Das junge Wirtspaar: Sebastian Ernst und Julia Weinberger lassen in ihrer Gastwirtschaft die vom Aussterben bedrohte bayerische Wirtshauskultur wiederaufleben. Der Koch und die Mediengestalterin bringen ihre Fähigkeiten ein, die ganze Familie hilft mit.
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Das junge Wirtspaar: Sebastian Ernst und Julia Weinberger lassen in ihrer Gastwirtschaft die vom Aussterben bedrohte bayerische Wirtshauskultur wiederaufleben. Der Koch und die Mediengestalterin bringen ihre Fähigkeiten ein, die ganze Familie hilft mit.

Neueröffnung des „Stoaberger“

Trotz Corona: Oberbayer (22) erfüllt sich Traum vom eigenem Wirtshaus - in 200 Jahre altem Kuhstall

Trotz Pandemie verwirklicht Sebastian Ernst (22) seinen Traum: ein Wirtshaus im früheren Stall seiner Familie. Der Stammtisch ist mittlerweile ein Musikantentreff.

Schwindkirchen – Wenn jemand einen 200 Jahre alten Kuhstall zum Wohnraum ausbaut, ist das nicht weiter ungewöhnlich, ein Wirtshaus darin ganz neu zu gründen schon eher. Und wenn man vom erst 22-jährigen Wirt an der Haustür begrüßt wird, staunt man über seinen Mut.

In schwierigen Corona-Zeiten: 22-Jähriger baut alten Kuhstall zu Wirtshaus um

Denn trotz des Starts in der schwierigen Corona-Zeit hat seine Idee schnell große Aufmerksamkeit bekommen. Sebastian Ernst hat sich auf dem Hof seiner Eltern in Steinberg einen gar nicht so alten, aber sicherlich großen Traum erfüllt und seine eigene Gastwirtschaft „Zum Stoaberger“ eröffnet.

Traditionell, ganz wie in einer alten Dorfwirtschaft, von denen es ja kaum mehr welche gibt, soll es hier hergehen. Und die Musikantenfreundlichkeit wird ganz groß geschrieben und ist Teil der Idee, die vom Aussterben bedrohte bayerische Wirtshauskultur wieder aufleben zu lassen.

Landkreis Erding: Junges Paar eröffnet traditionelle Gastwirtschaft

Die Pandemie war für Ernst und seine Freundin Julia Weinberger zunächst kein Hindernis, im Gegenteil: Denn als andere Gastronomien schließen mussten, war man beim „Stoaberger“ noch in der letzten Bauphase. Und als gelernter Koch konnte Sebastian den erzwungenen Urlaub nutzen, um jede freie Minute in die Gestaltung der ersten eigenen Küche, Schänke und Stube zu stecken.

Schon recht baufällig war der nurmehr als Abstellraum genutzte Stall mit böhmischem Gewölbe aus dem Jahr 1791, als schon vor über zehn Jahren seine Familie zu der Entscheidung kam: „´Man muss irgendwas draus machen.“ Was, war damals noch nicht klar, private Veranstaltungen ein erster, unbestimmter Gedanke. Die Grundsanierung wurde mit den Händen der ganzen Familie, die seit Generationen auf dem Hof lebt, umgesetzt, mit konkreteren Plänen zur Nutzung ging es bis zum Einbau einer Fußbodenheizung mit Erdwärme.

„Zum Stoaberger“ in Dorfen: „Bodenständig, bayerisch, bürgerlich“

Währenddessen lernte Ernst im Delikatessenhaus Dallmayr am Münchner Marienplatz und wusste, wie es nach der Ausbildung weitergehen sollte: „Es wäre schön, wenn man selber was hätte.“

„Kleinere Wirte in der Umgebung machen nur noch selten auf, in Schwindegg gibt es gar keinen mehr“, musste er feststellen und beschloss, das Wirtshaus „Zum Stoaberger“, gewissermaßen als Lückenfüller dafür, in die Tat umzusetzen. Als Kochlehrling hatte er schließlich vom Fleischpflanzerl bis zur Zwei- Sterne-Küche vieles auf die Teller gezaubert und meint rückblickend: „Das war etwas anderes, ich wollte allerdings die Richtung ,bodenständig, bayerisch, bürgerlich‘ einschlagen.“

Eine Wirtshausszene, wie viele sie vermissen: Gemeinsam wird am Stammtisch beim „Stoaberger“ musiziert.

Schweinsbraten, Kalbsbraten und Schnitzel stehen auf seiner Speisekarte, daneben findet man aber auch einen bayerischen Burger, „zwar was Neues, aber nichts Abgehobenes“. Hier kommt vielleicht doch etwas die Experimentierfreude, die er in der Ausbildung mitbekommen hat, durch.

Für manches Rezept greift Sebastian Ernst aber viel weiter zurück, auf Rezepte seiner Oma oder Mama Johanna. Letztere hilft natürlich auch im Lokal mit, ebenso wie Vater Franz-Josef, der am Ausschank steht, und die Brüder Martin, Joseph und der elfjährige Christoph, der „im Service rumwuselt“.

Junger Mann aus Bayern erfüllt sich großen Traum - Wirtshaus wird zum Familienbetrieb

Freundin Julia unterstützt an allen Ecken und Enden, in der Küche, als Bedienung oder bei der Werbung. Schließlich hat sie als Mediengestalterin den idealen beruflichen Hintergrund, um sich beispielsweise um den Internetauftritt zu kümmern. So wurde das Wirtshaus gleich zum Familienbetrieb, ein vielleicht nicht beabsichtigter Beitrag zum traditionellen Flair.

Dabei hat das Wirt-Sein keine Tradition in der Familie, Vater Franz-Josef ist, wie schon dessen Vater, Schmied, Mutter Johanna kennt man in Kirchen der Umgebung als Organistin. Bei ihr muss man auch den Grund suchen, warum die ganze Familie ausgesprochen musikalisch ist.

Durch sie entstand die zehnköpfige Musikgruppe „Stoaberger Musi“, bestehend aus Brüdern, Tante, Onkel, Cousin und Großonkel. Auch das Aushängeschild vom „Stoaberger“ als musikantenfreundliches Wirtshaus hat sie so maßgeblich geprägt. „Wir alle sind mit der Musik aufgewachsen, ich war von kleinauf dabei, wenn meine Mutter in Kirchen gespielt hat“, erzählt Sebastian Ernst und bringt daher diese in die Wiege gelegte Leidenschaft in sein Lokal.

An jedem zweiten Montag des Monats ist Stammtisch. Hier setzen sich immer die Schwindkirchener Veteranen und Reservisten zusammen. Alle anderen Interessierten sind aber willkommen. Neben dem Ratsch ist nämlich das spontane Musizieren Teil des geselligen Austauschs, dafür kann und soll jeder mitbringen, was er einmal an Instrumenten erlernt hat oder sich eben ins Wirtshaus tragen lässt.

„Zum Stoaberger“ im Landkreis Erding: Beim Stammtisch wird gemeinsam musiziert

Der Zulauf beim Stoaberger wird dabei dem Namen „Stammtisch“ nicht mehr ganz gerecht: „Ich war begeistert und musste aber zugleich schauen, wie ich auf die Schnelle allein 35 Wurstsalate aus der Küche bringe“, erzählt Sebastian Ernst über den Andrang beim zweiten Abend. Dabei geht auch das Konzept zum spontanen Musizieren auf. „Bestes Beispiel ist mein Papa, der seine Zither eigentlich nur zu Weihnachten, für die Familie, anlangt. Beim Stammtisch hat er trotzdem aufgespielt“, berichtet er.

Weinger spontan, dafür mit noch mehr Gästen laufen die Hoagarten ab. Fünf bis sechs Gruppen lädt der Wirt ein, Ratschn, Aufspuin und gemeinsames Singen wechseln sich im gemütlichen Rahmen ab. „Die Leute mögen sowas. Ich schätze, das Interesse kommt daher, dass kaum Vergleichbares da ist, und weil uns viele über die Musik kennen“, meint der junge Wirt über den Erfolg der bisherigen Hoagarten.

Tatsächlich schafft er es mit seinen Einladungen, etwas wieder aufleben zu lassen, das offenbar nur eingeschlafen ist. Denn der Volksmusik, bei der wirklich Jung und Alt zusammenkommen, fehlte einfach die Bühne.

Dass solche Veranstaltungen auch viele junge Gäste ansprechen, freut Ernst besonders, wundert ihn aber auch nicht sonderlich, denn schließlich bietet sich mit einem Hoagarten etwas, das mit einem üblichen Musikkonzert nicht zu vergleichen ist und meint „Es läuft recht entspannt ab, und man kann ratschn, muss sich nicht anschreien.“

Nach den ersten, wenigen Monaten, in denen ein regulärer Betrieb seines jungen Wirtshauses möglich war, schätzt er, dass es jetzt darauf ankommt, sich einen Ruf zu erarbeiten. Wie seine Idee bereits angenommen wird, darüber zeigt er sich glücklich und blickt zuversichtlich in die Zukunft: „Wenn es auf lange Sicht so weitergeht, gibt’s nichts Besseres.“ FABIAN HOLZNER

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