Asylbewerberin aus Sierra Leone vor Gericht 

Mitarbeiter des Landratsamts eingesperrt? Verfahren eingestellt

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Einen bemerkenswerten Blick hinter die Türen der Asylunterkünfte im Landkreis Erding hat am Mittwoch ein Prozess vor dem Amtsgericht Erding ermöglicht. Eine 24 Jahre alte zweifache Mutter aus Sierra Leone war wegen Freiheitsberaubung angeklagt.

Dorfen/Erding – Einen bemerkenswerten Blick hinter die Türen der Asylunterkünfte im Landkreis Erding hat am Mittwoch ein Prozess vor dem Amtsgericht Erding ermöglicht. Eine 24 Jahre alte zweifache Mutter aus Sierra Leone war wegen Freiheitsberaubung angeklagt. Sie soll am 28. Juni vorigen Jahres zwei Mitarbeiterinnen des Landratsamts in der Asylunterkunft in Armstorf (Stadt Dorfen) eingesperrt haben. Am Ende stellte Richterin Michaela Wawerla das Verfahren ohne jede Auflage ein.

Es war nicht mit letzter Sicherheit zu klären, ob die Sozialarbeiterinnen wirklich eingesperrt waren oder ob die Tür defekt war. Hinzu kamen Zweifel an der Mitwirkung der Frau. Dafür zeigte der Prozess, wie es in so mancher Asyl-Unterkunft aussieht.

Die 24-Jährige lebt schon länger in Deutschland, darunter in Armstorf. Ihr Asylverfahren läuft immer noch. Zum Zeitpunkt der angeblichen Tat war ihre kleine Tochter schwer krank. Sie hustete Blut. Heute weiß man: Im Kopf der Dreijährigen wächst ein bösartiger Hirntumor. Die Chancen auf Heilung – gleich Null.

Immer wieder trug die Afrikanerin den Wunsch an die für sie zuständige ebenfalls 24 Jahre alte Behördenmitarbeiterin heran, sie würde gerne verlegt werden. Die Räume seien verschimmelt, ihr Kind sei dauernd krank. Ihr Mann könne nicht zu seiner Familie. Mehrfach sei ihr eine neue Unterkunft in Aussicht gestellt worden, darunter in Hörlkofen und Wartenberg.

Doch so weit kam es nie. Im Frühsommer 2016 hieß es dann, die Mutter könne nach Lindum umziehen. „Dort wollte ich aber nicht hin. Bis zum nächsten Ort sind es vier Kilometer. Es gibt weder Bus noch Supermarkt.“ Dennoch habe die Mitarbeiterin darauf beharrt. Es gebe derzeit keine anderen freien Plätze.

Darüber sollte auch am 28. Juni gesprochen worden. Wegen der zunehmend feindlicheren und aufgeheizten Stimmung nahm die Angestellte eine Kollegin (32) mit. An dem Gespräch in der Küche nahmen die beiden, die Angeklagte und sämtliche Bewohner teil.

Als die 32-Jährige der aggressiven Stimmung ins Freie entgehen wollte, bekam sie die Tür nicht auf. Sie und ihre Begleiterin sagten aus, die Tür sei versperrt gewesen. Eine andere Bewohnerin habe erst nach etwa 45 Minuten den Schlüssel herausgerückt. Angeblich soll die Afrikanerin gesagt haben, die Sozialpädagogin solle mal erleben, wie es sich hier lebt. Die 24-Jährige bestätigte das zwar, schwor aber „bei Gott“, dass sie die Tür, die noch dazu immer wieder klemme, nicht abgesperrt habe. Dennoch erstatteten die Kreis-Angestellten Strafanzeige.

Auch der Prozess brachte keine Klarheit, zwei Zeuginnen erschienen nicht. Auch vor dem Hintergrund der familiären Situation stellte Wawerla das Verfahren ein. Dabei sagte sie, dass der Zustand so mancher Unterkunft bekannt sei. „Bekannt ist auch, dass Umzüge von Asylbewerbern gerade im Kreis Erding nur dann möglich sind, wenn es gar nicht anders geht.“ Dafür könnten die Sozialarbeiter aber nichts. 

  Hans Moritz

Rubriklistenbild: © Martin Schutt

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