stefan Zimmer.
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Verzweifelt (v. l.): Christian Dolch, Franz Wunschik, Diana Dolch, Brigitte M., Odin Vollrath und Stefan Zimmer.

„Die Nerven liegen blank“

Nach Hochwasserkatastrophe in Region Erding: 24 Familien müssen Zuhause verlassen - „Stadt lässt uns im Stich“

Wegen den Schäden an ihren Häusern mussten 24 Familien nach dem Hochwasser in Oberdorfen vorläufig ausziehen. Die Betroffenen fordern mehr Hilfe von Stadt.

Oberdorfen – Krisensitzung in der Siedlung Am Seebach: Knapp eine Woche nach der Hochwasserkatastrophe ziehen die Anwohner Bilanz. Es herrscht Aufbruchstimmung, viele müssen ihre Häuser verlassen – und viele sind unterversichert, weil die Hausratversicherung bei Überschwemmungen den Schaden nicht übernimmt. Die Geschädigten wünschen sich ein städtisches Krisenmanagement vor Ort und brauchen dringend finanzielle Unterstützung.

Schwere Unwetter im Landkreis Erding: Aufbruchstimmung in Oberdorfen

Brigitte M. wohnt seit 2002, also von Anfang an, in der Siedlung Am Seebach. Vier Jahre nach dem Einzug wurde erstmals ihr Keller überschwemmt. Da habe sie auch erfahren, dass hier früher ein Hochwassergebiet war, erzählt sie: „Vor 100 Jahren war hier der Dorfweiher.“ Eine Überflutung passiere immer mal, hieß es damals: „Ich kämpfte alleine, allen anderen war der Schaden wurscht.“ Beim großen Hochwasser 2013 überflutete das Wasser erneut ihren Keller.

Damals sei Bürgermeister Heinz Grundner sehr kooperativ gewesen, sagt M. Ein Gutachten wurde angefordert, und ein Schutzwall sollte errichtet werden. Dazu hätte die Stadt der Kirche aber eine Wiese abkaufen müssen. Die Anwohner ärgern sich, dass seitdem nichts geschehen ist. Sie glauben, dass die katholische Kirche den Grund nicht verkaufen wollte. Dies stimme nicht, erklärt eine Sprecherin des Erzbischöflichen Ordinariats München. „2006 gab es einen Ortstermin mit Vertretern der Stadt, seitdem gab es keine Kontaktaufnahme“, berichtet sie. Die Stadt habe nicht um den Kauf der Fläche ersucht. Die Kirche sei aber durchaus bereit zum Verkauf.

Zudem stehen viele Fragen im Raum. „Warum hat der Stadtrat in einem bekannten Hochwassergebiet den Bau der Siedlung genehmigt?“, fasst Anwohner Odin Vollrath stellvertretend für seine Nachbarn zusammen. Und: „Waren die Schutzmaßnahmen ausreichend, oder hätte die Überflutung der Häuser verhindert werden können?“

Nach Hochwasserkatastrophe im Landkreis Erding: Bürger fühlen sich im Stich gelassen

„Wir sind bei der Überschwemmung vergangenen Montag zum ersten Mal abgesoffen“, meint Stefan Zimmer. Und weiter: „Jetzt saufen wir zum zweiten Mal ab, weil uns die Stadt im Stich lässt – viele sind gerade am Ertrinken“, so beschreibt der Siedlungssprecher die finanzielle Situation der Betroffenen. Sofortmaßnahmen seien bitter nötig, ein Unterstützungsfonds etwa, damit spezielle Hochwasserfenster in die Häuser eingebaut werden können. „Es wurde der Katastrophenfall ausgerufen, da müssen die Stadt, der Landkreis Erding oder auch der Freistaat Bayern Ressourcen freigeben, damit wir die Häuser einheitlich ertüchtigen können“, sagt Zimmer.

Generell fühlen sich die Leute von der Stadt im Stich gelassen, sagen sie. Vereine, Betriebe und einzelne Bürger bieten ihre Hilfe an, doch diese müsste koordiniert werden. Aber statt zu agieren, reagiere die Stadt nur, so Zimmer. Zwar habe Bürgermeister Grundner auf Druck der Anwohner nun versprochen, einen städtischen Koordinator zu benennen. Doch der sitze im Rathaus. „Wir brauchen aber eine Taskforce direkt vor Ort“, fordert Zimmer.

24 Familien müssten ihren Umzug koordinieren, erklärt der Siedlungssprecher weiter. Die Logistik könnte dabei die Stadt übernehmen. Erst am Freitag haben etliche Anwohner nämlich erfahren, dass sie in den kommenden Monaten nicht in ihren Häusern leben können. Darunter viele Familien mit Kindern, die aktuell im Hotel am Marienhof oder in den Appartements an der B 15 untergebracht sind.

Oberdorfen: Familien müssen Zuhause verlassen - „Die Nerven liegen blank“

„Das ist keine Dauerlösung“, so Anwohner Franz Wunschik. Er berichtet von Familien, deren Häuser nicht adäquat versichert waren: „Bei Brand, Diebstahl oder einem Wasserrohrbruch zahlt die Versicherung, bei Hochwasser nicht. Wer keine zusätzliche Elementarschadenversicherung abgeschlossen hat, geht leer aus.“

„Die Nerven liegen blank“, weiß Vollrath. „Wir haben Angst, manche Anwohner sind nahezu traumatisierten.“ Da seien die Existenzängste, die viele Betroffene belasten – zudem zermürbe die Furcht vor einer erneuten Hochwasserkatastrophe. „Wir wollen so was nie wieder erleben“, sagt Vollrath und fordert schnelle Schutzmaßnahmen vor extremen Wetterereignissen: „Der nächste Starkregen kommt, das ist sicher.“

Wunschik verweist auf die Abwasserkanalisation, die am Überlaufen sei. Oder auf den Schaden an der Straße, die durch die Siedlung führt. Hier habe sich die Fahrbahn abgesenkt, ein Trichter sei entstanden – direkt unter den Gasleitungen. „Sind wir da noch sicher?“, fragt er. MICHAELE HESKE

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