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„Ich bin weniger wert, als alle anderen, die zu uns reinkommen“: AfD-Landtagskandidat Martin Huber (r.) sieht sich selbst als Opfer von Diskriminierung. Unter anderem wurde er schon bedroht. Von AfD-Gegnern gab es für seine Rede Rote Karten, von den Befürwortern Applaus.

„Abschied vom Bürgertum“

AfD: Grundner legt sich mit Linken ins Bett

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Dorfen - Stehende Ovationen, Trillerpfeifen, Buh-Rufe und Rote Karten: Die erste Veranstaltung des AfD-Kreisverbandes in Dorfen ist von Emotionen geprägt. Und von einem massiven Polizeiaufgebot. Ein Blick in extrem gegensätzliche Positionen und eine zutiefst gespaltene Gesellschaft.

Das Gasthaus am Markt ist bereits knapp eine Stunde vor Beginn der Veranstaltung übervoll. Wer keinen Platz in der Wirtsstube hat, verfolgt durch die geöffneten Fenster vom Freien aus die Veranstaltung. Mehr als die Hälfte der Besucher sind keine Sympathisanten der Rechtspartei, sondern Gegendemonstranten. Sie beteiligen sich nicht an der von der Spaßpartei „Die Partei“ organisierten Demonstration vor dem Wirtshaus am Unteren Markt, sondern besetzen lieber die Gaststube.

Im Halbrund ums Gasthaus stehen Polizisten. Darunter auch Beamte des Staatsschutzes. Schon seit dem Nachmittag ist die Polizei mit knapp einem Dutzend Einsatzfahrzeugen vor Ort. Eine Gruppe Linker aus München hatte im Internet zur Blockade der Veranstaltung aufgerufen. Doch es bleibt ruhig.

Als der Referent des Abends, der AfD-Bundestagsabgeordnete Hansjörg Müller, die Wirtsstube betritt, brandet Beifall auf. Gleichzeitig werden von der Gegenseite Rote Karten gezückt und in die Luft gehalten. Ein Akt, der sich an diesem Abend dutzende Male wiederholen wird.

„Hier könnte ein Nazi hängen“

Müller ist für die Gegendemonstranten ein „völkisch-rassistischer Mensch“ mit „bizarren Wahnvorstellungen“, wie schon eine Woche vorher bei einer Veranstaltung von SPD, Grünen, CSU, Flüchtlingshilfe und „Dorfen ist bunt“ geurteilt wurde. „Die Partei“ wird da mit Plakaten an Bäumen deutlicher: „Hier könnte ein Nazi hängen“, heißt es darauf.

Doch bevor Müller das Rednerpult einnimmt, dürfen lokale AfD-Größen ran. Die beiden früheren Republikaner Wolfgang Kellermann aus Erding, jetzt Kreisvorsitzender, und Martin Huber (Taufkirchen), Landtagsdirektkandidat der Rechtspartei, sowie Bezirkstagsdirektkandidat Peter Junker aus Finsing.

Wie AfD-Mitglieder stigmatisiert würden, will Kreischef Kellermann am Beispiel des Marienstifts Dorfen aufzeigen. Dort seien er und seine Frau, beide Hobbymusiker, von der Heimleitung wegen seiner Parteizugehörigkeit von einer musikalischen Benefizveranstaltung wieder ausgeladen worden. Sogar ein Betretungsverbot für das Haus hätten sie erhalten. Die AfD-Gegner klatschen lautstark. Kellermanns Reaktion: „So ein Verhalten ist nicht nur äußerst undemokratisch, sondern charakterlos.“

Bezirkstagskandidat Junker geißelt den „anhaltenden Kontrollverlust“ im Land. „In Deutschland muss wieder die gesellschaftliche, soziale und rechtsstaatliche Ordnung hergestellt werden.“ Landtagskandidat Huber klagt: „Es läuft viel schief, die eigenen Leute werden benachteiligt.“

„Jawohl“, „Bravo“, „Martin“, tönte es von der AfD-Seite, von den anderen Besuchern gibt es – Rote Karten. In Deutschland dürfe niemand diskriminiert werden, sagt Huber. Aber geltende Gesetze müssten alle achten. Flüchtlinge seien Gäste im Land. „Wer die Gastfreundschaft missbraucht, muss ohne Wenn und Aber abgeschoben werden“, tönt der 58-Jährige. Und Huber sieht sich selbst als Opfer von Diskriminierung, wie er aufzeigt. In den vergangenen Jahren sei nicht nur sein Auto zerkratzt, sondern auch er bedroht und

Familiengrab geschändet

sein Familiengrab geschändet worden. „Ich bin weniger Wert als alle, die zu uns reinkommen. Und ihr toleriert das“, sagt Huber in Richtung Gegner. Aus der Ecke kommt nur hämisches Lachen.

AfD-Bundestagsabgeordneter Müller teilt in seiner Rede gegen die „knallbunten Gutmenschen“ aus, die zusammen mit der CSU eine Veranstaltung gegen die AfD organisiert haben. Die CSU, Müller tituliert sie als „Islamisch Unsoziale Union“, mache mit extremen Linken „gemeinsame Sache“. Die Gesellschaft falle auseinander in „Leistungsträger, das sind wir, das Bürgertum“ und Linksextremisten und Antifaschisten. An die Adresse von Stadtchef Grundner gerichtet tönt Müller: „Es ist unglaublich, dass sich ein ehemals bürgerlicher Politiker von der CSU mit diesen Leuten ins Bett legt.“

Müller nennt auch Zahlen, die beweisen sollen, dass die Flüchtlingskrise ein gesteuerter „Bevölkerungsaustausch“ sei. Die Gegner belachen das, zeigen ihre Roten Karten. Am Schluss seiner Rede verlassen die allermeisten Demonstranten das Wirtshaus. Sie halten es für sinnlos, mit der AfD zu diskutieren.

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