Noch gut sichtbar waren im Frühjahr die vielen Krähennester in den Isenauen. ArchivFoto: Hermann Weingartner
+
Noch gut sichtbar waren im Frühjahr die vielen Krähennester in den Isenauen.

Kaum mehr Rabenvögel in Dorfener Isenauen – Anwohner und Experten rätseln über Ursachen

Die Dorfener Krähenkolonie ist verstummt

Himmlische Ruhe in den Dorfener Isenauen: Noch im Frühjahr hatten Anwohner über Belästigung durch Krähen berichtet. Jetzt sind die Vögel weg. Ein Zustand, von dem man am Erdinger Stadtpark nur träumen kann.

Dorfen – Sag mir, wo die Krähen sind, wo sind sie geblieben? Im Frühjahr nisteten noch etwa 80 Brutpaare an der Isenstraße in Dorfen. Die Anwohner beschwerten sich bei der Stadt, denn sie befürchteten, dass die Krähenpopulation noch erheblich größer wird. Mittlerweile hat sich die Zahl der Vögel aber deutlich dezimiert. Bleibt die Frage: Kommen die Krähen im Oktober wieder?

„Die immer größer werdende Population führt zu immer größeren Problemen“, hatte Robert Gauster Mitte März im Umweltausschuss des Dorfener Stadtrats gemahnt. Der Gärtnermeister ist einer der betroffenen Anwohner in den Isenauen. Auf einem benachbarten Grundstück hatten die Saatkrähen seit etwa zehn Jahren immer mehr Nester gebaut. „Das ist eine erhebliche Belastung“, berichtete er, „wegen des ständigen Lärms, des ständigen Drecks“. Gauster und ein Dutzend Anwohner forderten von der Stadt Abhilfe, „dass man dem Problem Herr wird, bevor es unlösbar wird“.

Schon im vergangenen Herbst hatte die Stadt einen Antrag auf Vergrämungsmaßnahmen bei der Regierung von Oberbayern gestellt. Das Problem dabei: Wie für alle Wildvögel gilt auch für die Saatkrähe ein äußerst umfangreicher Schutzstatus. Laut Naturschutzgesetz ist es verboten, diesen Tieren nachzustellen, sie zu fangen, zu verletzen oder zu töten. Auch von Vergrämungsmaßnahmen mit dem Ziel, die Vögel zu vertreiben, rieten die Experten ab, da die Krähen dann wahrscheinlich in der Nähe neue Kolonien aufbauen würden, etwa im nahe gelegenen Stadtpark. Man solle die Kolonien lassen, rieten die Fachleute der Regierung.

Einzige Möglichkeit: Die Eier entnehmen und durch Gipseier ersetzen, was in Dorfen allerdings äußerst schwierig sei, weil die hohen Nistbäume an der Isen nur schwer zugänglich seien.

Nun ist es ruhig geworden in den Isenauen, das Gros der Saatkrähen ist verschwunden. Anders als in Erding, wo die Zahl der Brutpaare ständig wächst und auf mittlerweile 1186 gestiegen ist, so der Stand Anfang August. Gärtnermeister Gauster freut sich über die natürliche Selektion in Dorfen und spekuliert: „Ich glaube, das lag an dem Kälteeinbruch im April, den nur einige frisch geschlüpfte Krähen überlebt haben.“ Die Tiere hätten gemerkt, dass hier kein gutes Nisten sei, und seien deshalb weitergezogen.

Als Franz Leutner, Vorsitzender der Dorfener Ortsgruppe des Landesbunds für Vogelschutz (LBV), davon hörte, schwärmten die Vogelschützer aus. Es seien noch Krähen da, aber bei weitem nicht in der Anzahl wie im Frühjahr, so ihre Beobachtung. Leutner erkundigte sich bei der Regierung von Oberbayern, ob es Vergrämungsmaßnahmen gegeben habe. Die Behörde erklärte, es habe keine Eier-Entnahme stattgefunden. Diese hätte auch genehmigt werden müssen.

Leutner glaubt auch nicht, dass privat Jagd auf die Saatkrähen gemacht worden ist: „Die Baumkronen sind eigentlich viel zu hoch.“ Auch er kann nur spekulieren: „Es gibt eine natürliche Möglichkeit, warum sich Kolonien aufsplittern. Die Population ist zu groß geworden, es gab zu wenig Brutmöglichkeiten und zu wenig Nahrung im Revier – möglich, dass viele Tiere weitergezogen sind.“

Denkbar sei auch, dass die Saatkrähen jetzt in der Mauserzeit ruhiger geworden seien. Denn wenn Rabenvögel Federn lassen, könnten sie zwar fliegen, seien aber wenig aktiv: „Da kann man schon meinen, sie sind nicht mehr da“, so Vogelkundler Leutner. Ob die Krähen wieder auftauchen, werde man im Oktober sehen.

Leutner kann durchaus verstehen, dass sich die Anwohner über die Lärmbelästigung ärgern, dennoch hält er ein Plädoyer für die Vögel: „Saatkrähen spielen eine große Rolle im Naturkreislauf, sie sind Aasfresser. Durch sie werden 80 Prozent der verendeten Tiere entsorgt.“ Es seien auch eher Füchse und Marder, die Kiebitz-Nester plündern, nicht die Saatkrähen, meint er. „Zudem sind die Tiere sehr schlau, deshalb sind Vergrämungsmaßnahmen auch so schwierig.“

MICHAELE HESKE

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare