Der Dorfener Fabian Wolferstetter macht sich nichts aus festen Wohnorten. Deshalb zog der Physiker auch vor neun Jahren mit seiner Lebensgefährtin nach Spanien.
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Leben unkonventionell und nachhaltig: Der Dorfener Fabian Wolferstetter und seine Lebensgefährtin Lisa Gritto in ihrem Orangenhain in Andalusien.

Fabian Wolferstetter lebt in einer Jurte in Spanien

Vom Physiker zum Orangenbauern

Der Dorfener Fabian Wolferstetter macht sich nichts aus festen Wohnorten. Deshalb zog der Physiker auch vor neun Jahren mit seiner Lebensgefährtin nach Spanien.

DorfenFabian Wolferstetter macht sich nichts aus festen Wohnorten. Deshalb zog der 37-jährige promovierte Physiker und Experte für Solarthermie aus Dorfen auch vor neun Jahren mit seiner Lebensgefährtin Lisa Gritto nach Spanien. Dort lebt er mit ihr und den zwei Kindern in einer Jurte und hat sich ein zweites Standbein geschaffen – er baut Orangen an. Eine Mission, wie er es nennt. Wie haben mit ihm gesprochen.

Herr Wolferstetter, wie wird man als Dorfener zum Orangenbauern in Spanien?

Wir sind da so reingerutscht. Nach meinem Physik-Diplom vor inzwischen neun Jahren habe ich mich auf eine Doktorandenstelle in Almería im Bereich der konzentrierenden Solarthermie beworben und wurde akzeptiert. Noch während der Doktorarbeit wurde unser erster Sohn geboren, und Lisa und mir wurde klar, dass wir ihm und uns einen schönen Platz im Grünen bieten wollen, wo wir gesund und freier leben können. Nach einer Weile fanden wir ein schönes Stück Land mit Bäumen darauf. Dass dort aber jeden Winter mehrere Tonnen Orangen zu ernten sind, wurde uns erst klar, als sie im November anfingen, reif zu werden. Daraufhin fragten wir unsere Familie und Freunde in Dorfen, ob wir einen größeren Versand organisieren sollten. Das war der Startschuss zu den OrangenFreunden.

Ist das nur ein Hobby oder was steht hinter der Idee von OrangenFreunde?

Es ist für uns eher eine Mission. In Deutschland groß geworden, ist es eine Offenbarung, wenn man zum ersten Mal „eine echte“ Orange in Andalusien isst. Wir wollten diesen Geschmack mit unseren Familien und Freunden teilen. Die Supermarkt-Orangen in Deutschland werden auf Aussehen, Gleichmäßigkeit und extrem lange Haltbarkeit gezüchtet, nicht auf Geschmack. Sie werden wochenlang in Kühlhäusern gelagert und produzieren jede Menge Plastikmüll und horrende CO2-Emissionen. Ich denke, wir können behaupten, dass unsere Orangen den kleinsten CO2- und Plastik-Footprint aller Orangen in Deutschland haben. Was unseren Kunden aber am meisten gefällt, ist der authentische Geschmack und die Frische. Wir ernten nur sechs bis acht Tage, bevor die Orangen in Deutschland auf dem Tisch liegen. Und wir behandeln die Früchte nicht – das schmeckt und riecht man!

Immer wieder steht spanisches Obst in der Kritik, wegen Wasserverbrauch oder Düngung. Was machen Sie anders?

Der Wasserverbrauch in Spanien ist exorbitant hoch wegen der vielen Gewächshäuser, die hier immer noch und immer mehr gebaut werden. Die Agrarlobby hier ist ähnlich stark wie die Autolobby in Deutschland – mit schlimmen Folgen für Wasserreserven und Umwelt. Unsere Finca liegt am Ufer des Flusses Andarax. Zum Bewässern verwenden wir oberflächennahes Wasser, das seit ein paar Jahrzehnten unterirdisch unter dem Flussbett läuft. Das Wasser, das wir nutzen, ist also erneuerbar. Wir finden, dass jeder Tropfen Wasser hier sinnvoll eingesetzt werden sollte. Mit dem Erhalt des grünen Gürtels am Fluss tragen die Orangen- und Olivenfincas dazu bei, die Verwüstung einzudämmen und Biodiversität in Form von Bienen, Hasen, Schlangen oder Chamäleons zu erhalten. Ganz im Gegensatz zum industriellen Anbau, der vergiftete tote Landschaften hinterlässt.

Sie setzten dabei auf Nachhaltigkeit.

Die Orangenbäume selbst brauchen gar nicht so viel Aufmerksamkeit. Im Winter muss man die Bäume schneiden. Das macht Lisa sehr gerne. In Sachen Düngung verlassen wir uns auf unsere große Hasenfamilie, die durch unseren Garten hoppelt. Deren Kot ist ein prima Dünger. Wenn man noch alle ein bis drei Monate bewässert, haben die Bäume alles, was sie brauchen. Zur Erntezeit zwischen November und März helfen uns Freunde und Bekannte, die ein Wochenende im Grünen genießen oder sich ein bisschen was dazuverdienen wollen. Da wir weder spritzen, noch ackern, haben wir wenig Aufwand.

Anfangs haben Sie nur der Familie und Freunden Orangen nach Hause geschickt, mittlerweile kann sich jeder bei Ihnen online Produkte liefern lassen. Wie funktioniert das?

Das Konzept ist recht einfach. Wir verschicken unsere Orangen nur palettenweise in Kisten zu je zehn Kilo an Gruppen von Freunden, Kollegen, Eltern oder Schulen, die sich zur Bestellung und Verteilung organisieren. Konkret heißt das, dass jemand zum Beispiel in einer Chat-Gruppe von uns berichtet und sich bereit erklärt, die Bestellung zu organisieren. Er nimmt die Palette an und organisiert die Abholung. Als Dankeschön gibt es von uns einige Kisten gratis für den Aufwand vor Ort. Manche verwandeln die Verteilung in ein richtiges Event, zum Beispiel hat meine Tante eine Art Christkindlmarkt mit Glühwein und Plätzchen organisiert und sich mit ihren Freunden köstlich amüsiert. Die Produkte über unsere Zitrusfrüchte hinaus kommen von Ana, einer langjährigen Freundin, die hier einen Bioladen betreibt. Sie hat Kontakte zu vielen Kleinbauern, die ökologisch wirtschaften und sie beispielsweise mit Avocados, Chirimoyas oder Granatäpfeln beliefern.

Was verdient ein „normaler“ Orangenbauer in Spanien, was bleibt ihren Partnern am Kilo Obst?

Je nachdem, ob die Bauern in einer Kooperative organisiert sind oder ihr Obst an der Straßenkreuzung verkaufen, bekommen sie zwischen 15 und 50 Cent pro Kilo Orangen. Das deckt mit Müh und Not die Kosten für Wasser und Dünger. Die eigene Arbeit ist da gratis. Wir bezahlen für die Früchte, die wir zukaufen müssen, mindestens 72 Cent pro Kilo. Das ist in vielen Fällen also ein Vielfaches dessen, was die Bauern sonst bekommen würden.

Wie treffen Sie die Auswahl?

Mehrere persönliche Finca-Besichtigungen mit Orangenverkostung und Bodeninspektion sind Pflicht. Mitmachen darf nur, wer nicht spritzt und im Einklang mit der Natur wirtschaftet. Durch Lisas Erfahrung als Bio-Gärtnerin und Fortbildungen im Bereich der biologischen Landwirtschaft und Permakultur können wir das, was wir sehen, auch beurteilen.

Bietet sie den Landwirten damit eine ökologische und wirtschaftliche Perspektive für die Zukunft?

Der Wasserpreis in Andalusien steigt stark, und wegen des niedrigen Orangenpreises auf dem konventionellen Markt weichen immer mehr Fincas intensiven Anbaumethoden unter Plastikfolie. Damit geht auch ein Ökosystem verloren. Durch den höheren Preis, den wir den Bauern zahlen, und den niedrigeren Aufwand wird die traditionelle Bewirtschaftung wieder interessant und bleibt es hoffentlich auch.

Nachhaltigkeit und Umweltbewusstsein ist für Sie nicht nur ein Werbeslogan. Sie wohnen in einer Jurte. Wie kam es dazu?

Wir waren schon seit Jahren begeistert von der Tinyhouse-Bewegung und dem Bewusstsein, dass die Menschheit ihre Ansprüche an Wohnraum, Konsum und Energieverbrauch stark einschränken muss, wenn sie noch länger auf diesem Planeten leben will. Nach einigen Überlegungen haben wir unter den verschieden Konzepten die Jurte als für uns am besten befunden. Planung und Bau haben gut ein Jahr gedauert, es war aber jede Minute wert.

Wie viel Platz haben Sie in der Jurte? Woher kommt das Wasser und im Winter die Wärme?

Wir wohnen hier seit fast zwei Jahren – Winter wie Sommer. Die Jurte ist rund, hat 7,2 Meter Durchmesser und eine Schlafplattform. Insgesamt kommen wir auf 50 Quadratmeter. Die Jurte ist fast fünf Meter hoch und mit Schaf- und Holzwolle isoliert. im Winter heizen wir mit einem Holzofen. Die Grundstücke am Fluss entlang werden über ein Kanalsystem bewässert. So speichern wir Wasser in unserer Zisterne. Der Strom wird von einem PV-Inselsystem bereitgestellt. Ich habe die Komponenten zusammengestellt, und wir benutzen giftfreie Salzwasser-Batterien. Die Technik, Werkstatt und Lager sind in einem ausgemusterten Schiffscontainer untergebracht. Wir benutzen eine Komposttoilette, und das Grauwasser geht in eine selbst gebaute Naturkläranlage – und danach zu den Orangenbäumen. Wir haben Wasch- und Spülmaschine, Internet und alles, was man sonst als „moderner Öko“ so braucht.

Ihr Bruder David ist Architekt in Dorfen für nachhaltiges Bauen mit Holz. Profitieren Sie gegenseitig von Ihren Erfahrungen?

Natürlich frage ich als erstes ihn, wenn ich konstruktive Fragen habe. Unsere Projekte sind allerdings recht überschaubar im Vergleich zu seinen. In seinen Häusern sind die technischen Systeme natürlich viel ausgereifter als bei uns. Aber das müssen sie ja sein, weil bei den Temperaturen in Deutschland ganz andere Ansprüche herrschen.

Sie müssen aber nicht von Ihren Einkünften als Orangenbauer leben, oder?

Nein, ich selbst bin weiter als Wissenschaftler und Projektleiter angestellt, Lisa betreibt hier im Dorf einen Kindergarten der aktiven und respektvollen Pädagogik. Daher haben wir keinen Druck, aus dem OrangenFreunde-Projekt Gewinn schlagen zu müssen. Wir sind vor allem froh darüber, dass unsere Orangen so viel Anklang finden.

Ist Ihr derzeitiges Leben ein mittelfristiges Projekt oder eine Langzeit-Zukunftsvision?

Ich persönlich habe noch sehr selten länger als zwei Jahre im Voraus geplant und habe auch nicht vor, es zu tun. Momentan gefällt es uns sehr gut, so wie es ist. Das Projekt der OrangenFreunde jedenfalls wird weiterleben – egal, wo wir sind. Dafür werden wir sorgen.

Weitere Infos

über das OrangenFreunde-Projekt gibt es im Internet unter www.orangenfreunde.de.

Birgit Lang

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