Eine Herzensangelegenheit: Stefan Schiegl in Nordsrilanka. Als Mitglied von Clowns ohne Grenzen bringt er ein wenig Freude in Krisengebiete.
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Eine Herzensangelegenheit: Stefan Schiegl in Nordsrilanka. Als Mitglied von Clowns ohne Grenzen bringt er ein wenig Freude in Krisengebiete.

MEIN LEBEN

„Das Leben ist ein Zirkus“

  • vonAlexandra Anderka
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Von Beruf Clown. Wer kann das schon von sich behaupten? Stefan Schiegl kann. Sein halbes Leben tourt der Dorfener nun schon in verschiedenen Ensembles und Missionen durch die Gegend und bringt Leute zum Lachen – und Nachdenken.

Dorfen – Von Beruf Clown. Wer kann das schon von sich behaupten? Stefan Schiegl kann. Sein halbes Leben tourt der Dorfener nun schon in verschiedenen Ensembles und Missionen durch die Gegend und bringt Leute zum Lachen – und Nachdenken. Dabei hatten seine Eltern einen ganz anderen Werdegang für den heute 51-Jährigen vorgesehen.

Stefan Schiegl wird 1969 14 Monate nach seinem Bruder Markus in Steinhöring geboren. Sowohl Vater als auch Bruder begeistern sich für die Musik. Nach der Mittleren Reife an der Realschule Ebersberg „stehe ich am 1. September 1987 in der Versicherung in München, wo meine Eltern und auch Großeltern arbeiteten und ich dachte mir ,Was mache ich da eigentlich?‘“, erinnert er sich. Aber es sei auch nicht schlimm gewesen und Hinschmeißen sei nicht in Frage gekommen. „Das hätte ich meinen Eltern nie antun wollen.“

Doch seine langen Haare lässt er sich auch während der Ausbildung nicht abschneiden, auch marschiert er konsequent im Strickpulli in die Versicherung. „Ich hatte in meinem Ausbilder einen Fürsprecher. Er war ein Theologe und hat sich immer vor mich gestellt. Er wollte mir nach meiner Ausbildung einen Vertrag verpassen, mit der Begründung ,Solche Leute wie Sie brauchen wir‘.“ Doch daraus wird nichts.

Der 20-Jährige leistet seinen Zivildienst beim Roten Kreuz in Ebersberg ab. „Da machte ich Fahrdienst, brachte Essen auf Rädern, war Haushaltshilfe und kümmerte mich um Menschen mit Behinderung.“ Das gefällt dem jungen Mann und ihm wird klar: „Ich mag Menschen. Man kann mit mir stundenlang durch die Stadt spazieren, aber nicht durch den Wald.“

Nach dem Zivildienst beschließt Schiegl, noch mehr Menschen kennenzulernen und begibt sich mit Unterbrechungen drei Jahre auf Reisen, vor allem nach Asien. „Ich lebte insgesamt ein Jahr in Indien, immer in verschiedenen Gegenden und Vegetationszonen. Das Reisen war damals ja noch ganz anders, da gab es ja kein Internet. Selbst Telefonieren konnte man nur in den Städten. Das war eine tolle Zeit, die ich nicht missen möchte, und das kann man nur machen, wenn man unabhängig ist und keine Verpflichtungen hat“, sagt der Vater einer erwachsenen Tochter.

Seinen Lebensunterhalt verdient er sich zu dieser Zeit mit Gelegenheitsjobs, wenn er wieder einmal für ein paar Monate zuhause ist. Schon damals gibt es die späteren Tarnkappen, eine Hobby-Jonglier-Gruppe aus fünf jungen Männern, die sich mit kleinen Auftritten ein bisschen Geld dazuverdienen. Doch die Nachfrage wird immer stärker. Schiegl ist mittlerweile wieder sesshaft geworden und holt 1994 in Nürnberg sein Abitur nach. Dann steht eine Entscheidung an: Die Freunde fragen sich: Kann man von den Auftritten als Tarnkappen leben und es riskieren, den Beruf an den Nagel zu hängen?

Gesagt getan: Die Freunde kündigen ihre sicheren Jobs und ziehen gemeinsam auf einen Bauernhof nach Niederbayern, um ein Konzept zu entwickeln. „Uns war klar, wir müssen zusammenziehen, sonst klappt das nicht, weil dann doch jeder wieder etwas anderes macht.“

Die Regeln auf dem Hof sind strikt: Von morgens bis abends wird trainiert, musiziert, es werden Werbekampagnen entwickelt und Shows auf die Beine gestellt. Auch Experten laden sie ein. Einmal ist der spätere Sinnflut-Macher Börnie Sparakowski zu Besuch. Ein lustiger Abend sei das gewesen und seitdem hätten sie auch einen Stein bei ihm im Brett. Beim ersten Sinnflut-Festival stehen die Tarnkappen auf der Bühne. „Jedem, der bei uns auf dem Hof einziehen wollte, haben wir eine Absage erteilt, obwohl das damals wirklich verpönt war“, erzählt der Künstler.

Doch die Rechnung geht auf, die gemeinsame Hofzeit ist 1998 beendet, aber die Tarnkappen sind alles andere als unsichtbar, den ganzen Sommer über sind sie bayernweit ausgebucht, sechs Jahre lang spielen sie auf den Kaltenberger Ritterspielen.

Jeder hat ein Wohnmobil, und so ziehen sie von Auftritt zu Auftritt. Ab dem zweiten Jahr können alle davon leben. „Wobei ich nie den Ehrgeiz hatte, der Reichste auf dem Friedhof zu sein“, witzelt Schiegl. Er baut sich mehrere Standbeine auf. 1999 macht er die Ausbildung zum Zirkus- und Theaterpädagogen, Schwerpunkt Regie. „Davon zehre ich noch heute“, sagt der Dorfener. Mehrmals im Jahr werde er als Coach und Regisseur von Künstlerkollegen gebucht. „Die kommen mit Ideen zu mir, und ich mache ein Show daraus.“

Seit 1998 lebt Schiegl in Dorfen, er kauft sich zusammen mit seinen Kollegen ein Zirkuszelt und bietet in den Ferien Zirkus-Workshops für Kinder an. Gleichzeitig wird er Mitglied beim Verein „Klinikclowns in Bayern“. Mit Kollegen besucht er Kranke und Senioren und bringt sie zum Lachen. In eine ähnliche Richtung geht das Projekt „Humortage“. Zusammen mit dem Pflegewissenschaftler Prof. Dr. Michael Bossle werden Konzepte für Pflegekräfte erarbeitet, damit diese ihren Alltag mit etwas mehr Leichtigkeit nehmen können. Während die Pflegewissenschaftler für die Theorie zuständig sind , übernimmt Schiegl den praktischen Teil.

2001 gründet er zusammen mit Stefan Waldner das Präventionstheater für Schulen mit dem Namen Duo Perplexx. Zu Themen wie Gewalt, Alkoholsucht und Diskriminierung erarbeiten sie gemeinsam mit der kommunalen Jugendarbeit Landshut, dem Kreisjugendring München und dem Bezirksjugendring Oberbayern Programme für die erste bis zehnte Jahrgangsstufe und führen diese regelmäßig auf.

Im selben Jahr kommt Maya zur Welt. „Das Beste, was mir je passieren konnte“, sagt er über seine Tochter. Gemeinsam mit seiner damaligen Lebensgefährtin zieht er in ein Haus in Armstorf und gründet eine Familie. 2006 geht die Beziehung auseinander, doch die enge Bindung zu seiner Tochter und die Freundschaft zu deren Mutter bleiben bestehen.

2003 gründet er mit zwei Kollegen die Clownschule „Kunst des Stolperns“ mit Sitz in Freising. Die Kurse richten sich an Erwachsene, die über 24 Tage Kurse besuchen und zum Finale eine Abschlussvorführung geben. Auch die Schule ist erfolgreich. Schiegl erklärt sich das damit, dass heutzutage viele Menschen in ihren Berufen überlastet seien und nach einem Ausgleich suchten. „Die einen machen Yoga, die anderen malen und wieder andere wollen was Lustiges erleben, sich mit Humor beschäftigen“, sagt der Clown-Experte.

Bei den Workshops für Kinder ist auch Tochter Maya mit dabei, seit sechs Jahren übernimmt die heute 20-Jährige den Seillauf-Part. Auch sie hat die Magie der Zirkuswelt gepackt. Sie zeigt lachend auf ihr kleines Tattoo am rechten Fußknöchel: ein Zirkuszelt.

„Das ist unser Motto“, erzählt die angehende Erzieherin. „Papa hat mir schon als Kind gesagt:,Das Leben ist ein Zirkus‘“ – und dass man nicht nicht alles so ernst nehmen dürfe. „Ohne dass ich es gemerkt habe, habe ich mich zu einem sehr positiven Menschen entwickelt.“ Ihre Eltern hätten ihr stets großes Vertrauen geschenkt und sie mit Liebe überschüttet.

Diese Auffassung von Erziehung hat laut dem Vater einen ganz besonderen Grund: 2007 gründet Schiegl mit Kollegen aus Schleswig-Holstein, Rhein-Main und Augsburg den eingetragenen Verein „Clowns ohne Grenzen“. Seitdem sind regelmäßig vier Clowns, zwei erfahrene und zwei jüngere, ehrenamtlich in Krisengebieten, um dorthin etwas Freude zu bringen.

„Unsere erste Reise ging nach Rumänien. Dort sind wir fast nur in Waisenhäusern aufgetreten.“ Er habe dann mal eine Schwester gefragt, warum es in Rumänien so viele Waisenhäuser gebe, ob die Eltern alle verstorben seien. „Nein, die sind im Westen, um Geld zu verdienen“, habe diese lapidar geantwortet. „Ich konnte das gar nicht fassen. Ab diesem Zeitpunkt erschienen mir die Probleme hierzulande so klein“, sagt Schiegl und das habe sich auch auf die Erziehung seiner Tochter ausgewirkt.

Die dankt es ihm. „Der Papa ist nicht nur mein Vater, er ist ganz oft mein bester Freund.“ Die beiden verbindet auch die Liebe zur Musik, sie spielen regelmäßig zusammen Gitarre und Klavier. Ihre Eltern hätten ihr stets ein gutes Gefühl vermittelt und Maya erzählt von einem Chorvideo, das sie sich kürzlich angesehen habe. „Da hab ich so fürchterlich gesungen und ihr habt mich trotzdem mit Lob überschüttet.“ Mittlerweile mache es die Tochter so mit ihrem Vater. „Bei den Abschlussvorstellung in der Clownschule filmt sie mich immer mit dem Handy, das ist mir fast schon peinlich“, sagt er augenzwinkernd. „Du bist mir auch peinlich, wenn du in einem Gasthaus absichtlich an den Türstock läufst, wenn du auf die Toilette gehst“, kontert die 20-Jährige. „Aber das dient wenigstens der Belustigung der anderen Gäste“, verteidigt sich der 51-Jährige.

Mit den „Clowns ohne Grenzen“ war der Dorfener in Sri Lanka, wo 25 Jahre lang Bürgerkrieg herrschte, an der syrisch-türkischen Grenze in Schulen, um die Integration beider Kulturen voranzubringen sowie im Kriegsgebiet von Kashmir in Nordindien. Mittlerweile zähle der Verein über 200 Mitglieder und Schiegl hat den Vorstand an Kollegen übergeben.

Seit 25 Jahren ist der Pädagoge in Sachen Clown ständig unterwegs und hat sich vom Straßenkünstler zum Profi etabliert. Sehr erfolgreich war Schiegl auch mit den „Spanischen Brüdern“, wo er auf Stelzen mit viel Situationskomik Fiesta-Stimmung erzeugte. Dafür heimsten er und sein Kollege unter anderem den Preis des Künstlermagazins „Künstler des Jahres 2005“ in der Sparte Comedy & Artistik ein.

Momentan hat der Clown – wie viele Künstlerkollegen auch – Pause. Die nutzt er für Online-Unterricht, Regie-Konzepte und Volksmusik im Schiegl-Trio gemeinsam mit seinem Vater und Bruder. Zuhausesein ist für Schiegl wie Urlaub, der dann aber auch wieder mal zu Ende sein kann, denn: „Zirkus ist einfach mein Leben, das mache ich, so lange es geht, und dann verkaufte ich mein ganzes Geraffel an Maya“, sagt er und zwinkert seiner 20-jährigen Tochter zu.

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