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Seit 65 Jahren mittendrin statt nur dabei: Schorsch Bauer. 

Hemadlenz seit 65 Jahren

Bauer: „Früher war um 12 Uhr Schluss“

Morgen herrscht wieder Ausnahmezustand in Dorfen: Beim Hemadlenzn-Umzug wird die Isenstadt am Unsinnigen Donnerstag wieder von einem Meer weiß gewandeter Faschingsfreunde geflutet. Wie seit über 100 Jahren. Seit 65 Jahren ist Schorsch Bauer mit dabei.

Dorfen– 1891 soll es den ersten Hemadlenzn-Umzug in Dorfen gegeben haben. Frauen durften erst 1952 mitgehen, und im selben Jahr wurde erstmals eine Hemadlenzn-Strohpuppe am Ende des Umzugs verbrannt. Wohl ursprünglich nicht, um den Winter auszutreiben, sondern um für mehr Attraktivität des Umzugs zu werben. Damals war die Lenzn-Schar auch noch sehr überschaubar.

Morgen, am „Unsinnigen“, werden wieder über 2000 närrische Teilnehmer in der Dorfener Altstadt erwartet. Der Umzug startet traditionell um 10 Uhr in der Erdinger Straße, mit der Führung der Karnevalsgesellschaft (KG) an der Spitze.

Die ganz alten, aktiven Dorfener Hemadlenzn werden immer weniger. Dabei gilt: einmal Lenz, immer Lenz. Der Dorfener Heinz Anneser (88) etwa war schon als junger Mann dabei und erzählte unserer Zeitung: „Do hod’s mi beim erstem Moi glei sauba dawischt“. Gemeint ist, dass er damals im jugendlichen Leichtsinn dem Alkohol etwas zu viel zugesprochen hatte. „Des hob i ma aber g’merkt.“ Über 60 Jahre war er dann nahezu immer dabei beim Hemadlenzn-Umzug.

Er war auch Nachfolger des bekannten, bereits verstorbenen Franz Anneser, damals Volksschulrektor und als Präsident der KG immer ganz vorne beim Umzug dabei. Chef der KG sei er geworden, berichtet er schmunzelnd, „weil, es hod a Anneser sei miass’n. Do hob is hoid nach’m, Franz 15 Johr g’macht.“ Seit ein paar Jahren geht er nicht mit mehr mit beim Lenzn-Umzug. „Packen würd ich es leicht no, aber i mog nimma.“

Ein anderer Senior und Original-Lenz ist Schorsch Bauer, der seit 2012 Träger des Antoni-Farmer-Orden ist, den die Dorfener Faschings-Deife an Dorfener Originale verleihen. Bauer wird am „Unsinnigen“ mit seinen 82 Jahren wieder einer der ältesten Lenzen sein. Der letzte Dorfener Postamtsleiter (bis 1995) erinnert sich noch genau: „1953 war ich mit 17 Jahren das erste Mal dabei.“

Der Schorsch ist noch fit und packt den Umzug locker. Schließlich ist er mit seiner Oldie-Wandergruppe jeden Dienstag zu Fuß oder mit dem Radl bei jedem Wetter kilometerweit im weiten Dorfener Umland unterwegs. Da ist so ein Hemadlenzn-Umzug wie ein Spaziergang, allerdings mit anderen Tücken.

Viel hat Bauer natürlich schon erlebt. Einiges hat sich verändert, aber vieles ist über die Jahrzehnte gleich geblieben beim Hemadlenzn. „Treffpunkt zum Umzug war früher schon an der Erdinger Straße“, erinnert sich der Dorfener. „Da kam man halt hin, und um 10 Uhr ging’s los mit dem Umzug durch die Stadt.“ Weißwurstfrühstück, wie es heute üblich ist, war damals noch nicht.

„1953 warn’s vielleicht 100 Leute die mitganga san“, blickt Bauer zurück. Da herrschte strenge Ordnung, wofür an der Spitze des Zugs ein von der KG gewählter „Ober-Hemadlenz“ mit klaren Ansagen sorgte. Der war 1951 wegen Ausschreitungen in den Jahren davor und dem argen Alkoholkonsum eingeführt worden. Ordentlich sollte es wieder zugehen. Wer da aus der Reihe fiel, bekam einen Rüffel vom Chef-Lenz. Und wenn’s ganz arg war, sogar Verbote wie: „Nächstes Jahr gehst nimma mit.“

Heute gibt’s keinen Chef-Lenz mehr, sondern die Polizei ist präsent und sorgt für einen friedlichen Umzug. Um 12 Uhr war bis in die 70er-Jahre Schluss mit dem Hemadlenzn, „und ma is hoam ganga“, sagt Bauer. Es war verpönt, dass Lenzn am Nachmittag noch in Weiß in der Stadt herumgelaufen wären. Da gab’s auch noch Faschingsumzüge am Nachmittag in der Stadt und am Abend große Faschingsbälle im Jakobmayer- und Streibl-Saal. Alkohol getrunken wurde „scho imma“ beim Hemadlenz, und Betrunkene gab es und gibt es schon immer, stellt Oldie-Lenz Bauer fest. „Da hod jeder scho so sei Erfahrung g’macht.“

Früher gab’s ja noch bei fast jedem Geschäft entlang des Umzugs bis Mittag einen Schnaps gratis, und sogar Würste und Brezn wurden an die Lenzn verteilt. Das gibt es aber schon lange nicht mehr, weil immer mehr Lenzn zu unverschämt wurden.

Die Veranstalter des Umzugs, KG Dorfen und Stadt Dorfen, haben sich im Vorfeld wieder getroffen, um das Sicherheitskonzept zu erörtern, sagt Bürgermeister Heinz Grundner auf Nachfrage. „I war scho als kleiner Bub beim Hemadlenzn dabei“, so der Stadt-Chef. Er wird übrigens heuer wegen des Rathausneubaus von seinem alten Büro im Friedberger-Haus zur Lenzn-Schar aus dem Fenster im 1. Stock herabsteigen. Die Stimmung sei entspannt, und es gelten die bewährten Maßnahmen, wie die letzten Jahre auch.

So werde die Polizei vor Ort am Zug Präsenz zeigen. Branntwein und branntweinhaltige Getränke dürfen an den Ständen auf den Freiflächen nicht ausgeschenkt werden. Diese schließen um 15 Uhr. Weiter werden Beamte der Polizei Dorfen und des Jugendamtes Erding wieder besonders auf den verbotenen Ausschank von Alkohol an Kinder und Jugendliche achten und Kontrollen durchführen. Am Unteren Markt wird die kommunale Jugendhilfe mit einem „Chill-Out-Zelt“ für den Lenzn-Nachwuchs präsent sein.

Alle freuen sich schon auf einen friedlichen Umzug, und immer wieder wird man am „Unsinnigen“ den bekannten Dorfener Lenzn-Schlachtruf hören: „In der Stadt der Hemadlenzn soll’n Humor und Gaudi glänzen.“

Hermann Weingartner

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