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Ausgesperrt: Dorfens Sozialamt hat das Zimmer von Peter W. mit einem Vorhängeschloss gesichert.

Harte Entscheidung des Sozialamts

Arbeit gefunden, Unterkunft verloren

Peter W. (Name geändert) hatte keinen Job und keine Wohnung. Deshalb lebte er in der städtischen Notunterkunft in Dorfen. Jetzt hat er eine neue Arbeitsstelle – und ist prompt wieder obdachlos. Das Sozialamt der Stadt Dorfen hat ihn ausgesperrt.

Dorfen – Die Heimatzeitung hat von dem kuriosen Fall erfahren und bei Peter W. nachgefragt. Seit zehn Jahren wohne er in Dorfen, erzählt der 56-Jährige. „Verbockt hab i den Schmarrn selber“, räumt er seine prekäre Situation ohne Ausreden ein. Er habe eine Wohnung gehabt und auch eine Beziehung. Die sei in „einer persönlichen Lebenskrise“ gescheitert. Dann sei er auch noch arbeitslos geworden und habe die Wohnung verloren. Seit etwa einem Jahr wohne er in einem kleinen Obdachlosenzimmer der Stadt in dem uralten Gebäude am Schießhallenplatz.

Das Haus ist in Dorfen als „Armenhaus“ bekannt. Es beherbergt den „Sozialen Kleiderladen“ des Sozialvereins „Dorfener Notgroschen“, und die Stadt hält dort auch Notunterkünfte vor. Schon beim Betreten des Hauses schlägt einem sehr starker Modergeruch in die Nase. Die Wände sind feucht, der Putz bröckelt an den Wänden ab, und es gibt auch keine Zentralheizung. Im ersten Stock sind kleine Zimmer und eine Wohnung – Unterkünfte für Notfälle und Obdachlose. Freiwillig würde in die modrigen Bude wohl kaum einer einziehen.

Geknickt erzählt W. seine Geschichte weiter. Etwa zwei Jahre sei er arbeitslos gewesen, obwohl er einen Job gesucht habe. „Da war ich dann obdachlos gemeldet.“ Der Dorfener hat nun seit sechs Wochen wieder Arbeit und endlich ging es aufwärts. Führerschein habe er keinen, weshalb er auf die Bahn angewiesen sei. Täglich pendle er jetzt mit dem ersten Zug um 4.51 Uhr nach München, um rechtzeitig an der Arbeitsstelle zu sein. „Die Arbeit ist gut, und ich verdiene wieder eigenes Geld.“ Nebenbei habe er sich auf die Suche nach einer Wohnung gemacht.

Aber jetzt, „wo ich endlich wieder Arbeit hab, Ende, aus die Maus, sense“, klagt W., denn die Stadt habe ihn aus seinem Zimmer, wie angekündigt, gnadenlos zum 31. August ausgesperrt. Er ist also wieder obdachlos. W. fragt sich, „wie man so knallhart sein kann“? Nachdem er eine Arbeitsstelle gefunden hatte, habe ihm das Sozialamt sofort mitgeteilt: Weil er Geld verdiene, müsse er bis Ende August raus aus dem Obdachlosenzimmer. „Gnädigerweise“ habe man die Zeit zum Räumen der Bude schon „gedehnt“. Wenn er jetzt in vier Wochen nichts finde, werde seine Habe entsorgt, außer er könne die Sachen irgendwo unterstellen.

W. gibt zu, er sei „selber schuld“ gewesen und habe sich beim letzten Tag der Frist vertan. Er sei am 1. September früh ganz normal zur Arbeit. Als er dann Freitagnachmittag vor seiner Tür stand, hatte das Sozialamt ein Vorhängeschloss anbringen lassen. „Ich komme heim, stehe vor der Tür mit dem Schloss. Die haben das eiskalt durchgezogen. Da hat’s mir die Füße weggezogen“, erzählt er. Alles ist im Zimmer: Kleidung und vor allem Medikamente, die er nehmen müsse. Er habe den Bürgermeister anrufen wollen, aber ihn nicht erreicht. „Mit nur dem, was ich am Leib trug“, sei W. dann völlig verstört von dannen gezogen.

W. habe niemanden, wo er hin könne und sei zunächst zu seinem Stammwirt gegangen. Wenigstens da habe er sofort Hilfe, etwas Trost und auch eine Schlafmöglichkeit bekommen. Unterstützung erfuhr er auch von den „netten Damen“ des Sozialen Kleiderladens, die durch die Recherche der Heimatzeitung auf den Fall aufmerksam geworden waren. „Unmenschlich“, nennen sie das Vorgehen des Sozialamtes. W. kennen sie als „netten Menschen“.

W. erklärt noch einmal: „Wenn’s nach denen (Sozialamt; Anm. d. Red.) geht, hast am nächsten Ersten eine Wohnung, aber so schnell geht das nicht.“ Das sei „Bürokratensturheit“. Er habe Arbeit und bemühe sich seit Wochen um eine Wohnung. Aber in Dorfen sei der Wohnungsmarkt leer gefegt, nicht mal ein Zimmer in einer Pension sei derzeit zu bekommen, da wegen des bevorstehenden Münchner Oktoberfests „alles ausgebucht“ sei.

An „einer Wohnung bin ich dran“, sagt W., in die er hoffentlich einziehen könne. Deshalb wäre er noch gerne in dem Obdachlosenzimmer geblieben, bis er eine Unterkunft gefunden hat. Er habe sogar angeboten, der Stadt Miete dafür zu zahlen. Das habe das Amt aber nicht interessiert. „Sie verdienen Geld und können sich vom eigenen Geld eine Wohnung leisten“, sei ihm gesagt worden. W. wolle zwar „nichts Böses sagen, aber die haben mich bewusst auf die Straße gesetzt“.

Bürgermeister Heinz Grundner betonte gestern auf Nachfrage, das Sozialamt habe „rechtlich korrekt gehandelt“. Die Berechtigung für eine Notunterkunft habe bei W. nicht mehr vorgelegen. Zudem habe dieser von der Räumfrist des Zimmers gewusst. Und er habe die Telefonnummer der Sozialamtsleiterin für eventuelle Anfragen gehabt. Inzwischen habe man sich soweit geeinigt, dass W. seine Sachen abholen kann. Jetzt braucht er nur noch eine Wohnung.

Hermann Weingartner

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