Immer mehr Menschen greifen zur Flasche: Die Grenze zwischen Gönnen und Brauchen sei „verdammt dünn“, sagt Suchtspezialist Klaus Gering.  Foto: dpa
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Immer mehr Menschen greifen zur Flasche: Die Grenze zwischen Gönnen und Brauchen sei „verdammt dünn“, sagt Suchtspezialist Klaus Gering.

Alkoholkonsum steigt – Experten warnen vor Suchtproblemen – Beratungsangebote

„Die Pandemie ist ein idealer Nährboden“

Seit Beginn der Corona-Pandemie im Frühjahr trinken die Menschen mehr und öfter Alkohol. Experten warnen vor dem Suchtpotenzial.

Taufkirchen/Dorfen – Prosecco hebt die Laune, Rotwein beruhigt die Nerven, und gegen Einsamkeit hilft Wodka Lemon. Die Pandemie hat den Alkoholkonsum steigen lassen, mehr Menschen greifen seither zur Flasche. Das haben Suchtexperten in Dorfen und der Umgebung beobachtet. Die Weihnachtstage sind vorüber, Silvester steht vor der Tür. Zeit, zum Jahresende Bilanz zu ziehen.

„Das Jahr 2020 war für nahezu alle Menschen ein sehr schwieriges Jahr“, sagt der Taufkirchener Psychotherapeut Klaus Gering. Und niemand wisse, wann es besser werde. Denn: Der Lockdown bleibt über den Jahreswechsel hinaus. „Und damit auch Stress, Sorge und Unsicherheit.“

Zur Belohnung ein Gläschen in Ehren, weil man einen weiteren Tag in der Pandemie überstanden hat? Oder zwei, oder auch drei? Wer schon immer auf den „Problemlöser“ Alkohol setzte, ist jetzt besonders gefährdet, in Sucht abzugleiten. „Die Linie zwischen ,Ich gönne mir einen Schnaps‘ und ,Ich brauche einen Schnaps‘ ist verdammt dünn“, sagt Suchtspezialist Gering.

Corona habe das Konsumverhalten deutlich befördert, so Thomas Pölsterl, Leiter der Erdinger Suchtberatungsstelle Prop e.V. „Langeweile, fehlende Sozialkontakte, Frustrationen durch geschlossene Ämter oder keine Ausgleichsmöglichkeiten in der Freizeit und im Sport“, das sind die Gründe, warum häufiger und auch mehr getrunken werde, zählt der Psychotherapeut auf. In Dorfen hat Prop e.V. eine Außensprechstunde am Johannisplatz in den Räumen der Caritas.

In der Coronakrise verstärkten sich in vielen Familien aber auch ganz praktische Probleme: „Arbeitsplatzverlust oder Kurzarbeit etwa. Behörden- und Arztbesuche werden schwieriger“, sagt Pölsterl. Viele Betroffene nehmen keine Hilfe in Anspruch, weil sie fälschlicherweise davon ausgehen, dass die Suchtberatungsstelle geschlossen hat. „Wir haben im harten Lockdown wieder auf Telefon- und Videofon-Termine umgestellt.“ Doch Pölsterl befürchtet: „Manche Alkoholiker glauben, in dieser schwierigen Zeit ist nicht der rechte Zeitpunkt, das Suchtproblem anzugehen.“

Die derzeitige Pandemie-Situation erfordert auch im Taufkirchener Isar-Amper-Klinikum erhöhten Einsatz, erklärt Oberarzt Dr. Christian Brisch. Hier starten gut 800 abhängige Patienten im Jahr den Entzug von Alkohol und Drogen. Brisch verweist auf eine Studie im „Deutschen Ärzteblatt“, die sich auf die erste Welle und den Lockdown im Frühjahr bezieht. „Die Covid-19-Pandemie ist ein idealer Nährboden für Süchte“, heißt es darin.

Warum mehr Süchtige abdriften oder auch warum etliche trockene Alkoholiker rückfällig werden, liege „an einer reduzierten Möglichkeit der ambulanten Versorgung“, meint der Oberarzt: „Auch wenn viele Selbsthilfeorganisationen und -gruppen Online-Angebote haben, so sind diese aus medizinischer Sicht nur ein Notbehelf, können den tatsächlichen persönlichen Kontakt in der Gruppe nicht gänzlich ersetzen.“

Wie die Realität bei manchen aussieht, zeigt ein Beispiel aus der sozialen Beratungsarbeit der Caritas in Dorfen. Sozialarbeiterin Brigitte Fischer betreut Familie W. Das Ehepaar wird durch Corona in Kurzarbeit geschickt, das Einkommen reduziert sich von heute auf morgen jeweils auf 67 Prozent. Trotz Kindergeld wird es sehr knapp. Die Familie lebt sehr ländlich und ist auf zwei Autos angewiesen, da die Eltern sonst nicht zur Arbeitsstelle kommen. Jede Reparatur reißt ein Loch in die Haushaltskasse. Die Kinder gehen in die Schule, durch den Lockdown müssen sie Homeschooling machen, die Eltern sind bei der Unterstützung aufgrund ihrer Existenzängste überfordert. Herr W. ist trockener Alkoholiker, der Lockdown verlangt ihm alles ab, berichtet Fischer.

Doch ein Rückfall sei keineswegs programmiert, so Suchtberater Pölsterl. „Viele trockene Alkoholiker sind gerade jetzt froh um ihre Abstinenz.“ Damit meint er, dass sie ihre Frustrationstoleranz, Problemlösung, Kommunikations- und Konfliktkompetenz im Falle eines Rückfalls nicht aufrechterhalten können. „Sie wissen, dass sie trinkend nicht funktionieren können – und bleiben deshalb clean.“

Michaele Heske

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