Lautes Dröhnen bestimmt die Szenerie im Haus der Kramers. Im Lärm der Bautrockner räumen Björn und Anne Kramer auf. Die Söhne Gabriel (l.) und Rafael helfen, so gut es geht.
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Lautes Dröhnen bestimmt die Szenerie im Haus der Kramers. Im Lärm der Bautrockner räumen Björn und Anne Kramer auf. Die Söhne Gabriel (l.) und Rafael helfen, so gut es geht.

Leserhilfswerk sammelt Spenden für Oberdorfener Hochwasseropfer – Familien bangen um ihre Existenz

Die Angst nach den Fluten

Die meisten Familien in der Oberdorfener Siedlung Am Seebach müssen nach dem Hochwasser ausziehen. Veiel von ihnen haben Existenzängste.

Oberdorfen – Abschiedsstimmung in der Siedlung am Seebach: Die meisten Familien müssen nach der Hochwasserkatastrophe ausziehen. Etliche davon sind nicht ausreichend versichert, haben ihr gesamtes Hab und Gut verloren. Darunter Floriano Gato und seine Frau Francesca Cortese mit ihren zwei Söhnen. Auch Anne und Björn Kramer suchen eine Bleibe für sich und die drei Kinder, das jüngste gerade sechs Wochen alt. „Licht in die Herzen“, das Leserhilfswerk des Erdinger/Dorfener Anzeiger, unterstützt die Betroffenen.

Francesca Cortese (36) kann immer noch nicht fassen, was da am 30. August passiert ist. „So viel Wasser – so ein schlimmes Bild“, sagt sie. „Ich hatte solche Angst, stand mit dem Baby im Arm auf der Straße, an der Hand mein dreijähriger Sohn. Was für ein Schock.“

Sie erzählt von der Stunde, die für die nächsten Monate das Leben der Familie komplett umgekrempelt hat: „Ich war im Keller, plötzlich war da Wasser. Erst dachte ich, die Toiletten sind verstopft.“ Auch bei den Nachbarn, bei denen sie nachfragte, ein ähnliches Bild: In den Kellern stand plötzlich überall das Wasser. Die gebürtige Italienerin rief noch bei der Stadt an, meldete das Problem. „Dann ging alles sehr schnell“, meint sie. Innerhalb einer Viertelstunde war der Keller komplett überflutet, das Wasser stieg schnell. Ich griff nach Bettwäsche, nach allem, was ich zu fassen bekam.“ Darunter auch eine Dose mit Bohnen, berichtet sie. „Es war alles so irre.“

Corteses Eltern waren zu Besuch, die Mutter schwer krank. „Mein Vater musste die Mama ins Auto tragen – er brachte sie dann in Sicherheit, raus aus der Gefahrenzone.“ Ihr Mann Floriano Gato war schon in der Arbeit. Dem Gastronom gehört das Ristorante Italomania in München. Die Corona-Krise habe die Familie schwer getroffen, sagt Cortese. „Und jetzt noch die Überschwemmung – das bringt uns an die Grenze.“ Es sei alles so schwierig, so kompliziert jetzt, meint auch Gato: „Bisher haben die Ersparnisse irgendwie gereicht – aber das Hochwasser und möglicherweise ein neuerlicher Lockdown in diesem Herbst, das werden wir wirtschaftlich nicht verkraften.“

Die Familie lebt seit Dezember zur Miete am Seebach. Sie ist nach Dorfen gezogen, damit die Kinder nicht in der Großstadt aufwachsen müssen. Dank der Nachbarn leben sie momentan in einer kleinen Ferienwohnung, vier Kilometer von Dorfen entfernt. „Es ist alles ein bisschen eng, aber wir sind froh, dass wir nicht auf der Straße stehen.“ Zudem sei ihr Vermieter schon mitten in den Renovierungsarbeiten: „In vier bis sechs Monaten können wir möglicherweise schon in das Haus zurück. Auch Vermieter Demir Öhrev fehlen die Worte, er sei einfach nur schockiert: „Das ist alles eine Katastrophe. Wir müssen jetzt alles trocknen, dann von Grund auf sanieren.“ Seither arbeitet er den ganzen Tag im Haus: „Wenigstens bin ich versichert“, sagt er. Anders als seine Mieter, die den Schaden selbst tragen müssen.

Existenzangst haben Francesca Cortese (v. r.) und Floriano Gato mit den Kindern Angelo (6) und Alessia (9 Monate). Der Vermieter Demir Öhrev ist schon voll mit den Renovierungsarbeiten beschäftigt.

Vis à vis von den Corteses wohnen Anne und Björn Kramer. Am Wochenende vor dem Hochwasser ist die Familie erst in das Haus eingezogen. Die Bautrockner in den Zimmern laufen auf Hochtouren, der Lärm ist infernalisch. Auch hier Fassungslosigkeit und Verzweiflung. „Rafael fängt am Montag in Dorfen mit der Schule an“, erzählt Anne Kramer (32). Ihre drei Buben sind zwischen sechs Wochen und sieben Jahre alt. „Wo finden wir ad hoc eine Wohnung zur Überbrückung, bis wir wieder einziehen können?“, sorgt sich die Mama.

Auch die Kramers sind nicht versichert: „Das ging alles so schnell, wir hatten ja keine Zeit“, so Björn Kramer (34), den die Überschwemmung nicht nur in finanzieller Hinsicht eiskalt erwischte. „Wir haben für unsere Kinder einen sicheren Ort gesucht, abseits der Großstadt.“

Nachbarin Brigitte M. arbeitet selbst bei einer Versicherung: „Ich wünsche mir, dass alle, die keine Versicherung haben, finanzielle Unterstützung bekommen.“ Die hätten viele Nachbarn auch bitter nötig, der Schaden sei horrend, weiß sie. Auch sie muss vermutlich ihr Haus, indem sie seit 2004 lebt, räumen. Das wird sich aber erst in den nächsten Tagen entscheiden. Ein guter Freund habe eine Ferienwohnung im Bayerischen Wald, möglich, dass sie für die nächsten Monate dorthin ziehe und im Homeoffice bleibe. „Ich bin ein Mensch, der Sicherheit braucht – dieses Chaos macht mich völlig fertig“, sagt M.

Für ihre Versicherung musste sie Fälle von Flutopfern in Ahrweiler abwickeln. „Ich hatte Leute am Telefon, die ihre Verwandten verloren haben – mir kamen die Tränen“, erzählt sie. „Da hatten wir hier in Dorfen noch Glück im Unglück.“ Doch auch sie fühle sich traumatisiert, so wie viele Nachbarn: „Sind wir in unseren Häusern überhaupt noch sicher?“

Überall in der Siedlung wird gearbeitet: Umzugswagen fahren durch die kleine Straße. Die Leute, die in den nächsten Monaten nicht hier leben können, sind mit Packen beschäftigt. In den Häusern versuchen Handwerker, den Schaden zu beheben. Aber trotz allem Frust ist den Leuten auch klar: Sie möchten bald zurückkehren.

Verständlich also die Forderung, die Odin Vollrath formuliert: „Die Nerven liegen blank, wir haben Angst. Wir wollen so was nie wieder erleben“, so der Oberdorfener, der stellvertretend für alle Anwohner schnelle Schutzmaßnahmen vor extremen Wetterereignissen fordert: „Der nächste Starkregen kommt, das ist sicher.“

Michaele Heske

Licht in die Herzen

Das Leserhilfswerk des Erdinger/Dorfener Anzeiger unterstützt unverschuldet in Not geratene Bürger im Landkreis. Spenden sind auf das Konto (Nummer 17 111) bei der Sparkasse Erding möglich. Kontoinhaber: Zeitungsverlag Oberbayern. IBAN: DE54 7005 1995 0000 0171 11, Stichwort Fluthilfe. Auf Wunsch werden Spendenquittungen ausgestellt. Dies vermerken Sie bitte mit Ihrer Adresse auf dem Überweisungsträger. Die Namen der Spender werden veröffentlicht. Wer dies nicht wünscht, vermerkt es ebenfalls auf der Überweisung.

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