Eine bunte Truppe: Matthias Tafelmeier und Lebensgefährtin Hildegard Pritscher (hinten r.) mit (vorne, v. l.) Niklas und Noah sowie (hinten, v. l.) Marcel, Maike, Yanik, Jonas, Maurus und Jakob.
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Eine bunte Truppe: Matthias Tafelmeier und Lebensgefährtin Hildegard Pritscher (hinten r.) mit (vorne, v. l.) Niklas und Noah sowie (hinten, v. l.) Marcel, Maike, Yanik, Jonas, Maurus und Jakob.

Beliebtes Ziel

Adlstraß - ein Paradies für Wandergesellen auf der Walz

Handwerker auf der Walz machen gerne Station in Adlstraß. Dort arbeiten sie mit beim Solidarprojekt der Interessengemeinschaft. Ein fruchtbarer Austausch.

Adlstraß – Der Hof von Matthias Tafelmeier gegenüber dem Lavendelfeld in Adlstraß ist Anziehungspunkt für Naturliebhaber und Idealisten. Auch Wandergesellen legen hier immer öfter einen Stopp ein, um bei diesem gemeinnützigen Zukunftsprojekt ihre Arbeit einzubringen. Denn die Interessengemeinschaft Adlstraß ist ein gemeinnütziger Verein, der unter anderem das Ziel hat, das Anwesen zu einem Stück lebenswerter Heimat in einer gesunden Natur umzugestalten. Bis zu zehn Handwerksgesellen tummelten sich hier schon. Was sie zusätzlich reizt, sind besondere handwerkliche Herausforderungen, die sie hier finden.

Einer von ihnen ist Maurus aus Weilheim. Der Holzbildhauer ist seit eineinhalb Jahren unterwegs. Mit Beginn der Wanderschaft hat er, wie es die Tradition auf der Walz verlangt, auch seinen Nachnamen abgelegt. „Damit alle gleich sind und man sich vom anderen nicht abhebt“, erklärt er. Deshalb nennt er sich „Maurus, fremder freier Holzbildhauer – fremd von der Heimat weg und frei für Freireisende“. Das bedeute, dass man keinem „Schacht“ angehört, also keiner Vereinigung von Handwerkern, die auf Wanderschaft sind.

Der 26-jährige Zimmerer war eine Woche, nachdem er losgegangen war, das erste Mal in Adlstraß. In den zweieinhalb Wochen dort baute er unter anderem ein Kompostklo und half mit neun anderen Wandergesellen beim Ampfer-Stechen. Es sind ja nicht nur Zimmerer auf der Walz, auch Gärtner oder Köche, ganz bunt, alles was es im Handwerk gibt.

Jetzt ist der Weilheimer zurückgekehrt, um mit den befreundeten Wandergesellen Jakob und Jonas eine gemeinsame Baustelle zu machen. Über dem alten Stall wurde gerade das 800 Quadratmeter große Dach erneuert. Da ist jede helfende Hand willkommen. In dem Gebäude soll das Vereinsheim entstehen, ein kleiner Hofladen wurde schon eingerichtet.

Maurus und Jonas haben sich auf Rügen kennengelernt, als beide noch „Interessenten“ waren, also vorhatten, auf Wanderschaft zu gehen. Jonas (24), Zimmerer aus Knetzgau, ist seit mittlerweile neun Monaten auf der Walz. Handys haben sie alle nicht dabei. Sich miteinander zu verständigen, schaffen sie trotzdem. Man spricht mit anderen Wandergesellen und so erfahren auch die Kameraden, wo man sich gerade aufhält, man macht Termine aus oder stellt Flyer her, in denen Werbung für „coole Projekte“ wie in Adlstraß gemacht werden, sagt Jonas. „Das meiste geht von Mund zu Mund.“

Zimmerergeselle Jakob (22) aus Tauberbischofsheim kennt Jonas noch von der Berufsschule. Auch ihn hat es nach Adlstraß gezogen. Vieles sei auf der Wanderschaft dem Zufall überlassen. Nicht aber die Kriterien, nach denen die fahrenden Handwerker ihre Arbeit aussuchen. „Zum Beispiel große solidarische Baustellen, wo alle für Kost und Logis arbeiten“, erklärt Jakob. „Wir bekommen viel von der Gesellschaft. Viele Leute helfen uns, etwa beim Trampen. Da wollen wir was zurückgeben.“

Auch Adlstraß sei ein solidarisches Projekt. „Matthias wirtschaftet ja nicht in die eigene Tasche. Er hat seinen eigenen Verein und will hier eine Gemeinschaft gründen. So was unterstützen wir“, sagt Jonas über den Kopf der IG, Matthias Tafelmeier. Es ist ein spannendes, abwechslungsreiches und interessantes Arbeiten auf dem Hof. Neben der Sanierung des rund 100 Jahre alten Dachs konnten die freiheitsliebenden Burschen auch andere für sie neue Projekte angehen.

Da ist etwa das Tiny House, das Schreiner Niklas (25) aus München für Reisende zimmert, die mithelfen wollen auf dem Hof. „Hier gibt’s ja sehr viel Holz, vom Käfer befallen, und ein eigenes Sägewerk.“ Maurus und Noah haben eine Küche geschreinert. Sie steht im Werkstattnebenraum, wo künftig Veranstaltungen stattfinden sollen.

Zugleich hat Maurus eine 30 Zentimeter große Ton-skulptur geformt, die als Modell für eine Vier-Meter-Statue dient, die er aus einem Eichenstamm kreieren möchte. Marcel und Jonas haben einen Sanitär-Container im Blockbau erstellt, auf den sie mächtig stolz sind. „Mit Dusche und allem Drum und Dran. Die Pissoirs hat Matthias kostenlos aufgetrieben.“ Das Ganze sei etwas Besonderes, komplett in Holzbauweise ohne Stahl, nur mit Holznägeln ohne Leim verbunden, weil Tafelmeier auf ökologische Bauweise setzt. Das hat Jonas nicht in der Ausbildung gelernt, erst hier. Auch die Holzbohlen hat er selber hergestellt.

Seit rund 20 Jahren nehme der Trend zur Wanderschaft wieder zu, meint Jakob. „Die Gesellschaft hat sich sehr von traditionellen Werten entfernt und ist sehr schnelllebig geworden. Wenn man Wandergesellen sieht, schwingt eine gewisse Ruhe und Freiheit mit. Das sind Qualitäten, die viele Menschen heutzutage vermissen.“

Mindestens drei Jahre und einen Tag müsse man unterwegs sein. Niklas sagt: „Ob man als Freireisender oder für einen Schacht unterwegs ist, ist eine Grundsatzentscheidung.“ Die Wanderschaft habe eine unglaublich lange Geschichte. Es habe Zeiten gegeben, da sei einem der Reisezwang von den Meistern und Zünften auferlegt worden; Zeiten, in denen es aus der Not geschehen sei, oder aktuell, wo man es eher aus einem privilegierten Aspekt heraus unternehme. Sieben mögliche Vereinigungen und eine große Gruppe von Freireisenden gebe es.

Jonas ist schon sieben Wochen in Adlstraß, langsam sei es an der Zeit, weiterzuwandern, findet der Zimmerer aus Knetzgau. „Nach drei Monaten sollte man schauen, dass man weiterkommt, um sich nicht wie zuhause zu fühlen.“ Alle Burschen sind schon lange an diesem Ort, weil es „fantastisch hier ist, wie im Paradies“, findet Jakob. Denn ihr Aufenthalt ist nicht nur von Arbeit geprägt.

Am Loaner Weiher waren die jungen Männer schon mehrmals beim Baden. Mittags werde gemeinsam gegessen, „immer das Beste vom Besten“, manchmal würden auch Vereinsmitglieder für sie kochen. Von der Gärtnerei im Nachbarort Oberkorb hätten sie schon Tomaten und Salat bekommen. Auch von der Tafel in Taufkirchen seien sie unterstützt worden.

Regen und Kälte dürfen einem Wandergesellen nichts ausmachen. Mehrmals sind sie nass geworden, auch im Zelt oder auf dem Dach in Adlstraß. Einmal sei es schon etwas stressig geworden, als bei Starkregen das Loch im Dach mit einer großen Plane dicht gemacht werden musste, erinnert sich Jonas.

Das fertige Vereinsheim wollen sie sich unbedingt anschauen, wenn sie nicht mehr auf Wanderschaft sind. „Bei einem so großen Projekt, wo man so lange war, kehrt man meistens zurück.“

Niklas will hier auch seine Flasche ausgraben. „Wenn man losgeht auf Wanderschaft, veranstaltet man eine Losgehfeier. Dabei gibt es einen Ritus: Man gräbt ein Loch normalerweise vor dem Ortsschild ein und versenkt darin eine Flasche gefüllt mit Glückwünschen auf Papierzetteln geschrieben von Freunden“, verrät er. Seine Flasche hat er unter einem Baum in Adlstraß verbuddelt.

Nach drei Jahren werde er sie ausgraben und alles lesen. Dann werde gefeiert und es werden Erfahrungen ausgetauscht. Einen Plan, wie es mittelfristig weitergeht, haben sie nicht. „Das ist ja das Schöne an der Wanderschaft, dass man drei Jahre hat, in denen alles offen und man nicht so verplant ist“, sagt Maurus.

Tafelmeier ist sehr glücklich über ihre Hilfe. „Tolle Menschen, die passen zu uns. Es ist einfach eine schöne Gesellschaft seit Wochen. Jeder findet sein Fleckerl, wo’s ihm taugt. Manche schlafen im Tipi, manche auf den Matratzen im Schuppen.“

BIRGIT LANG

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