Falsche Versprechungen?

„Nichts mehr vom Paradies übrig“: Anwohner an neuer A94 protestieren

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  • Timo Aichele
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Das neue Teilstück der A94 im Münchner Osten bringt die Anwohner zur Verzweiflung. Von „paradiesischen“ Zuständen wie vormals ist nichts mehr zu spüren. Wurden vorher getätigte Versprechen gebrochen?

  • Autos und Sattelzüge befahren ein neues Teilstück der A94 östlich von München.
  • „Wir waren im Paradies“: Die Anwohner haben es seit der Eröffnung der Strecke schwer.
  • Wurden falsche Versprechungen gemacht? Die Lärmbelästigung soll nun geprüft werden.

Update vom 20. November 2019: Es klappert. Dann rumst es und hallt – und klappert weiter. „So geht es die ganze Zeit“, sagt Isolde Freundl. Sie beschreibt den Lärm von einer Betonbrücke, die über das Flusstal der Lapp­ach führt. Auf der Brücke der A 94 nahe Dorfen fahren seit dem 1. Oktober Autos und Sattelzüge. Freundl: „Wir waren im Paradies. Jetzt ist nichts mehr davon übrig.“

Viele freuen sich aber über den neuen Abschnitt der Autobahn von Pastetten nach Heldenstein. Die, die nahe dran wohnen, nicht. Ein gutes Dutzend der Gegner hat sich unter der Lappachbrücke versammelt, um zu zeigen, wo ihrer Meinung nach Fehler gemacht wurden. Denn sie alle leiden unter dem Lärm, und nicht nur sie: 2300 Unterschriften wurden schon gegen den Lärm gesammelt. Nicht, dass sie nicht gewusst hätten, dass durch die Autobahn Schluss mit der Stille im Isental sein würde – deshalb hatten sie auch von Anfang an gegen die Trasse gekämpft. Aber dass er sich nun so anhören soll, der Verkehrslärm, Tag für Tag, Nacht für Nacht, damit hätten sie nicht gerechnet.

Lärmbelästigung wegen A94: Falsche Versprechungen im Vorfeld?

Kastulus Grundner zeigt auf einen Einschnitt am Unterbau der Brücke. „Darüber ist eine Dehnungsfuge eingebaut“, sagt er. „Wenn ein Lkw drüberfährt, hört sich das so an, als ob man auf ein Blech haut.“ Das sei das „Rums“ und sein Echo. Das Geklapper stamme von einer Schicht über den Betonplatten, die eingeschnitten wurde – alle fünf Meter ein Schnitt.

Seit Wochen schlafen sie schlecht, seit Wochen Lärmstress. „Wenn ich aus dem Haus trete, meine ich, der Lkw rumpelt direkt neben mir vorbei“, schimpft Grundner. Sein Haus ist etwa 200 Meter von der Brücke entfernt. „Und nachts, die Raser: Da meint man, etwas explodiert!“ Seit 1977 hatten sie gegen die umstrittene Trasse protestiert. Und nun steht dort ein Bauwerk, das sie nicht für den neuesten Stand der Technik halten. „Flüsterasphalt ist uns versprochen worden“, sagt Grundner. „Doch das ist auf keinen Fall Flüsterasphalt!“

Weil es aber Lösungen gibt, um den Lärm zu mindern, wollen die Anwohner nicht lockerlassen. Sie wenden sich an Politiker. Landkreispolitiker haben den Protest in die Regierung von Oberbayern getragen – und Regierungspräsidentin Maria Els hat reagiert. Die Lärmbelastung soll geprüft werden. Wie auch ein Tempo­limit auf der Strecke.

Neue A94 „der reine Horror“ - jetzt werden die Proteste gegen Autobahn lauter

Ursprungsmeldung: Eine von den enttäuschten Bürgern ist zum Beispiel Maria N.. Die junge Mutter lebt auf einem Hof in Lindum nahe der Stadt Dorfen (Kreis Erding), 50 Meter von der Autobahn entfernt. „Es ist der reine Horror. Ich habe Angst um die Gesundheit meines Sohnes“, klagt die 30-Jährige. 

Ihr Vinzenz ist zweieinhalb Jahre alt und gerne draußen unterwegs. Aber die Mama lässt ihn vor 9 Uhr lieber gar nicht raus. Bis dahin sei der Berufsverkehr unerträglich, sagt sie am Freitag bei einem Ortstermin, zu dem Bund Naturschutz und die Aktionsgemeinschaft gegen die Isentalautobahn eingeladen haben.

Der Lärm, der 24 Stunden lang von der Lappachtalbrücke dröhnt - im Hintergrund Dorfen - zerrt an den Nerven der Anwohner.

Ob in Pastetten, Lengdorf oder Dorfen – überall werden Unterschriften gesammelt, Bürgermeister und Abgeordnete von Betroffenen geradezu belagert. Mehrere Nachbarn sind am Freitag zum Ortstermin gekommen. Sie fordern höhere Lärmschutzwände und Tempolimits. Stadtrat Heiner Müller-Ermann kämpfte Jahrzehnte gegen die A-94-Trasse, bei deren Eröffnung es zu einem Eklat kam. „Man hat den Leuten immer gesagt: Wir halten die Grenzwerte ein, und das wird streng überwacht.“ Problem: Die Werte seien einfach zu hoch.

Isentalautobahn: Asphaltschicht der neuen A94 ein Problem für Anwohner

„Die Werte sind nicht von uns bestimmt, wir müssen uns an die Vorgaben halten“, sagt Josef Seebacher von der Autobahndirektion Südbayern. Vor Gericht wurden aber weitere Lärmmessungen zugesagt. Ein Problem ist auch der Aufbau der Autobahn. Auf eine Asphaltschicht wurden Betonplatten gelegt, darüber kam ein sogenannter DSHV-Belag – eine „dünne Schicht im Heißeinbau auf Versiegelung“. Um Aufwürfe („Blow-ups“) der Fahrbahn zu verhindern, wurde der Belag alle fünf Meter durchtrennt. Das führt zu kleinen Stößen, die man hört, wenn ein Auto darüberrast. Seebacher dazu: „Es wird mit der Zeit besser werden.“

Seit Anfang Oktober darf der neue Abschnitt der A94 befahren werden. Vielen Anwohnern gefällt das nicht. Aber: Andere wiederum haben dank der Isentalautobahn endlich ihre Ruhe, wie Merkur.de* berichtet. Der Frust über den A 94-Lärm wächst bei den Anwohnern - und laut den neuesten Berichten auf merkur.de* lassen die Lärmgeplagten auch nicht locker. Auf der A94 kam es zu einem Unfall zwischen zwei Porsche-Fahrern. Ein 26-Jähriger wurde dabei schwer verletzt. 

ta/dw

Rubriklistenbild: © Hermann Weingartner

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